Die Brüder Grimm ganz lebendig: Seit zehn Jahren schlüpfen der Wachenbucher Ulrich Lüer (rechts) und Wolfgang Kamberg aus Frankfurt bei Kostümführungen durch Hanau in die Rollen von Jacob und Wilhelm Grimm. Foto: Stadt Hanau

Maintal

Jacob Grimm wird bei Stadtführung von Wachenbucher verkörpert

Maintal. Jacob Grimm ist Maintaler. Genauer gesagt Wachenbucher. Das hätten die Hanauer nicht erwartet. Doch der Mann, der sich bei den Führungen durch Hanaus Innenstadt als Jacob Grimm vorstellt, hat seine Heimat im kleinsten Maintaler Stadtteil.

Von Martina Faust

Seit zehn Jahren bereits schlüpft Ulrich Lüer in die Rolle des berühmten Märchensammlers, begleitet von seinem Bruder Wilhelm, der übrigens Frankfurter ist.

Zum Gespräch mit unserer Zeitung kommt Jacob Grimm nicht allein. „Ohne meinen Bruder komme ich nicht“, kündigt er bei der Terminabsprache an. Und so sitzen die unzertrennlichen Brüder gemeinsam im Verlagshaus. „Wir waren unser ganzes Leben zusammen, außer, wenn einer verreist war“, beschreibt Wilhelm Grimm die enge Bindung.

Er kennt die Stärken und Schwächen des Charakters

Im wahren Leben heißt Wilhelm Grimm Wolfgang Kamberg. Doch mit dem berühmten Sohn der Stadt kann er sich gut identifizieren. Viel hat er in den vergangenen Jahren über den jüngeren der Brüder Grimm gelesen, kennt dessen Lebensweg, seine – auch kulinarischen – Vorlieben, seine Stärken und Schwächen. Ebenso wie Ulrich Lüer, der Jacob Grimm als „recht distanziert, sehr geradlinig, streng und fast schon pedantisch“ beschreibt. „Wenn Jacob einen Text verfasst hat, dann hat er druckreif geschrieben. Bei mir sah die Seite schlimm aus“, räumt Kamberg ein.

Es wird im Verlauf des Gesprächs noch häufiger passieren, dass die beiden Stadtführer die Erzählperspektive wechseln und unbeabsichtigt in die Ich- und Wir-Form rutschen, sobald sie auf die Brüder Grimm zu sprechen kennen. Aus deren Leben kennen sie so ziemlich alle bekannten und unbekannten Details. „Ich weiß noch, wie Du Deinen wunden Po gepudert bekamst“, erzählt Wilhelm neckend und Jacob braust entrüstet auf ob der Veröffentlichung solch intimer Einblicke in sein Privatleben. „Zum letzten Mal: Du sollst das nicht öffentlich erzählen“, beginnt der Ältere zu schimpfen.

Vielseitigkeit der Gebrüder Grimm sei spannend

Die Anreicherung ihrer Stadtführung durch schauspielerische Szenen gehört für die beiden dazu. Vor allem Ulrich Lüer als langjähriger begeisterter Laienschauspieler und Regisseur beim „Wachenbücher Weltbühnchen“ ist dann voll in seinem Element. Manchmal zu sehr. Dann improvisiert er einzelne Szenen und lässt seinen Kollegen hilflos zurück, der verzweifelt versucht, den roten Faden wieder aufzugreifen. Aber irgendwie finden sie immer wieder zusammen – im vergangenen wie im gegenwärtigen Leben.

„Mich fasziniert die Vielseitigkeit der Brüder Grimm und dass sie ihr Versprechen gehalten haben, immer zusammenzubleiben und sich der deutschen Sprache zu widmen“, sagt Kamberg. Auch privat sind die „Grimms“ längst freundschaftlich verbunden. „Wir haben viel gemeinsam“, sagt Lüer, „wir sind beide Ingenieure und bastelbegeisterte Techniker“. Und geschichtsaffin. Seitenweise haben sie gebüffelt.

Es gäbe viel zu erzählen

„Die Ausbildung zum Stadtführer war eine harte Tour. Ein halbes Jahr lang habe ich einmal wöchentlich die Schulbank gedrückt. Inklusive Prüfung“, erinnert sich Lüer. Und auch Kamberg ist der „halbe Meter Hanau“, durch den er sich gelesen hat, gut im Gedächtnis geblieben. Doch geschichtliches Wissen ist unerlässlich, schließlich lässt das Duo nicht nur die beiden berühmten Söhne wiederaufstehen, sondern die Zeit um 1800 wieder lebendig werden – die gesellschaftlichen Verhältnisse, Architektur, medizinische Versorgung und was sonst noch zum täglichen Leben auch der Familie Grimm gehörte.

Viel gibt es zu erzählen, vor allem, „weil die Grimms so wahnsinnig vielseitig waren, nicht nur literarisch, sondern auch politisch“, sagt Kamberg. „Wir müssen uns bemühen, die zwei Stunden, die eine Stadtführung dauert, nicht zu überziehen“, ergänzt Lüer lachend.

Unbändige Produktivität

Beide sind fasziniert von den historischen Figuren, die sie verkörpern. „Mir gefällt diese ungeheure Konzentration auf die Sache. Die haben Tag für Tag am Schreibtisch gesessen und gelesen oder geschrieben“, sagt Lüer, „Allein die Grammatik umfasst 6000 handgeschriebene Seiten. Das muss man sich mal vorstellen“, verweist auf die unbändige Produktivität, aber auch das immense Wissen, das beide gesammelt haben und das auch dank Jacob Ulrich Lüer-Grimm und Wilhelm Wolfgang Kamberg-Grimm lebendig wird.

InformationenWer dabei sein möchte, wenn Jacob und Wilhelm Grimm in originalgetreuen Kostümen mitnehmen zu Hanauer Orten und Plätzen ihrer Kindheit und dabei ein anschauliches Bild nicht nur von ihrem Leben und Schaffen, sondern vom Alltag um 1800 geben, kann sich an die Tourist-Information im Rathaus Hanau, Am Markt 14-18, wenden oder über den Hanau Laden Kontakt aufnehmen, Am Freiheitsplatz 3, Telefon 0 61 81/4 27 78 99.

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