Markus Behrendt (rechts) hat einen Jugendtreff für autistische Menschen ins Leben gerufen. Ab September können sich Betroffene dort im Kinderclub an der Ascher Straße treffen. Olivia Metzendorf, Leiterin der Maintal Aktiv – Freiwilligenagentur und Mathias Zittlau, Leiter des Kinderclubs Bonis, unterstützen ihn bei der Aktion.
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Markus Behrendt (rechts) hat einen Jugendtreff für autistische Menschen ins Leben gerufen. Ab September können sich Betroffene dort im Kinderclub an der Ascher Straße treffen. Olivia Metzendorf, Leiterin der Maintal Aktiv – Freiwilligenagentur und Mathias Zittlau, Leiter des Kinderclubs Bonis, unterstützen ihn bei der Aktion.

Maintal

Markus Behrendt lässt sich vom Asperger-Syndrom nicht unterkriegen

  • Joshua Bär
    VonJoshua Bär
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Für Menschen mit Autismus bedeutet jede Kommunikation Stress. Was antworte ich? Welche Wörter wähle ich? Was denkt mein Gegenüber, wenn die Pause zu lang ist? Markus Behrendt kennt dieses Gefühl nur zu gut.

Maintal - Der Dörnigheimer hat das Asperger-Syndrom, gehört damit zum autistischen Spektrum. Anzumerken ist ihm das allerdings kaum. „Wirke ich denn wie ein Autist?“, fragt Behrendt als ich ihn auf seine Krankheit anspreche. Es ist diese Frage, die zeigt, wie gut der Dörningheimer diese inzwischen kontrollieren kann. Entspannt lehnt sich der 46-Jährige in einen Stuhl im Innenhof des Kinderclubs in Dörnigheim zurück und blickt auf das Smartphone, das unser Gespräch aufzeichnet. Nein, Markus Behrendt wirkt nicht, als hätte er das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus, sondern wie jemand, der gleich mit einem Bekannten einen lockeren Plausch halten wird.

Und auch sein Lebenslauf klingt wie so viele andere: Geboren in Frankfurt, bis zum dritten Lebensjahr auch dort aufgewachsen – in der Nähe eines Industriegebietes. „Das war ein riesiger Abenteuerspielplatz für einen kleinen Jungen“, erinnert er sich. Dann zieht es die Familie nach Dörnigheim. Er besucht zunächst die Werner von Siemens-Schule „die damals noch in der Siemensstraße war“, wie er betont, seine Mittlere Reife macht er auf der Otto Hahn-Schule in Hanau. Es folgt eine Ausbildung zum Chemielaborant.

Markus Behrendt musste soziale Interaktion erst lernen

So souverän Behrendt heute mit seiner Krankheit umgeht, so steinig war der Weg dorthin: Von Geburt an nimmt der heute 46-Jährige seine Welt anders wahr. „Nicht autistische Kinder kommen auf die Welt mit einer Art Grundprogramm, haben eine gewisse Basis für soziale Kommunikation“, erläutert er. „Bei autistischen Kindern ist dieses Basisprogramm nicht vorhanden.“ Heißt: Anstatt automatisch zu lernen, wie die eigene Gestik und Mimik auf andere wirkt und wie man dadurch miteinander kommuniziert, muss Behrendt erst einmal herausfinden, wie soziale Interaktion überhaupt funktioniert. „Da geht es dann darum, was gesagt wird, wie es gesagt und wie das Gesagte interpretiert wird, aber auch wie es im Gehirn verarbeitet wird.“

Besonders in jungen Jahren sei das nicht immer angenehm gewesen, erinnert er sich: „Als autistisches Kind findet man erst viel später als andere Kinder heraus, dass man eigene Ideen, eigene Gedanken hat. Und das ist ganz schön anstrengend.“

Für Markus Behrendt ist jedes Gespräch wie eine Prüfung

Davon ist heute nichts mehr viel zu sehen. Nur ab und an blickt er starr vor sich hin, grübelt, lässt sich mit der Antwort Zeit. In diesen Momenten wird klar, dass sein Gehirn die Informationen erst analysieren muss, er nach einer passenden Antwort sucht, sie nicht sofort parat hat.

Hat Behrendt die Frage verstanden, folgt die nächste Herausforderung. Wie die Antwort formulieren? Und wie sie dem Gegenüber präsentieren? „Soziales Interagieren ist bei autistischen Menschen kein Automatismus. Sie fragen sich immer, ob sie zu schnell, zu langsam, zu laut oder zu leise sprechen“, sagt Behrendt. Jedes Gespräch sei wie eine Prüfung „bei der der Lehrer einem über die Schulter guckt. Und die Prüfung hat eine Null-Fehler-Toleranz.“ Zögere man zu lange mit seiner Antwort, empfinde sie der Gegenüber ja nicht mehr als ehrlich, meint er.

Behrendt sieht in Corona-Pandemie „Risikofaktor für Einsamkeit“

Wie sich ein Leben mit Autismus anfühlt, kann Behrendt zwar nicht beschreiben, für ihn gebe die Corona-Pandemie allerdings vielen Menschen ein Gefühl dafür, wie viele Gedanken sich Autisten tagtäglich machen würden, um ihren Alltag zu bewältigen. In der aktuellen Situation seien die Menschen quasi gezwungen, viel bewusster darüber nachzudenken, wie sich in bestimmten Situationen verhalten. Sei es den Abstand zu anderen einzuhalten oder sich regelmäßig die Hände zu waschen. „Ich kann da wirklich nur jeden sagen: Willkommen in meiner Welt“, meint Behrendt und lächelt.

Er selbst sei durch die Pandemie in seinem Leben nicht eingeschränkt. Ab und an sei er sogar ganz froh darüber, von weniger Menschen umgeben zu sein, meint der Dörnigheimer. Dennoch sei die Pandemie für viele Autisten „ein Risikofaktor für Einsamkeit.“ Denn auch sie haben gerne Kontakt zu anderen Menschen, auf den zuletzt verzichtet werden musste.

Um diese Kontakte weiterhin zu ermöglichen, hat Markus Behrendt nun zusammen mit der Freiwilligenagentur Maintal einen Jugendtreff für autistische Menschen gegründet. Ab September können sich die Heranwachsenden samstags in den Räumen des Kinderclub und BonisTreff in der Asche Straße 62 treffen – ganz ohne Eltern. Mit dem Jugendtreff möchte Behrendt einen Ort schaffen, an dem sich „autistische Kinder und Jugendliche treffen können, miteinander ins Gespräch kommen und sich miteinander entwickeln können.“ Von Joshua Bär

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