Groß ist die Auswahl bei den Backwaren. Da kann Christiane Müller aussuchen, was dem Sohnemann schmeckt. Foto: Faust

Maintal

Zu Gast bei der Maintaler Tafel

Maintal. Für immer mehr Menschen sind Lebensmittel unbezahlbar. Deshalb gibt es die Tafeln. Sie sorgen in betroffenen Haushalten tatsächlich für gedeckte Tische und setzen gleichzeitig ein Zeichen gegen die sinnlose Verschwendung von Lebensmitteln. Anlässlich des heutigen Tafel-Tags begleitete unsere Zeitung einen Ausgabetag.

Von Martina Faust

Es ist Freitagmorgen, halb zehn. Vor den Türen der Neckarstraße 13 stehen einige Frauen und plaudern. Neben sich große, leere Einkaufstaschen. Sie warten auf die Öffnung der Tafel Maintal. Es ist ruhig.

Anders jenseits der verschlossenen Türen. Hier herrscht emsige Betriebsamkeit. Routiniert wird die Ausgabe vorbereitet. Die Einholer treffen ein und bringen Stiegen voll Lebensmitteln aus den Maintaler Supermärkten mit. „Globus, Real, Lidl, Aldi, Penny, Tegut und Rewe gehören zu unseren Partnern“, erklärt Peter Koperski, der an diesem Tag die Ausgabe leitet.

Produkte werden täglich sortiert

Obst und Gemüse werden direkt zur Ausgabe gebracht, wo Gudrun Siebert, Monika Zieske und Horst Zimmermann bereits sortieren. Das Angebot ist breit gefächert, die Auswahl an Obst und Gemüse an diesem Tag groß. Manches ist welk oder überreif und wandert direkt in die Biotonne.

Verderbliche Lebensmittel kommen erstmal in den Kühlraum mit einer Temperatur von circa fünf Grad Celsius. Hier stapeln sich Kisten, vor allem mit Joghurt, geordnet nach Haltbarkeitsdatum. „Alles, was die Einholer bringen, wird täglich sortiert“, erklärt Peter Koperski. Sollte einmal ein Überangebot oder Mangel an einem Grundnahrungsmittel vorhanden sein, tauscht man sich mit den befreundeten Tafeln in Hanau, Offenbach und Bad Vilbel aus. „Eine ganze Palette Milch kriegen hier wir zum Beispiel nicht los“, sagt Koperski.

Angebot variiert sehr stark

Der „Einkauf“ bei der Tafel ist ein wenig wie die von der Filmfigur Forrest Gump zitierte Schachtel Pralinen: Man weiß nie, was man kriegt. „Wir hatten schon Tage, an denen wir nur eine Kiste Äpfel hatten. Sonst nichts“, sagt Horst Zimmermann, der heute Tüten mit Obst und Gemüse für die Abholer vorpackt.

Dieses Überraschungsmoment kennt auch Christiane Müller. Sie kommt seit etwa fünf Jahren zur Tafel. „Ich habe auch schon Lebensmittel mitgenommen, die ich gar nicht kenne. Aber wir probieren alles, und von einigen Damen gibt es manchmal sogar Kochtipps“, lacht sie. Mit der Auswahl ist sie zufrieden. „Was fehlt, hole ich später im Supermarkt“, sagt sie.

„Der Kleine wird verwöhnt“

Sobald sie die volle Einkaufstasche nach Hause trägt, entscheidet sie je nach Inhalt, was in den nächsten Tagen gekocht wird. Denn was die Tafel vorrätig hat, wechselt – je nachdem, was die Supermärkten abgeben. Was Christiane Müller aber mit Sicherheit weiß, ist, dass ihr Sohn nie zu kurz kommt. „Der Kleine wird verwöhnt“, erzählt sie lächelnd. Weil Ausgeber und Abholer sich gut kennen, gibt es oft etwas Besonderes nur für den Sohnemann. „Man wird auch immer gefragt, was man möchte und darf Wünsche äußern“, ist die Mutter angetan von der zuvorkommende freundlichen Art der ehrenamtlichen Helfer.

Aber es gibt auch Grenzen. „Manche Menschen sind unangenehm. Die kommen mit einer extremen Anspruchshaltung hierher und haben die Idee einer Rundumversorgung“, erzählt Horst Zimmermann. Das kann die Tafel nicht leisten. Sie versteht sich als Zusatzversorgung. Doch ist recht vielseitig. An diesem Freitag gibt es unter anderem verschiedene Obst- und Gemüsesorten, Milch, Joghurt, Nudeln, Reis, Mehl, Zucker, Butter, Wurst, Fleisch, Käse, Brot, Brötchen, Toast, Stückchen, Süßwaren, es ist so ziemlich alles da.

„Ich arbeite Teilzeit als Zahnarzthelferin und muss trotzdem hierher kommen“

Nebenan im Textil-Shop gibt es günstig Kleidung zu erwerben. „Ich habe hier mal eine nagelneue rote Winterjacke gefunden. Die saß wie angegossen“, erzählt Christiane Müller, während sie eine Strickjacke anprobiert, die an den Schultern jedoch zu locker sitzt. Macht aber nichts. Müller hat ihr Glück schon gefunden. „Schauen Sie mal, die Handtasche“, deutet sie freudestrahlend auf ihre „Beute“.

Die alleinerziehende Mutter eines Sohnes arbeitet Teilzeit. Trotzdem reicht das Geld nicht zum Leben. „Das ist zum Kotzen“, kommentiert eine andere Abholerin. Sie kennt die Situation nur zu gut. „Ich arbeite Teilzeit als Zahnarzthelferin und muss trotzdem hierher kommen“, sagt sie.

Stimmung ist gut

Die Wut in ihrer Stimme ist beinahe greifbar. Aber sie richtet sich gegen die politischen Entscheidungen, die solche Lebenssituationen erst entstehen lassen. Die Stimmung in der Abholung selbst ist gut. Gelassen. Freundlich. Man kennt sich, plaudert und ist verbunden durch ein ähnliches Schicksal. „Wie kann es sein, dass sich ohne die Tafeln ein Leben nicht mehr gestalten lässt“, übt auch Ausgeber Horst Zimmermann Kritik.

Ein Leben ohne Tafeln. Manche versuchen es. „Es sind vor allem alleinerziehende Mütter und Rentnerinnen, die zur Abholung kommen. Aber es gibt auch eine ganz große Gruppe von Menschen, die wir nicht erreichen, die auf diese Unterstützung angewiesen wären und den Schritt nicht tun“, sagt Wolfgang Kampe von der Tafel Maintal.

„Es ist schließlich nichts, wofür man sich schämen müsste“

Denn dieser erste Schritt kostet Mut. Zu gut erinnert sich Christiane Müller an ihren ersten Besuch, an die Überwindung, die er gekostet hat. „Ja, das war gruselig“, pflichtet ihr eine andere Dame bei. Heute kann die junge Mutter darüber lächeln. „Die anfängliche Scham ist schnell verflogen. Es ist schließlich nichts, wofür man sich schämen müsste“, sagt sie selbstbewusst.

Es ist nicht nur das Wissen darüber, unverschuldet gezwungen zu sein, Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern auch die Freundlichkeit des Teams, die den Schritt, zur Abholung zu kommen, erleichtern. Obwohl sich vor der Tür gegen 10 Uhr eine lange Schlange gebildet hat, es mit Beginn des Einlasses eng in dem schmalen Flur wird, bleibt die Stimmung entspannt. Die Menschen bleiben gelassen – auch dank der guten Organisation.

Bedarf und Möglichkeit

In kleinen Gruppen lässt Peter Koperski die Wartenden herein. Direkt am Eingang scannt er die Ausweise, die die Inhaber berechtigt, einmal pro Woche Lebensmittel bei der Tafel abzuholen, und gibt die Abholzettel aus, auf denen notiert ist, wie viele Personen in dem Haushalt leben. Damit können die Helfer an der Ausgabe entsprechende Mengen abgeben.

An den beiden Abholstationen im Erdgeschoss wird immer nur ein Maintaler eingelassen. So wird hektisches Gedränge und Chaos vermieden. Sowohl für Abholer als auch Helfer bleibt Ruhe und Zeit, um die Einkaufstüten zu füllen – nach Bedarf und nach Möglichkeit nach Wunsch. Was eben da ist.

Was heute nicht ausgegeben wird, kommt zurück ins Kühlhaus.

„Früher war das deutlich chaotischer, aber 2013 haben wir die Ausgabe neu organisiert“, erzählt Wolfgang Kampe. Die räumlichen Verhältnisse seien allerdings nicht ideal. Denn in der Tat, der Flur ist eng. Menschen mit Tüten, die auf die nächste Ausgabe warten, stehen dort dicht an dicht, dazwischen kommen die Einholer mit Stiegen von Lebensmitteln. Nach anderthalb Stunden stehen nur noch drei Bürger an der Theke. 58 Abholer für 144 Menschen hat Koperski in seinem System bis zu diesem Zeitpunkt registriert. Bis zum Schließen der Tafel um 12 Uhr werden es 68 Abholer sein. Durchschnitt. „In Spitzenzeiten waren es 160“, sagt Kampe. Was heute nicht ausgegeben wird, kommt zurück ins Kühlhaus.

Die Öffnungszeiten der Maintaler Tafel sind: Dienstag von 8 bis 11 Uhr, Mittwoch von 19 bis 20 Uhr und Freitag von 10 bis 13 Uhr.

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