Marius Dietrich (links) im Gespräch mit Ervin Susnik, der aufgrund zehnjähriger Erfahrung viel über die Vorteile des Projekts „Integration durch Sport“ berichten kann. Foto: Gepperth

Maintal

Estnische Delegation informiert sich beim SC Budokan

Maintal. Die gut 20 Kinder einer der Trainingsgruppen des Sport-Clubs Budokan staunten nicht schlecht, als plötzlich fremde Frauen und Männer in ihrem Dojo standen. Bei ihnen handelte es sich um hohen Besuch unter anderem aus Estland.

Von Jan Max Gepperth

Der Grund für den Besuch estnischer Referenten und Funktionäre in der Sporthalle auf dem Gelände der Werner-von-Siemens-Schule bedarf einiger Erklärungen. Das Bundeskanzleramt in Berlin unterstützt diverse Integrationsprojekte. Im Zuge dieser Arbeit kooperiert das Kanzleramt auch mit den Innenministerien. Diese finanzieren in den einzelnen Ländern die Integrationsprojekte. Eines davon ist das Programm „Integration durch Sport“ der Sportjugend Hessen, an dem der Maintaler Verein SC Budokan seit nunmehr zehn Jahren teilnimmt.

Im Zuge eines Austauschs von Erfahrungen zum Thema „Sport und Integration“, der von der Europäischen Kommission und dem Deutschen Olympischen Sportbund angeregt wurde, kam der Maintaler Verein ins Spiel.

Die Delegation, die auch den Deutschen Fußballbund und die Deutsche Sportjugend besucht hatte, wollte noch ein anderes Referenzprojekt für gelungene Integration sehen, weshalb die Sportjugend Hessen den SC Budokan vorschlug.

Dessen Vorsitzender Ervin Susnik war sehr stolz über den hohen Besuch „Wir versuchen hier Integration zu leben. Das geht nicht, wenn man die Leute von Beginn an separiert“, erklärt Susnik, der Integrationsbeauftragter für den Sportkreis Main-Kinzig ist. „Integration klappt nur, wenn man alle Nationen zusammenbringt. Ohne Vorurteile.“ Nur so sei es möglich, die zwölf bis 13 Nationen, die in den einzelnen Gruppen vertreten sind, unter einen Hut zu bekommen.

„Die Probleme, die hier auftreten, haben oft kulturelle Hintergründe“, räumt Susnik ein, „viele müssen sich erst daran gewöhnen, dass wir hier bewusst gemischte Gruppen mit Jungen und Mädchen haben“. Auch die Sprache sei zu Beginn oft ein Hindernis. Trotzdem lege man großen Wert darauf, dass deutsch gesprochen würde. „Für Integration ist es wichtig, die Sprache des Landes zu lernen, in dem man lebt“, fasst der Vorstandsvorsitzende zusammen.

Doch nicht nur in diesem Punkt sei der Verein prädestiniert als Referenzprojekt, meint Frank Eser, Programmleiter von „Integration durch Sport“ bei der Sportjugend Hessen. „Wir haben damals nach Vereinen gesucht, die sich verstärkt für Integration einsetzen wollen“, erinnert er sich, „da kam der SC Budokan auf uns zu. Und da entsprach fast alles unseren Vorstellungen. Man musste quasi nur an ein paar Schräubchen drehen.“

Seither arbeiten die Sportjugend und der Verein jährlich eine neue Zielvereinbarung aus, in der Schwerpunkte für die Arbeit im kommenden Jahr fixiert werden. In diesem Jahr legte man den Fokus auf die Ausbildung von Migranten zu Übungsleitern.

„Auch hier ist der SC Budokan beispielhaft“, so Eser. Von den 573 Vereinen im Sportkreis Main-Kinzig haben 19 Migranten eine Ausbildung zum Übungsleiter begonnen. 14 von ihnen stehen kurz vor dem Abschluss dieser Schulung, wobei zwölf Personen allein vom Budokan gestellt werden. „Budokan ist meines Wissens nach auch der einzige Verein in Deutschland, der ein Flüchtlingswohnheim gebaut hat“, sagt Susnik. In Kombination mit dem für alle zugänglichen Mittagsangeboten führe dies zu einer engen Bindung der Geflüchteten an den Verein. „Man merkt einfach, dass die Leute etwas zurückgeben wollen.“

Neben dem Flüchtlingsheim und dem Dojo unterhält der Verein auch noch eine Betreuung im Brüder-Schönfeld-Haus, das sich ebenfalls auf dem Gelände der Werner-von-Siemens-Schule befindet. So wird die Bindung der Kinder untereinander und zum Verein noch viel mehr gestärkt.

Interessiert lauschte die Delegation, die aus Mitgliedern des estnischen Kulturministeriums, der Abteilungen Integration und Sport, einem Vertreter des estnischen Fußballbundes, einem estnischen Sportaktivisten sowie einer Vertreterin des estnischen olympischen Komitees bestand. Begleitet wurden die Esten von Vincent Catot, einem Mitglied der europäischen Kommission, Eylem Akyildiz, Referentin für Rechtsangelegenheiten und Maßnahmen der Integration im Bundesinnenministerium, und Marius Dietrich vom Referat Gesellschaftliche Integration.

Vor allem die oben geschilderten Schwierigkeiten standen im Fokus der Fragen, mit denen der Vorstandsvorsitzende gelöchert wurde. Alles in allem blieb ein sehr guter Eindruck und die Delegationen sowohl aus Estland als auch aus Berlin zeigten sich begeistert von der Arbeit des Maintaler Vereins.

Zum Abschied bekamen sowohl Eser als auch Susnik estnische Gastgeschenke überreicht, mit dem Wunsch, dass man sich bald in Estland wiedersehe. Bevor Eser nach Estland reisen kann, muss er jedoch erst nach Brüssel. Dort nimmt er an der Preisverleihung des „BeInclusive-Awards“ der Europäischen Union teil, bei der das Projekt „Sport und Flüchtlinge ausgezeichnet wird. Bei dieser Initiative, die das Land Hessen finanziell unterstützt, wirkt auch der Maintaler SC Budokan mit. Welchen Preis die Initiative genau erhält, wird am 27. November bekannt.

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