Der Kock-Prozess hielt die Öffentlichkeit und die Justiz lange in Atem. Symbolfoto: Becker

Maintal

Gerichtsreporter Dieter A. Graber ordnet den Klock-Prozess ein

Hanau/Maintal. Unser Gerichtsreporter Dieter A. Graber hat den Klock-Prozess seit 2015 begleitet und meint: „Die Charakterfrage stand zu sehr im Vordergrund“. Seine Einordnung des Verfahrens.

Von Dieter A. Graber

Im Klock-Prozess warteten die Nebenkläger von Beginn an mit einer kruden Theorie auf: Klaus-Dieter B. und sein Sohn Claus Pierre hätten das Ehepaar auf der Main River Ranch heimtückisch in eine Falle gelockt, um es dann zu erstechen, beziehungsweise zu erschießen. Damit gingen sie in die Medien, auch ins Fernsehen. Und je weniger diese fixe Idee im Verlauf der beiden Prozesse noch mit den Gesetzen der Logik in Einklang zu bringen war, desto verbissener hielten sie daran fest.

Um Mord oder Notwehr ging es in dem Verfahren, nicht um die Einordnung der Sieglinde und des Harry Klock als nette oder unsympathische Zeitgenossen. Das bleibt am Ende noch einmal klarzustellen! Gleichwohl trat die Charakterfrage im Laufe der Beweisaufnahme zunehmend in den Vordergrund. Leumundszeugen zeichneten unterschiedliche, widersprüchliche Bilder vom Wesen der beiden. Vor Gericht ist es halt wie im wirklichen Leben: Mal stimmt die Chemie, mal nicht. Was für den einen enne fiese Möpp, gilt dem anderen als dufter Kumpel. Der Wahrheitsfindung diente es nicht.

NebenklageDie Nebenklageanwälte Michael Bauer und Anne-Marie Skuqi (Eschborn) sowie Jörg Dietrich (Frankfurt) setzten sich in Szene. Sie gingen auf Konfrontationskurs zur Kammer. Das war unnötig. Die Liste ihrer Beweisanträge wurde lang und länger.

Da ist die Sache mit Frau S., die zur Tatzeit auf dem Nachbarhof, gut 120 Meter entfernt, gedöst hat. Oder geschlafen. Sie schilderte es mal so, mal so. Zwei Knallgeräusche will sie aber vernommen haben. „Puff-puff!“ Anfangs war sie sich nicht so sicher, aber später, je mehr sie als Zeugin in den Mittelpunkt des Verfahrens rückte, schon: „Eindeutig Schüsse!“

Dreh- und AngelpunktIn Verkennung der rechtlichen Umstände geriet dies für Bauer-Skuqi-Dietrich zum Dreh- und Angelpunkt des Falles: Handelte es sich tatsächlich um die beiden Schüsse, mit denen Sieglinde Klock getötet wurde, und waren diese nicht von Hundegebell begleitet, wie Frau S. sich zu erinnern glaubt, so müsse es Mord gewesen sein. Dann könne das Geschehen nämlich nicht abgelaufen sein wie von Claus Pierre B. geschildert – als verzweifeltes Ringen um Leben und Tod nach dem Messerangriff durch Harry Klock.

Auf jeden Fall hätten dessen frei umherlaufende Hunde angeschlagen … Zirkelschluss heißt das. Eine sich selbst beweisende Behauptung. Aber haben die Dogo Canarios wirklich nicht Laut gegeben? Oder hatte Frau S. nur einfach nicht darauf geachtet, weil Knurren und Kläffen hier draußen, wo sich Vierbeiner das Terrain mit Radlern und Joggern teilen, zur Dauerbeschallung gehören? Um welches Geräusch handelte es sich bei dem „Puff-puff!“ tatsächlich? Und vor allem: Befand sich die Ohrenzeugin zur Zeit des Geschehens – nach 13 Uhr am 6. Juni 2014 – überhaupt noch in ihrem Liegestuhl auf dem Nachbargrundstück?

Keine ÜberraschungIm Strafverfahren spricht nicht der Konjunktiv das Urteil. Die Schilderung des Angeklagten Claus Pierre B. einer Notwehrsituation, seine nunmehr exakt dokumentierten Einlassungen sind nicht zu widerlegen: seine Angst vor Harry Klock, dessen wütende Attacke, weil er die Miete nicht bekam, die er so dringend brauchte, der Messerkampf … Es gab auch in diesem zweiten Prozess keine neuen Erkenntnisse, und so blieb alles, wie es war.

Nein, eine Überraschung ist das nicht. Schließlich hatte der BGH die vorangegangenen Freisprüche wegen Notwehr ja auch nicht aufgrund anderer Rechtsansicht kassiert, sondern lediglich Herleitungsfehler moniert.

Was bleibtDie 2. Große Strafkammer half dem Reparaturbedarf nun ab. Mehr war nicht zu tun. Die Vorstellung, das ganze Verfahren beginne bei null und werde zu einem völlig anderen Ergebnis führen, wie die Nebenklageanwälte dies noch vor einem Jahr euphorisch verlauten ließen, war ein Irrtum. Einer, der guten Juristen eigentlich nicht unterlaufen darf.

Was von den Klocks im öffentlichen Gedächtnis bleibt, hat eine düstere Seite. Es ist das Bild einer ehelichen Notgemeinschaft, die mit allerlei Tricks dies- und jenseits der Legalität um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfte, verzweifelt, muss man sagen, sich an ihren großen Traum vom Rentnerleben in Spanien klammerte und ausgerechnet jene mit menschenverachtender Drangsal schikanierte, denen es noch schlechter ging. Es ist ein bitterer Beigeschmack, der von dieser Beweisaufnahme übrig bleibt.

Tragik des VerfahrensDas muss weh tun in der Seele von Angehörigen und Freunden. Wütend machen. Es ist die Tragik dieses Verfahrens. Trotzig rief Tochter Nicole angesichts der vielen negativen Zuschreibungen ihrer Eltern im Zeugenstand einmal aus: „Ich hatte einen guten, liebevollen Vater!“

Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass er es nicht war. Aber mit so etwas konfrontiert zu werden, gehört zu den Risiken einer Nebenklage.

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