Kamdurch Zufall zu seinem Hobby: Der Dörnigheimer Michael Lotz sammelt historische
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Kamdurch Zufall zu seinem Hobby: Der Dörnigheimer Michael Lotz sammelt historische

Lotz sammelt alte Fotos

Dokumentar des Wandels: Michael Lotz’ Fotoschatz ist eine Zeitreise in die Vergangenheit Dörnigheims

  • VonBettina Merkelbach
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„Es gab noch keine Maintalhalle, die Berliner Straße war noch ein Feldweg. In der Mitte ist die ehemalige Werner-von-Siemens-Schule, die heutige Wilhelm-Busch-Schule“, sagt Michael Lotz und deutet auf eines seiner Lieblingsfotos mit einem ungewohnt freien Blick auf den heutigen Stadtkern Dörnigheims aus dem Jahr 1964.

Maintal – Ein weiteres Highlight seiner Sammlung zeigt einen Faschingsumzug, ebenfalls aus den 60er Jahren, bei dem – heute ein Ding der Unmöglichkeit – die Elefanten des Zirkus Altoff durch Dörnigheims Straßen stampften. Der Zirkus hatte damals in Dörnigheim sein Winterquartier und hat sich mit den grauen Riesen im Logo des Karnevalszug-Vereins bis heute verewigt.

Michael Lotz trägt aus zahlreichen Quellen Schwarz-weiß-Fotos seines Stadtteils zusammen und schafft mit seinem Fotoschatz ein einzigartiges, lebendiges Zeitzeugnis des Wandels der Stadt. Oft schnappt er sich sein Fahrrad, radelt zu den damals abgelichteten Stadtansichten und knipst ein aktuelles Foto. In der Maintaler Facebook-Gruppe Maintal United teilt er seine Fundstücke regelmäßig und stellt die Vergangenheit der Gegenwart gegenüber. Seine Posts stoßen generationenübergreifend auf große Resonanz.

Tierisch: Fasching in den 60er Jahren mit dem Blasorchester der Turngemeinde Dörnigheim und dem Zirkus.

Ältere Maintalerinnen und Maintaler fühlen sich in Kindheits- und Jugendtage zurückversetzt und teilen ihrerseits ganz persönliche Anekdoten aus längst vergangenen Tagen. Jüngere fragen interessiert nach, wo die abgebildeten Stadtszenerien von früher heute zu finden sind. John F. Kennedy, der im Juni 1963 in der offenen Limousine über die heute nach ihm benannte Kennedystraße fährt, Badende am Mainufer, die Fähre nach Mühlheim – rund um die Fotos von Michael Lotz entspinnen sich Dialoge, die die Geschichte Maintals am Leben erhalten und an nachkommende Generationen weitergeben.

Die Leidenschaft für historische Fotos hat der Dörnigheimer eher zufällig während der Pandemie entdeckt. „Ich arbeite in der Gastronomie, und im ersten Lockdown ist mir zuhause die Decke auf den Kopf gefallen“, erinnert er sich. Als er eines Tages vom Einkauf für die Eltern nach Hause kam, saß sein Vater am Küchentisch und blätterte in alten Fotoalben. Michael Lotz Eltern sind beide Ur-Dörnigheimer, 1940 und 1944 geboren, und haben die Geschichte des Stadtteils selbst hautnah erlebt. Ihren Fotoschatz digitalisiert Lotz. Bald fragt er auch Freunde und Bekannte, ob sie ihm ihre alten Fotos schicken.

Eine historische Aufnahme der Fähre nach Mühlheim gehört auch zu Lotz’ Fotoschätzen.

Was ihn erreicht, sind nicht einfach nur vergilbte Fotos. Wie Stücke eines Puzzles fügen sich Erinnerungen zu einer ganz persönlichen Historie des Stadtteils aus den Augen der Dörnigheimer zusammen. „Als die Amerikaner am 18. März 1945 einmarschiert sind, haben sich alle in ihren Kellern versteckt. Von diesem Ereignis haben mir viele Zeitzeugen berichtet“, sagt Michael Lotz. Von alten Wirtschaften, in denen sie aßen, tranken, feierten, erzählen einige, vom Tante-Emma-Laden, in dem jeder namentlich begrüßt wurde und jedes Kind ein Bonbon bekam. „Früher war nicht alles schöner, aber manches eben schon“, fasst der Dörnigheimer die Nostalgie zusammen, die seine Fotosammlung auslöst.

Er ist mittlerweile bekannt für seinen wachsenden Fundus alter Schwarz-weiß-Aufnahmen. Rund 150 Bilder hat er gesammelt und viele davon neu entwickeln lassen. „Ich bin kein Profi, ich mache meine Fotos mit einem einfachen Handy“, sagt er bescheiden.

Die Untergasse Richtung Kirchgasse in Dörnigheim. Entstanden ist das Bild zirca 1969.

Häufig kommt die Nachfrage, ob er nicht mehr Bilder aus Bischofsheim, Hochstadt und Wachenbuchen auf Facebook posten kann. „Oft fragen mich Leute auch ganz gezielt nach bestimmten Stadtmotiven. Da fühle ich mich wie ein Discjockey, der die Wünsche der Partygäste erfüllen soll. Aber das macht mir Spaß“, lacht Michael Lotz. Der Hobbyarchivar sucht Bilder aus den 60/70er Jahren und aus den anderen Stadtteilen. „Die meisten Fotos sind aus den Nachkriegsjahren bis in die 50er“, sagt der fleißige Sammler. Besonders angetan haben es ihm Luftbilder, da er hier den Wandel der Stadt am deutlichsten sieht.

Dass der größte Maintaler Stadtteil vor allem seit den 60er Jahren über die einstigen Stadtgrenzen hinauswächst, stößt allerdings nicht nur auf Begeisterung. „Dörnigheim wird zugebaut“, sagt der 52-Jährige, der sein Leben lang hier verbracht hat. „Es wird zu eng, jeder große Fleck wird zugebaut und zugeparkt.“ Das wirke sich zwangsläufig auf die Mentalität aus. „Heute fehlt der Zusammenhalt, den es früher gab.“

Dörnigheim 1964: Blick auf die ehemalige Werner-von-Siemens-Schule, heute Wilhelm-Busch-Schule.

Ebenso häufen sich Anfragen, ob er seinen Fundus der Öffentlichkeit zeigen möchte. „Das wäre eine tolle Sache, vor allem auch für die Älteren, die die Bilder auf Facebook nicht sehen“, sagt Michael Lotz. Verschiedene Ideen zu einer Ausstellung seiner Fotosammlung gibt es schon, konkret ist aber noch nichts.

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