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Britin, Brexit-Gegenerin, Maintalerin: Diese Frau redet Klartext

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Hilfe von oben? Die könnte Großbritannien in nächster Zeit brauchen, wenn es auf einen ungeregelten Brexit zusteuert, meint die Britin Angela Ballschmiede, die seit 33 Jahren in Maintal lebt. Foto: Martina Faust
Hilfe von oben? Die könnte Großbritannien in nächster Zeit brauchen, wenn es auf einen ungeregelten Brexit zusteuert, meint die Britin Angela Ballschmiede, die seit 33 Jahren in Maintal lebt. Foto: Martina Faust

Maintal. „Das ist eine politische Bankrotterklärung“, kommentiert Angela Ballschmiede die vom britischen Premierminister Boris Johnson beantragte und von der Queen genehmigte Parlamentsschließung. Die Wachenbucherin ist eine Frau der klaren Worte.

Von Martina Faust

Und die findet sie auch, wenn es um den Brexit, den Ausstieg Großbritanniens aus der EU, geht. Schließlich ist Angela Ballschmiede Britin, auch wenn sie seit 33 Jahren in Maintal lebt, das sie als „Zuhause, als angenommene Heimat“ beschreibt.

Geboren und aufgewachsen ist Angela Ballschmiede, die mit Mädchennamen Sharples heißt, in Carnforth, im Nordwesten Englands. Dort lernt sie ihren Mann Hans Ballschmiede kennen, einen Deutschen. „Wir haben uns montags kennengelernt, dienstags entschieden, zu heiraten und waren 13 Monate später Mann und Frau“, blickt Ballschmiede lachend zurück. Nach einigen Zwischenstationen kommt das Paar nach Maintal, schlägt hier Wurzeln und zieht seine drei Kinder groß.

"Dieser Blödmann"

Während der gesamten Zeit behält Angela Ballschmiede die britische Staatsangehörigkeit. „Warum sollte ich wechseln? Wir sind doch Europäer“, fragt die 62-Jährige schulterzuckend, ehe sich ihr Gesichtsausdruck verhärtet. „Und dann kommt dieser Blödmann“, fügt sie wütend an.

Der Blödmann, das ist David Cameron, der das Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der EU anstieß. Angela Ballschmiede selbst durfte nicht mit abstimmen. „Ich lebe schon zu lange in Deutschland“, erklärt sie. Aber natürlich verfolgt sie weiterhin aufmerksam, was in ihrer alten Heimat passiert. Täglich schaut sie BBC, verfolgt vor allem das politische Geschehen und tauscht sich mit Familienangehörigen und Freunden aus.

Sie befürchtet negative Folgen

Über den Sender erfährt sie am Mittwoch auch von Johnsons Plänen, das Parlament länger zu beurlauben. Ballschmiede ist aufgebracht. „Damit schiebt er die Verantwortung der Queen zu, falls der Brexit schief läuft. Das ist eine Unverschämtheit, das ist eine politische Bankrotterklärung“, schimpft sie. Denn das Oberhaupt des britischen Königshauses musste dem umstrittenen Antrag Johnsons zustimmen.

Überhaupt hat die politisch interessierte Wachenbucherin eine klare Meinung, wenn es um den amtierenden Premierminister geht: „Boris Johnson gehört sonst wohin, aber nicht in die Politik. Und Nigel Farage genauso“, sagt sie. Sollte es zum Brexit kommen, befürchtet Ballschmiede eine Summe von negativen Folgen für ihr Land. „Schon jetzt heißt es, dass Lebensmittel, Medikamente und Benzin knapp werden könnten. Arbeitsrechte wie die 40-Stunden-Woche, die Einrichtung von Gewerkschaften, Mutterschutz, das alles würde außer Kraft gesetzt“, sagt sie.

"Das Referendum war zu hart formuliert"

Auch die bessere finanzielle Ausstattung des National Health Service (NHS), des staatlichen Gesundheitsdiensts, das im Vorfeld des Referendums als wesentliches Argument für den Ausstieg ins Feld geführt wurde, sieht Angela Ballschmiede bei Weitem nicht gegeben.

Damals, zum Zeitpunkt des Referendums, hätten einfach die Fakten gefehlt, ist Ballschmiedes Überzeugung. Man habe mit den Themen NHS und Immigration für den Brexit geworben, doch jetzt komme das große Aber. „Das Referendum war zu hart formuliert. Es gab nur Exit oder Remain. Aber es hätte erst Verhandlungen geben müssen, ehe man die Briten entscheiden lässt, ob sie unter diesen Konditionen den EU-Austritt wollen“, kritisiert Ballschmiede.

"Wir sind doch Europäer"

Die Maintaler Britin befürchtet, dass es nur Verlierer geben wird. „Wenn der No Deal kommt, dann kommt ein neuer Stern auf die US-Flagge“, prognostiziert sie und spricht offen aus, was viele dächten. Für sich selbst wird sie entscheiden müssen, welchen Pass sie demnächst in ihrer Handtasche mit sich führen möchte. „Diese Entscheidung wollte ich eigentlich nie treffen müssen. Wir sind doch Europäer“, unterstreicht sie noch einmal kopfschüttelnd.

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