Gertrud Agel, Margarethe Pawellek und Ewald Raab – sie haben dem Sozialverband VdK viel zu verdanken und halten dem Bischofsheimer Ortsverband unter dem Vorsitz von Hiltrud Bräuer (Zweite von rechts) seit Jahrzehnten die Treue. Foto: Rainer Habermann

Maintal

70 Jahre Sozialverband: VdK Bischofsheim kämpft um Mitglieder

Maintal. 1949: Was für ein Jahr! Kaum eine halbe Dekade seit Ende des Zweiten Weltkriegs, die Bundesrepublik Deutschland aus der Taufe gehoben und die ersten Ruinen beseitigt oder wieder aufgebaut, das Grundgesetz zur Verfassung des neuen Staates gemacht – und die Gründung des VdK-Ortsverbandes Bischofsheim.

Von Rainer Habermann

VdK, das war damals noch wörtlich zu nehmen als „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“. Heute ist er der größte Sozialverband der Republik mit über zwei Millionen Mitgliedern und vertritt die sozialpolitischen Interessen aller Bürger.

Rente für alle gefordert

„Rente für alle“ lautet das Motto 2019. Es geht dem VdK um Rentengerechtigkeit und die Vermeidung von Altersarmut. Ein Thema, das gerade jetzt, mit den aktuellen Berliner Koalitionsbeschlüssen zur Rente, wieder höchst umstritten ist.

Doch wie war das damals wirklich, als der Ortsverband Bischofsheim gegründet wurde? Wir treffen Zeitzeugen, „Arbeitstiere“, und relativ junge Menschen, die sich um den Fortbestand der Organisation in Zeiten kümmern, die eher von einem Vereinssterben, von Überalterung und von dem Problem geprägt sind, niemanden zu finden, der es macht. Nämlich in einem Vorstand auch Verantwortung zu übernehmen für die Ziele eines Vereins, der gerade die soziale Interessenvertretung der eigenen Vereinsmitglieder zum Inhalt hat.

Vorstand steht nach Startschwierigkeiten

Rund 370 sind es im VdK Bischofsheim. Nach ein paar Jahren relativer Ineffektivität und dem Rücktritt des kompletten Vorstands 2015 hat der Ortsverband mittlerweile wieder einen, wenn auch unterbesetzten, so doch funktionierenden Vorstand. Mit Hiltrud Bräuer an der Spitze. Sie gehört mit 59 Jahren zu den „Jungspunden“ in diesem, gemessen am Durchschnittsalter der Mitglieder, doch sehr alten Verein. „Einer muss es doch machen“, entschied sie 2017. Und, 1960 geboren, kennt sie sich „a bisserl mit Computern aus. Da habe ich mich eben bereit erklärt, den Vorsitz zu machen“.

Im Stadtteilzentrum Bischofsheim, wo sich der VdK regelmäßig jeden dritten Samstag im Monat ab 15 Uhr zu seinen Info-Nachmittagen trifft (übrigens offen für alle Bürger), sitzen unserem Reporter aber noch drei weitere Menschen gegenüber, die alle das Kriterium „Zeitzeugen“ mehr oder weniger erfüllen.

Von Ostpreußen nach Bischofsheim

Da ist zunächst Margarethe Pawellek, 94 Jahre jung und 1925 in Ostpreußen geboren. „Ich bin 1953 in den VdK eingetreten, denn ich war ja in russischer Kriegsgefangenschaft, wurde aus Ostpreußen verschleppt und hatte beinahe meine Hand verloren, weil eine Sehne durchtrennt war. Durch den VdK wurde meine Behinderung wenigstens zu zehn Prozent anerkannt“, erzählt Pawellek.

Neben ihr sitzt Gertrud Agel, Jahrgang 1942 und seit 1998 Mitglied im Ortsverband Bischofsheim. Sie ist so etwas wie das Gedächtnis des Vereins, hat einen dicken Ordner dabei, in dem sämtliche Zeitungsartikel und ganz viele Bilder aus der Geschichte des VdK sauber abgeheftet sind. Zehn Jahre lang war sie auch Kassiererin. Sie hat eigentlich die Geschichte ihres Mannes, inzwischen verstorben, zum Vereinsbeitritt gebracht.

Sozialverband kann in vielen Fällen helfen

„Mein Mann war krank, konnte nicht mehr arbeiten gehen. Aber man hat ihm die Rente verweigert. Dann sagte sein behandelnder Arzt: 'Gehen Sie doch mal zum Herrn Keller (damaliger Vorsitzender des Bischofsheimer VdK; Anm. d. Red.). Und wenn Sie da Mitglied werden, bekommen Sie auch kostenlos einen Anwalt.' Der Fall ging dann sogar vor das Sozialgericht. Wir haben gewonnen, und mein Mann bekam seine Rente als Folge seiner Kriegsverletzung anerkannt.“

Zwei Geschichten, die ziemlich genau die Funktion des Sozialverbands VdK belegen, denn – wenn auch heute etwas verändert –, kümmert er sich um die sozialen Interessen seiner Mitglieder, deren Zahl ja nicht von ungefähr kommt. Ein weiterer „Fall“ scheint noch bedrückender und zeigt, wie wichtig eine soziale Interessenvertretung ist.

Sparkurse treffen Versehrte hart

„Heute fast wichtiger denn je, in Zeiten, wo an allem gespart wird, vor allem an den 'Unteren der Gesellschaft', will ich mal so sagen“, ergänzt Bräuer, die Vorsitzende, zerknirscht. Ewald Raab aus der Rhön sitzt ebenfalls in der Runde, Jahrgang 1923, heute Maintaler und 96 Jahre alt. Er hört schlecht. „Aber jeweils 2000 Euro bezahlen, für ein Hörgerät auf jeder Seite, das ist nicht mehr drin“, sagt der Senior resigniert. Was auch ein Indiz für die „kostendeckende Ausrichtung des Gesundheitssektors“ sein könnte. „Plus: Die Formularflut, die gerade ältere Mitmenschen nicht oder kaum mehr bewältigen können, hat extrem zugenommen“, wirft wiederum Bräuer ein.

Raabs Geschichte ist eine ebenfalls „typische“ für den VdK. „Ich war Kriegsbeschädigter, und wir haben damals mal zehn Mark bekommen. Alleine, das gilt heute wie damals, sind Sie nichts vor den Behörden“, schildert der 96-Jährige, der bei völlig klarem Verstand ist. „Aber wenn Sie zwei Millionen Menschen sind, die ja auch zur Wahl gehen, dann können Sie sich schon Gehör verschaffen bei Politikern und Ämtern.“

Mitglieder bleiben oft ein Leben lang

Raab war im Zweiten Weltkrieg Bordfunker bei der Luftwaffe. Mit einem zerschossenen Fuß und der Teilamputation, dann auch noch Erfrierungen an den Gliedmaßen, bedingt durch die winterliche Flucht vor den Russen, gehörte er – wie alle anderen Deutschen – zu den Verlierern des Krieges. 1953 trat Raab in den VdK ein. Seitdem ist er dem Verband – quasi ein Leben lang – treu geblieben, zahlt jeden Monat seine Beiträge. Und hat damals wie heute Unterstützung in seinen sozialen Anliegen.

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