Zurück am Unfallort: Auch einige Tage nach dem schweren Unfall in Maintal beschäftigen Julian Fricke die Erlebnisse.
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Zurück am Unfallort: Auch einige Tage nach dem schweren Unfall in Maintal beschäftigen Julian Fricke die Erlebnisse.

Zwei Schwerverletzte

„Das war erschreckend“: Ersthelfer wütend über mangelnde Hilfsbereitschaft bei schwerem Unfall

  • Michael Bellack
    VonMichael Bellack
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In Maintal passiert ein schwerer Unfall. Ein junger Mann aus Hanau reagiert sofort. Noch einige Tage später beschäftigt ihn das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer.

Maintal – Am Dienstagabend gerät eine Autofahrerin auf der Kesselstädter Straße aus noch ungeklärter Ursache in den Gegenverkehr, stößt frontal mit einem anderen Fahrzeug zusammen. Beide Fahrer werden schwer verletzt. Auf der Rückbank sitzen drei kleine Kinder, sie kommen mit leichten Verletzungen durch die Sicherheitsgurte glimpflich davon. Alle Unfallbeteiligten kommen ins Krankenhaus.

Direkt hinter den Unfallwagen fährt Julian Fricke. Der 23-jährige Hanauer sieht aus seinem Wagen, wie die beiden Autos zusammenstoßen. „Ich habe den Aufprall gesehen, aber es war irgendwie surreal. Ich war im ersten Moment perplex und habe mich gefragt: ‘Ist das gerade wirklich passiert?’“

Unfall in Maintal: Ersthelfer aus Hanau kümmert sich um die Verletzten

Der Mitarbeiter eines Maintaler Pflegedienstes handelt sofort. Er hält an, setzt den Warnblinker und eilt zu den Autos. Die Fahrertür des VW, in dem eine 45-jährige Maintalerin und die drei Kinder sitzen, lässt sich nicht öffnen. Fricke entdeckt auf der Rückbank die Kinder. „Ich habe die Kinder aus dem Auto geholt, sie beruhigt und geschaut, ob sie verletzt sind“, erzählt Fricke. Die Frau kann sich zum Glück über die Beifahrertür befreien.

Anschließend eilt Fricke zum anderen Wagen, in dem ein 53-jähriger Maintaler offenbar durch den Airbag im Gesicht verletzt wurde. Fricke holt Wasser und Kühlkompressen aus seinem Auto, dann redet er wieder mit den Kindern. Wie viel Zeit vergeht, nimmt Fricke nicht wahr. Was er aber wahrnimmt, macht ihn auch mehrere Tage später noch wütend: Menschen kommen zum Unfallort, reden, machen Fotos und schauen sich das Unglück an. Doch niemand hilft. „Am Fahrbahnrand standen die Menschen, aber ich war der einzige, der geholfen hat. Das war erschreckend“, sagt Fricke.

Helfer ist bei Unfall in Maintal auf sich allein gestellt

Erst nach einigen Minuten wird er von einer Frau unterstützt, die offenbar Krankenschwester ist. Immerhin wurden in der Zwischenzeit die Rettungskräfte alarmiert. „Ich habe gerufen: ‘Kommt doch mal helfen’“, erinnert er sich. Doch einige Autofahrer sehen den Unfall und drehen wieder um. „Die dachten sich, da hilft schon irgendjemand, dann kann ich ja pünktlich zu meinem Termin. Ich arbeite in der Pflege, ich muss auch pünktlich sein. Aber in solchen Situationen zählt doch was anderes.“

Für Fricke war es das erste Mal, dass er sich in einer solchen Situation befand. Er sei von sich selbst überrascht gewesen, wie er reagiert und gehandelt habe, erzählt er. „Das war eine komische Situation. Der Unfall, der Gestank der Airbags, die schreienden Kinder. Ich habe da einfach funktioniert und nicht viel nachgedacht“, sagt er und fügt an: „Ich habe genauso gezittert wie die Unfallbeteiligten.“

Schwerer Unfall: Helfer aus Hanau richtet Appell an Mitmenschen

Den Menschen zu helfen, war für ihn selbstverständlich. Um zu schauen, wie es den Menschen geht, mit den Kindern zu reden und sich einfach zu kümmern, seien schließlich keine besonderen Kenntnisse nötig. „Das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand“, findet Fricke.

Er appelliert an alle, in Notsituationen zu helfen. „Viele Menschen – auch ich – haben so etwas noch nie erlebt und haben dazu gar keinen Bezug. Plötzlich ist diese Realität aber sehr nahe. Es würde helfen, wenn sich die Menschen damit auseinandersetzen“, sagt Fricke. Denn zu helfen, „ist doch eine Selbstverständlichkeit“. (Michael Bellack)

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