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Mit der Zerstörung des Hauses an der Steinheimer Straße war für Gisela Kleems Familie das Kapitel Hanau abgeschlossen. Die Zukunft lag in Bischofsheim – und die begann mit einem kleinen Behelfsheim.

THEMENSCHWERPUNKT: ZEIT ZUM ERINNERN

„Wir sahen Hanau brennen“: Gisela Kleem erinnert sich noch gut an den Bombenangriff vor 75 Jahren

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Man könnte meinen, dass Gisela Kleem eigentlich zu jung sein muss, um sich an den verheerenden alliierten Bombenangriff auf Hanau vom 19. März 1945 zu erinnern. Als Vierjährige erlebte Gisela Schneider, wie sie damals noch hieß, das Feuerinferno aus sicherer Entfernung von Bischofsheim aus.

 Und sie hat es bis heute nicht vergessen: „Wir sahen Hanau brennen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung im März 2020, 75 Jahre danach. An einen hellen Feuerschein erinnere sie sich, sagt Gisela Kleem, so gewaltig, dass sie und ihre Mutter ihn aus dem ersten Stock ihres Wohnhauses am damaligen Ortsrand von Bischofsheim sehen konnten. 

Was an jenem 19. März im Feuersturm unterging, war ihre Heimatstadt. Denn Gisela Kleems eigentliches Zuhause stand in der Steinheimer Straße in Hanau, in der Brüder-Grimm-Stadt kam sie im Januar 1941 zur Welt. In der Steinheimer Straße 11, in einer ehemaligen Gaststätte namens „Deutsches Haus“, betrieb ihr Vater, gelernter Mechaniker, eine Fahrradreparaturwerkstatt. 

In Bombennacht war sie in Bischofsheim

Als Hanau am 19. März 1945 in Schutt und Asche fiel und auch die Häuser an der Steinheimer Straße schwer getroffen wurden, war niemand von Gisela Kleems Familie vor Ort: Ihr Vater, als Soldat im Ersten Weltkrieg schwer verwundet, war dienstverpflichtet und nach Oberschlesien abkommandiert worden. Ihre ältere Schwester lernte auf einem Landgut in der Nähe von Schlüchtern. Sie selbst und ihre Mutter hatten schon vorher Hanau verlassen, waren zeitweise an verschiedenen Orten im Umland untergekommen, unter anderem bei Verwandten in Bischofsheim.

 „Meine Mutter fand es für uns in Hanau zu gefährlich, denn schon vor dem 19. März waren die Eisenbahnanlagen und der Hafen bombardiert worden“, erzählt die heute 79-Jährige. Hanau zu verlassen, erwies sich als glückliche Entscheidung: „Meine Mutter fuhr nach dem Angriff mit dem Fahrrad in die Steinheimer Straße. Unser Haus war zerstört, die Bewohner waren im Keller erstickt.“ Das habe ihre Mutter ihr erst später, als sie älter war, erzählt. Einige Nachbarn hätten sich durch Durchbrüche, die zuvor zu den Höfen geschlagen worden waren, retten können.

Elternhaus in Hanau wurde zerstört

Mit der Zerstörung ihres Hauses an der Steinheimer Straße war das Kapitel Hanau für die damalige Familie Schneider abgeschlossen. Die Stadt zahlte später noch eine finanzielle Entschädigung, doch keiner wollte mehr zurück. Die Zukunft lag in Bischofsheim. 

Dort fanden sich alle wieder: Gisela Kleems Vater kehrte nach dem Krieg zurück, ihre Schwester hatte ihre Ausbildung abgeschlossen und auch ihr Großvater, ebenfalls in Hanau ausgebombt, stieß dazu. Die finanzielle Zukunft der Familie kam auf zwei Rädern angerollt: Gisela Kleems Vater arbeitete wieder als Zweiradmechaniker, reparierte – anfangs in einem Ziegenstall – Fahrräder.

Neuanfang nach Kriegsende: Vater reparierte Fahrräder

„Fahrräder waren nach dem Krieg das Wichtigste“, erinnert sich die gebürtige Hanauerin. Arbeiter brachten morgens ihre defekten Drahtesel zu ihrem Vater, nach Feierabend konnten sie die repariert wieder abholen. „Da fing das Geschäft an“, sagt Gisela Kleem. Dann erweiterte ihr Vater seinen Laden, verkaufte auch fabrikneue Räder, „von den Bauer-Werken aus Klein-Auheim“, so Kleem. Was die Familie jetzt noch brauchte, war ein Dach über dem Kopf. Und auch das kam auf Rädern angerollt. „Wir haben unser Haus am Bahnhof abgeholt“, erzählt Gisela Kleem mit einem verschmitzten Lächeln.

Wieder ein Dach über dem Kopf: Das Behelfsheim wurde über die Jahre ausgebaut und erweitert. Gisela Kleem wohnt seit 19 Jahren mit ihrem Mann Karl wieder dort.

 Über einen Kontakt ihres Onkels konnte sich die Familie ein sogenanntes Behelfsheim – heute würde man wohl Fertighaus sagen – aus Ingolstadt sichern. Das wurde in Einzelteile zerlegt und per Bahn zum Bahnhof Frankfurt-Mainkur geliefert, wie der Frachtbrief aus dem Jahr 1947 besagt, den Gisela Kleem aus ihren Unterlagen hervorholt. „Es war ein Glücksgefühl, wieder ein Dach über dem Kopf zu haben“, sagt die 79-Jährige. Unter diesem Dach lebten fünf Personen aus drei Generationen. Die Familie wuchs, ihre ältere Schwester heiratete, und das Haus wuchs durch mehrere Anbauten mit. 

Später lebte Gisela Kleem mit ihrem Mann auch wieder in Hanau

Obwohl ihr Vater altersbedingt – er war Jahrgang 1894 – bereits 1960 das Geschäft aufgab, sei der Name „Fahrrad Schneider“ immer noch ein Begriff. „Ich werde heute noch von Menschen angesprochen, die mir erzählen, dass sie bei meinem Vater ein Fahrrad gekauft haben“, freut sich Gisela Kleem.

 Sie selbst arbeitete als Arzthelferin, war viele Jahre ehrenamtlich engagiert, lebte berufsbedingt an ganz unterschiedlichen Orten. Unter anderem von 1983 bis 2001 auch wieder in Hanau, als ihr Ehemann Karl Kleem, der bei unserem Gespräch mit am Tisch sitzt, in dieser Zeit als Pfarrer im Martin-Luther-Stift tätig war. 

Seit rund 19 Jahren lebt Gisela Kleem mit ihrem Mann wieder im Haus ihrer Eltern in Bischofsheim. Und Hanau? Sie hätten, sagt Karl Kleem auch mit Bezug auf seine Arbeit als Pfarrer, dort viel Trauriges erlebt. Und dennoch: Mag das idyllische Häuschen im Westen Maintals ihr Zuhause sein, sagen Gisela und Karl Kleem: „Wir fühlen uns mit Hanau sehr verbunden.“

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