Maintal

Hochstädter Lyriknacht im Zeichen von Poesie, Natur und Sarkasmus

Maintal. Die neunte Hochstädter Lyriknacht in der evangelischen Kirche des Stadtteils bot nicht nur Lyrik, Poesie und manchmal auch einigen Sarkasmus, sondern wie üblich war sie ein Kulturereignis mit viel Musik.

Von Rainer HabermannDie Veranstaltungsreihe im Gedenken an den 2008 verstorbenen Frankfurter Dichter, Grafiker und Schriftsteller Horst Bingel, dessen Witwe Barbara Bingel die Lyriknacht eröffnete, ist eine Hommage an das Wort, ob es nun sprachlich oder musikalisch zum Ausdruck kommt. Fünf gestandene Autoren und zwei Debütanten in der Kunst der lyrischen Prosa und Poesie wechselten sich mit kurzen teils mit sphärischen, teils mit Boogie-Woogie-Elementen versehenen Jazznummern von Bernhardt Brand-Hofmeister an Orgel und Piano sowie Stephan Völker am Saxofon ab.

Ein geballter Klangorkan aus Altarraum, in dem der Vorlesetisch untergebracht war, und Empore, auf welcher die Musiker Stellung bezogen hatten, sozusagen.

Der TAGESANZEIGER hatte die Literaten vergangene Woche bereits ausführlich vorgestellt, ebenso die Veranstalter „Horst Bingel Stiftung für Literatur“ und „Bürgerstiftung Maintal“ in Kooperation mit dem „Hessischen Literaturforum im Mousonturm“. Alle sieben Autoren, ausführlich und humorvoll vorgestellt von Moderator Harry Oberländer, erhielten viel Beifall für ihre Interpretationen; ebenso die Instrumentalisten.

Beeindruckende Ausdrucksstärke einiger Vorleser

Besonders beeindruckte allerdings auch die Ausdrucksstärke einiger Vorleser aus ihren eigenen Werken. So imponierte der Dresdener Thomas Rosenlöcher, 2010/2011 Stadtschreiber von Bergen, mit seiner markanten Stimme und seinem facettenreichen Duktus. Die Zuhörer hingen ihm bei seinem Zehn-Minuten-Gedicht „Mäandertal“ förmlich an den Lippen.

Ulrike Almut Sandig sang sogar gemeinsam mit dem Publikum das „Donna nobis pacem“ und überzeugte mit ihrer frech-ironischen, aber überaus freundlichen Art. Sie verdient durchaus das Etikett einer politischen Lyrikerin (Oberländer), wenn denn Etiketten vonnöten sind. Ihre teils an Sarkasmus erinnernden Zeilen vom „Schlauraffenland Deutschland“, das Flüchtlinge aus dutzenden Gründen ansteuern, aber darin nicht das finden, was sie eigentlich suchen, stimmten nachdenklich.

Ihr Satz: „Ein Gedicht darf alles, Sie müssen es sich nur vorstellen, schon geschieht es“, könnte fast als apodiktisch aufgefasst werden. Doch bei Sandigs an Bingel gerichtete Frage: „Wieviel Zeit habe ich noch?“, entfuhr einem Gast: „Soviel Sie wollen“. Der Beifall und das Lachen im gut gefüllten Kirchenrund deuteten an, dass die Berlinerin trotz deutlicher Zeitüberziehung aus diesem Abend wohl, wäre die Lyriknacht ein „Poetry Slam“ gewesen, als Publikumsliebling hervorgegangen wäre.

Applaus für alle Lyriker

Doch auch alle anderen Lyriker, ob Andreas Altmann, Thomas Bachmann, Carolin Callies oder die beiden Debütanten Lea Weiss und Konstantin Petry, erhielten viel Applaus und begeisterten mit kreativen Schöpfungen. Zwei Stimmen dazu aus dem Publikum: von Gudrun Randt aus Hochstadt, die eine eingefleischte Lyriknacht-Gängerin ist, und von Barbara Breiding aus Bruchköbel, Neuling bei der Veranstaltungsreihe.

„Vor allem Herr Altmann, von dem ich gerade auch ein weiteres Buch gekauft habe, spricht mich sehr an, weil ich naturbezogene Lyrik mag“, sagt Randt. „Vom Vortrag her, also von seiner Art des Lesens, fand ich Thomas Bachmann sehr ausdrucksstark“, meint Breiding.

Was sie bemängeln: Dass angesichts der Komplexität mancher Lyrik am Abend ein Skript gut getan hätte. Ihre Lösung: „Die Werke der Autoren kaufen – das haben alle verdient“, lächeln beide.

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