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Kabarett-Abteilung des Humor-Musik-Vereins brilliert mit neuem Programm in Hochstadt

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Sozialkritik, in der sich jeder wiedererkennt: Isabella Isabella und Stefan Lohr, die ihre Kinder im Sandkasten zum „Krieg-Spielen“ anspornen.
Sozialkritik, in der sich jeder wiedererkennt: Isabella Isabella und Stefan Lohr, die ihre Kinder im Sandkasten zum „Krieg-Spielen“ anspornen. © Bettina Merkelbach

Kabarett scheint nichts zu sein, was man verlernt. Die Kabarettisten unter den Hochstädter Humoristen sind jedenfalls in ihrem neuen Bühnenprogramm trotz zweijähriger Zwangspause zur Höchstform aufgelaufen. Dabei ging es in den zwei kurzweiligen Stunden im voll besetzten evangelischen Gemeindehaus in Hochstadt weit über den Maintaler Mikrokosmos hinaus.

Maintal –Neben den Kuriositäten der Maintaler Lokalpolitik hat die Kabarett-Abteilung des Humor-Musik-Vereins (HMV) Edelweiß die ganz großen Themen des aktuellen Weltgeschehens mit humoristischem Blick unter die Lupe genommen: Pandemie, Ukraine-Krieg, digitale Transformation. Getreu des Programmtitels „Von obbe nach unne“ gelang es den zurecht preisgekürten Hochstädter Kleinkünstlern, die große Weltbühne trotz immenser Tragweite in den Maintaler Alltag zu projizieren. Zum Beispiel, indem der Krieg zwischen Sören und Igor im Sandkasten auf dem Spielplatz geprobt wurde. Oder indem sich zwei einstige Freundinnen über die Herausforderungen der Pandemie – Impfen, Maske tragen, Ausgehen in großer Gesellschaft, Auslandsreisen – entzweit hatten und das Publikum an ihrem inneren Streit teilhaben ließen.

Technikabhängigkeit des modernen Menschen aufs Korn genommen

Der Plot: Die neunköpfige Crew ist seit zwei Jahren im Kosmos unterwegs. Das Leben im Raumschiff kann aber nicht nur sehr langweilig werden. Es ist auch komplett der Technik ausgeliefert, die – ganz alltagstypisch – ein Eigenleben entwickelt. Wie das aussehen kann, zeigten etwa Dennis Götz und Simone Wilhelm mit dem Mikrozensus mit Künstlicher Intelligenz, der – was Alter und Anzahl anging – nicht sehr schmeichelhaft für die Befragte ausfiel.

Noch mehr aufs Korn nahmen Pia Jost und Stefan Lohr die Technikabhängigkeit des modernen Menschen mit ihrem Beitrag zum Thema „Parship 4.0“: Der mit Virtual-Reality-Brille ausgestattete Lustmolch war auf ein anonymes heißes Online-Date aus, während der zurecht geklickte weibliche Counterpart lediglich einen Klempner suchte, der ihre Heizung reparierte. Urkomisch war auch Pia Josts Soloeinlage, in der sie nach einer hitzigen Diskussion mit einer Vielzahl smarter Haushaltsgeräte schließlich aus den eigenen vier Wänden in den Garten floh.

Maintaler Institutionen und stadtbekannte Größen werden parodiert

Was im Mikrokosmos mit dem neuen Programm einmal mehr gelang, ist eine ebenso sozialkritische wie satirische Annäherung an die Frage, wie Maintalerinnen und Maintaler eigentlich mit den großen Krisen der Welt umgehen. Dabei bekam nicht nur die Bundespolitik ihr Fett weg. Auch Maintaler Institutionen und stadtbekannte Größen wurden gekonnt parodiert. Allen voran Bürgermeisterin Monika Böttcher alias Silvia Koffler, die in meisterhafter Foto-Pose von ihrem Coach Pia Jost lernen musste, wie sie ihren Bürgern auch schlechte Nachrichten übermittelt.

Etwa die, dass der Neubau des Bischofsheimer Bürgerhauses teurer wird als geplant. Das Trio Stefan Lohr, Silvia Koffler und Simone Wilhelm planten den Hochstädter Weihnachtsmarkt in Zeiten von Klimawandel und Krieg ohne Grillwürstchen und Tannen. Und die Freiwilligenagentur Maintal Aktiv geriet zur Parodie, die Brigitte Rosanowitsch-Galinski als frischgebackene Rentnerin „sinnvolle Ehrenämter“ wie Biberberaterin, Waldbademeister oder Ameisen-Beringungsgehilfin vermitteln wollte.

„Von obbe nach unne“ lautete der Titel des Programms: Hier Bürgermeisterin Monika Böttcher alias Silvia Koffler (links) mit Pia Jost.
„Von obbe nach unne“ lautete der Titel des Programms: Hier Bürgermeisterin Monika Böttcher alias Silvia Koffler (links) mit Pia Jost. © Bettina Merkelbach

Letztere brillierte auch mit ihrem Solo als „Grüne“, die sich wunderte, ob denn nun mit dem Bürgerhaus Bischofsheim, dem neuen Maintalbad und dem Bauprojekt auf dem Real-Gelände das „neue Maintal“ gemeint sei, das die Grünen im Wahlkampf gemeinsam bauen wollten. Ein Blick nach Bruchköbel zeige, dass dort ein Rathaus abgerissen, neu gebaut und in Betrieb genommen würde, während die Maintaler Politik weiter diskutiere. Lobende Worte hingegen gab es für ehrenamtliche Interessensgruppen wie die Stadtleitbildgruppe Mainufer, die als „einzig aktive Gruppe“ das Dörnigheimer Mainufer in ein Naherholungsgebiet verwandele. Videoeinspieler wie die hessisch babbelnde Rakete lockerten die Sketchszenen auf. Natürlich durfte auch eine musikalische Einlage nicht fehlen: Gisela Jeske sehnte sich nach dem Karneval und sah ihn in ferner Zukunft trotzdem noch unter Pandemievorzeichen.

Der technisch und organisatorisch minutiös reibungslose Ablauf des Kabarettprogramms ließ erahnen, dass hinter den Mimen auf der Bühne eine noch viel größere Mannschaft stand, die den Auftritt hinter den Kulissen begleitete. Sei es mit Bühnenbild, Technik und nicht zu vergessen die Autoren, die den Darstellern die Texte auf den Leib geschrieben haben. „Wir waren aufgeregter als sonst, weil wir zwei Jahre lang nicht auf der Bühne standen. Aber wir haben uns jeden Abend gesteigert und sind sehr zufrieden“, resümierte Wolf Heiser nach dem Finale am Sonntagabend.

Von Bettina Merkelbach

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