Historische Aufnahme der Alten Kirche am Main. Foto: Geschichtsverein

Maintal

Dörnigheim feiert seine Ersterwähnung vor 1225 Jahren

MAINTAL. Als Dörnigheim noch Turincheim hieß und ein gewisser Wolfbodo „alles Gebiet zwischen Briubah (Braubach) und Surdafalacha (?)“ dem Kloster Lorsch schenkte, stand sie schon: die Alte Kirche am Main.

Von Rainer Habermann

793 vollzog Wolfbodo, über den weiter so gut wie nichts aus der Geschichte zu erfahren ist, jene Schenkung, in der Dörnigheim erstmals urkundlich erwähnt wird. Dokumentiert ist sie im „Lorscher Kodex“, der selbst wiederum zu den frühesten regionalen Urkunden der deutschen Geschichte zählt und quasi als „historisches Grundbuch“ gilt.

Anno 2018, also im 1225. Jubiläumsjahr der Erst-erwähnung, startet Jan Fricke, Vorsitzender des Geschichtsvereins Dörnigheim, seine Tour durch Aal Derngem (Altes Dörnigheim) just an jenem Kleinod, dessen spitzer Turm den Main wie ein Leuchtturm überragt. Derngem: So heißt der Ort und heutige größte Stadtteil Maintals im hessischen Platt. Fricke spricht Hochdeutsch, seine Gäste bei der Führung durch den historischen Ortskern, dessen Ausdehnung dem Gesamtbild der Ortschaft über nahezu ein Jahrtausend entspricht, ebenfalls. Und es befinden sich einige Kinder unter den Gästen, die mit einer Schrift des Geschichtsvereins – „Dörnigheim für klaane Maahinkel“ – bestens auf den Rundgang vorbereitet sind. Doch was sind eigentlich „Maahinkel“?

Eingebürgerte Bürgerbezeichnung

Tatsache ist, dass sich diese Bezeichnung für Dörnigheimer quasi eingebürgert hat und sie abgrenzt etwa von den „Basaltköpp“, den Dietesheimern auf der gegenüberliegenden Mainseite. „Fresch“ (Frösche) heißen die Bischofsheimer, „Käsdippe“ steht für die Einwohner Hochstadts, „Geelerieb“ (Gelbe Rüben) für die Hanauer. Diese Ausdrücke sind heutzutage weniger gebräuchlich, erinnern aber daran, dass noch vor wenigen Jahrzehnten nahezu jeder Dörfler selbst einen Uznamen hatte, der ihn im Dorf mehr oder weniger treffend charakterisierte.

Ein kleines Lokal gegenüber dem Restaurant „Frankfurter Hof“ an der (heutigen) Kennedystraße erinnert noch an jene Maahinkel, die vermutlich irgendwann einmal den Ruf der Dörnigheimer begründeten. Und der wohl auf deren frei laufendes Geflügel auf den Mainwiesen zurückzuführen ist. Findet sich nicht auch ein Schwan im Wappen Dörnigheims? Und ist der nicht auch Geflügel? Das Wappen des ehemaligen Dorfs und der heutigen Stadt gibt freilich trefflich Raum für Spekulationen, denn auch in Bezug auf die Entstehung jener Insignien gilt: Was ganz Genaues waas mer net. Man vermutet aber, dass der Dreizack im Wappen, der an ein „E“ erinnert, auf eine alte Gemarkungs- oder Amtsabgrenzung zurückgeht, die in Form eines „Dreimärkers“ im Wald zwischen Hochstadt (dort zeigt er ein „H“), Wachenbuchen („W“) und Dörnigheim (eben „E“) steht.

Ortskernbegehung mit Lernpotenzial

Der Dörnigheimer Geschichtsverein hat seine Hausaufgaben nicht nur für Kinder hervorragend gemacht, sondern auch für Erwachsene. Die konnten bei der jüngsten Ortskernbegehung mit Jan Fricke nämlich ebenso noch etwas lernen. Hier alles anzusprechen, was die 1225-jährige Geschichte betrifft und detailliert zu belegen, wäre nicht nur für die heute Abend in der Alten Kirche stattfindende, kleine akademische Feier zum Jubiläum zu viel verlangt, es würde auch den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Aber zurück zu den sehr spannenden Details zum Ursprung des „Weilers an der Straße“. Denn ein solcher Weiler, ein weites Gehöft mit Nebenhöfen, war Dörnigheim im Mittelalter, das ja immerhin eine Zeitspanne von fast einem Jahrtausend europäischer Geschichte umspannt. Wenn es auch und gerade in Turincheim bereits um Europa geht, dann sei nur eines als Beleg genannt: Dörnigheim wurde an jenem uralten Handelsstraßennetz gegründet, das als Via Regia im Rahmen der Via Imperii seinen Namen gefunden hat und in seiner größten Ausdehnung von Moskau im Osten bis Santiago de Compostela im Westen, von Stettin im Norden bis Rom im Süden reichte. Für Wolfbodo mag aber der Abschnitt von Nürnberg bis Frankfurt entscheidender gewesen sein, um dort sein kleines Dorf zu gründen und es dann dem Klerus im Namen des „heiligen Märtyrers Nazarius, dessen Körper im Kloster Lorsch ruht“, zu schenken.

Jene im Lorscher Kodex verbriefte Schenkung ist gleichsam der Beginn einer Geschichte von Gasthöfen und Herbergen vor den Toren der Marktstadt Frankfurt, knapp einen Tagesritt entfernt. Oder eine Tagesfahrt, was dem heutigen Maintaler etwas seltsam vorkommen mag. Doch damals waren keine rasenden Kleintransporter auf der B8/40 (die im Übrigen nicht so ganz dem Verlauf des damaligen Abschnitts der Via Regia zwischen Hanau und Frankfurt entspricht), sondern Ochsengespanne. Gab es damals eigentlich Fechenheim als Ostgrenze der heutigen Mainmetropole schon? Nicht als Stadtteil natürlich, als Fischerdorf am Mainbogen wahrscheinlich schon. Doch ersterwähnt ist Fechenheim im Jahr 977, also fast 200 Jahre später als Turincheim. Nebenbei: Frankfurt ist 794 erstmals in einer (erhaltenen) Urkunde genannt; die Dörfler sind augenzwinkernd „ein Jahr älter“ als die Großstädter. Aber man darf hier sicherlich Ursache und Wirkung nicht verwechseln, das wäre ziemlich vermessen.

Ochsengespann als Verkehrsmittel

Das nahezu unmögliche Wenden für die Ochsengespanne der Händler auf engem Pflaster jedoch, das charakterisiert das „Geschäftsmodell“ des alten Dörnigheims. Denn zwischen (heutiger) Mühlheimer Straße im Westen, (heutiger) Dietesheimer Straße im Osten und (heutiger) Kennedystraße im Norden (ja, so klein war das historische Dörnigheim bis ins 19. Jahrhundert hinein) säumten fast einzig Gasthöfe und Herbergen die Gasse. Es gab nur eine Hauptachse: die (heutige) Frankfurter Straße. Alles, was Dörnigheim heute zum knapp 18 000-Einwohner-Stadtteil Maintals macht, das ist ein Produkt des 20. und 21. Jahrhunderts.

Die „schwarzen Wände“ entlang der Kennedystraße: sie sind rückwärtige Wehrmauern, die einst den Dorfabschluss im Norden gebildet haben. Die südliche Wehr-Begrenzung bildete immer schon der Fluss, der Main. Entlang des Nordufers aber hatten nicht die Dörnigheimer Fischer das Sagen, wie man vielleicht vermuten könnte anhand von Straßennamen wie Fischergasse. Nein: Die Fischereirechte lagen und liegen bis heute auf Dietesheimer Seite. Die Gemarkungsgrenze liegt nicht mitten im Main, sondern führt entlang des Dörnigheimer Ufers.

Es waren stattdessen Gastronomen wie die Familie Fischer, die mit ihren Gasthöfen dafür sorgten, dass eben Händler-Gespanne nicht in ihren Innenhöfen wenden mussten, sondern zum Obertor in Höhe der (heutigen) Schwanengasse herein- und in gleicher Richtung zum Untertor (heute etwa Karl-Leis-Straße) wieder herausfahren konnten: in Richtung Marktzentrum Frankfurt.Berühmte, teilweise noch heute vorhandene Gasthöfe und Herbergen sind (oder waren): „Adler“, „Weißes Ross“, „Krone“ (Frankfurter Straße 15 mit der angeschlossenen Heck'schen Schmiede), „Schwanenhof“ (1901 abgerissen) oder „Hirsch“.

Dorf der Gastwirte

Ein Dorf der Gastwirte, das war Dörnigheim über viele Jahrhunderte. Aber wo lag ursprünglich einmal der Mittelpunkt des Dorfs am Main? Jetzt kommen wir zurück zur Alten Kirche, die schon vor Wolfbodo bestand und die er mit verschenkte ans Kloster. Nicht in der heutigen Steinform: Als simpler Holzbau existierte sie bis dahin. Fundamentreste, wie sie im Inneren des schmucken Sakralbaus zu finden sind, deuten auf die historisch kleinere Gestalt hin. Die Geschichte jenes Kleinods am Main ist ausführlichst in verschiedenen Publikationen sowohl der evangelischen Kirche wie auch des Dörnigheimer Geschichtsvereins dokumentiert. Wie schade: Eine andere Kirche am Main, und zwar in der Flussmitte, fiel einst dem Dynamit zum Opfer und ist heute leider nur in Form eines kleinen Monuments am Dörnigheimer Ufer in physischer Erinnerung. Doch das ist eine andere Geschichte, denn sie war eigentlich gar keine Kirche, sondern ein leuchtendes Industrie-Denkmal, ein Flusskraftwerk, das buchstäblich unterging.

Jan Fricke geht von der Alten Kirche direkt in den „Herrenhof“, für den ebenfalls gilt: „Was genaues waas mer net.“ Denn warum letzten Endes ein großes Wohnhaus in jenen Herrenhof gebaut wurde, warum an jenem Ort nicht ein echtes Zentrum im alten Ortskern geschaffen wurde, sondern Pkw-Stellplätze, das mögen Politiker beantworten.

Der Herrenhof nordöstlich der Kirche, der bis vor Kurzem auch die Maintaler Polizei beherbergte, diente über Jahrhunderte als Fronhof und hätte jedenfalls alle Voraussetzungen für ein solches Ortszentrum gehabt. Er war ursprünglich auch Standort eines Laufbrunnens, der ganzjährig Wasser führte, doch irgendwann entfernt wurde.Heute steht in der Frankfurter Straße neben dem (ehemaligen) Rathaus mit seinem markanten Erker ein anderer Brunnen, der ursprünglich ebenfalls einmal in Funktion war und im Rabeneck stand, der Stichstraße am Gasthof „Krone“. Von ihm existiert sogar eine originalgetreue Kopie am Platz an der alten Linde.

Lebensader Dörnigheims

Die Frankfurter Straße bildet die Lebensader Dörnigheims über viele Jahrhunderte. Das jedenfalls könnte im Mittelpunkt der heutigen 1225-Jahr-Feier stehen. Ebenso die Entwicklung zur Arbeiterstadt im 19. und 20. Jahrhundert, im Osten der Frankfurter Industrie- und Chemie-Riesen wie etwa Cassella. Natürlich darf auch nicht verschwiegen werden, welche Rolle der Ort im „Dritten Reich“ gespielt hat. Wenn heute „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig im Pflaster der Altstadt an die Vertreibung und Ermordung der Juden erinnern, den Brüdern Schönfeld, die in der Frankfurter Straße 11 lebten und 1941 im Alter von nur neun und elf Jahren im KZ umgebracht wurden, als Kindern Dörnigheims gedacht wird, dann gehört dies ebenfalls zur Erinnerungskultur.

Eines sollte man jetzt, bei der Würdigung einer historischen Stadt (seit 1964) und eines Stadtteils (seit 1974), ebenso wenig aus dem Auge verlieren: Dörnigheim ist zu einem gemeinsamen – und ausgesprochen friedlichen – Wohnort der unterschiedlichsten Kulturen geworden. Hat die Beherbergungshistorie, die Öffnung für Fremde über Jahrhunderte, dazu beigetragen? Dörnigheim, wie auch Maintal in seinen Stadtteilen, ist zu einem Standort des Gewerbes und der Industrie geworden. Auch die Gastronomie lebt wieder auf, und zwar eine sowohl interkulturelle wie internationale. Das sollte Hoffnung und Lust machen auf das nächste Jahrtausend.

www.geschichtsverein-doernigheim.de

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