Im Prozess um die „Thai Connection“ sind vier Thailänderinnen und ein Deutscher angeklagt. Archivfoto: Mike Bender

Maintal

Eingesperrt und abgezockt: Zeuge sagt im Thai-Prozess

Maintal. Monatelang war sie eingesperrt, wurde durch die halbe Republik gefahren, um anzuschaffen. Von ihrem Lohn, bis zu 800 Euro pro Tag, habe sie so gut wie nichts gesehen. Zu hoch seien die Schulden gewesen, die sie an ihre Peiniger zahlen musste.

Von Carolin-Christin Czichowski

„Für den Flug und die Organisation insgesamt 18 000 Euro“, sagt die 25-Jährige gestern vor der 5. großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts. Die Thailänderin ist Nebenklägerin im Prozess um die so genannte „Thai Connection“ – jene fünf Angeklagte, denen unter anderem Menschenhandel, Zwangsprostitution und Steuerhinterziehung in Millionenhöhe zur Last gelegt wird.

Ihre Tortur begann im April 2016. „Davor habe ich in Thailand zwei Jahre Sozialwissenschaften studiert“, sagt die 25-Jährige. Nebenher habe sie sich beim Tanzen etwas dazuverdient. „Dann hat meine Mutter ihren Job verloren und mein Vater ist gestorben.“ Die Familie, die bis dahin zur Mittelschicht gehört habe, sei plötzlich in finanzielle Probleme geraten. Durch Bekannte sei die 25-jährige Transsexuelle schließlich auf die Idee gekommen, in Deutschland als Prostituierte zu arbeiten. „Ich war jung und meine Familie brauchte dringend Geld“, erklärt sie.

Hoffnung auf ein besseres Leben

Immer wieder bricht sie während ihrer Aussage in Tränen aus, rutscht auf dem Zeugenstuhl unruhig hin und her. „Ich habe gedacht, ich könnte in Deutschland ein besseres Leben haben. Es war meine einzige Chance.“ Doch spätestens, als sie über München und Düsseldorf schließlich in dem Siegener Bordell landete, das die hauptangeklagte 60-Jährige und deren 63-jähriger Lebensgefährte betrieben haben sollen, sei ihr Traum vom besseren Leben in Deutschland geplatzt. Ihre Einnahmen habe sie abgeben müssen, zur Hälfte, um ihre „Schleusungsschulden“ zu bezahlen. Die andere Hälfte seien für Miete und Verpflegung einbehalten worden.

Monatelang sei sie durchgereicht worden, von Siegen ging es über Rastatt, Hannover und Rodgau schließlich in einen „Massagesalon“ an der Maintaler Wilhelm-Röntgen-Straße. Die Zustände: Überall gleich menschenunwürdig, wie sie sagt. „Ich wohnte im Keller, habe in demselben Zimmer geschlafen, in dem ich auch gearbeitet habe“, sagt die 25-Jährige. Die Etablissements habe sie alleine nicht verlassen dürfen, selbst beim Luftschnappen direkt vor der Tür habe sie einer „der Leute“, wie sie sagt, begleitet.

Angst um die Sicherheit der Famlilien

Rund um die Uhr habe sie angeschafft, habe Praktiken trotz Widerwillens und Schmerzen über sich ergehen lassen – immer in ständiger Angst um die Sicherheit ihrer Familie in Thailand. „Die Kolleginnen haben Geschichten erzählt“, sagt sie. Darüber, dass jemand die Angehörigen in der Heimat „besucht“ habe, wenn eine der Prostituierten nicht spurte. Aus Angst habe also auch sie gehorcht. „Ich konnte nie zur Ruhe kommen“, erklärt sie. Für den Fall einer möglichen Polizeidurchsuchung hätten „die Leute“ vorgesorgt: „Es gab eine Tür, hinter der wir uns dann verstecken sollten.“

Fast fünf Stunden lang saß sie gestern auf dem Zeugenstuhl, wurde vom Vorsitzenden Richter Andreas Weiß und Staatsanwältin Kathrin Rudelt befragt. Drei der fünf Angeklagten identifizierte sie während der Aussage.

Am kommenden Dienstag, 18. Juni, wird der auf 42 Verhandlungstage angesetzte Prozess fortgesetzt. Dann wird die 25-Jährige erneut im Zeugenstand Platz nehmen und sich den Fragen der Verteidiger stellen.

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