Getränkeuntersetzer für die Völkerverständigung - in Maintal funktioniert diese Idee nicht. Die Aktion "Islam uff Hessisch" sorgt für viel Kritik und Unverständnis. Foto: Jan Max Gepperth

Maintal

Bierdeckel sorgen für emotionale Debatte

Maintal. Die Stimmung ist emotional aufgeheizt. Der Grund: ein paar einfache Getränke-Untersetzer. Diese wurden während der letzten Sitzung des Ausländerbeirats heftig und ausgiebig diskutiert.

Von Jan Max Gepperth

Während Bürgermeisterin Monika Böttcher und Stadtverordnetenvorsteher Karl-Heinz Kaiser die Aktion in den höchsten Tönen loben, sieht der Ausländerbeirat unter der Leitung von Salih Tasdirek die Situation sehr kritisch.

Aktion zur Aufklärung und humorvollen Auseinandersetzung mit dem Islam

Die Untersetzer sind Teil einer Aktion zur Aufklärung und humorvollen Auseinandersetzung mit dem Islam mit dem Titel „Islam uff hessisch“. Ursprünglich stamme die Idee vom Orient-Netzwerk aus Freiburg, wie Böttcher erklärte. Das Orient-Netzwerk ist ein Verein, der es sich, laut eigener Aussage, zur Aufgabe gemacht hat, zwischen den Völkern zu verständigen.

Also entwickelte man das Projekt „Islam uf badisch“, welches dann seinen Weg nach Offenbach fand, wo es ins Hessische übertragen wurde. Von dort habe man die Texte und das Design im Sinne Maintals angepasst. Die Bürgermeisterin betonte, dass die Texte sowohl von der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg als auch vom Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, abgesegnet worden seien.

Untersetzer mit zehn verschiedenen Fragen zum Islam

Insgesamt entstanden zehn verschiedene Untersetzer mit Fragen, die sich mit dem Islam beschäftigen, beispielsweise „Derfe die Fußballer im Ramadan garnix esse?“ oder „Wie is des mit dem Koppduch?“. Die Antworten finden die Interessierten, indem sie den Untersetzer umdrehen und den auf der Rückseite abgedruckten QR-Code mit ihrem Smartphone abscannen.

Die Idee, dieses Projekt aufzugreifen, stammt von der Integrationsbeauftragten Verena Strub. Sie stellte die gesamte Aktion, die neben den Getränke-Untersetzern auch Postkarten umfasst, im Vorfeld im Ausschuss für Asyl und Integration vor, der zustimmte. Der Ausländerbeirat fühlt sich indessen übergangen.

„Islam uff hessisch“ wird nicht nur im Ausländerbeirat kontrovers diskutiert

Tasdirek kritisierte, dass man den Ausländerbeirat zu dieser Aktion gar nicht gehört habe. „Laut HGO (Hauptgeschäftsordnung, Anm. d. Redaktion) ist der Ausländerbeirat in allen Gremien zu hören, wenn es um Themen geht, die sich mit in Maintal lebenden Ausländern beschäftigen. Wir haben also ein Informationsrecht“, insistierte Tasdirek.

Der Stadtverordnetenvorsteher wies diesen Vorwurf zurück und merkte an, dass Untersetzer und Postkarten ohne Rücksprache mit einem anderen Gremium mit dem für solche Aktionen vorgesehenen Budget finanziert worden seien. „Sie kaufen sich ja auch manchmal etwas, ohne Ihre Frau zu fragen“, veranschaulichte Kaiser den Vorgang. „Außerdem wären Sie informiert, wenn der Ausländerbeirat in den Ausschüssen Präsenz zeigen würde.“

Einige störten sich an Begriff Bierdeckel statt Untersetzer

Doch die Hauptkritik betrifft die Untersetzer selbst. „Das sind Bierdeckel. Und Alkohol ist im Islam verboten“, fasste Tasdirek zusammen. Viele Muslime in Maintal hätten sich an den Ausländerbeirat gewendet und pikiert gezeigt. „Es haben sich viele beleidigt gefühlt“, so Tasdirek.

Ein Gast, der sich während der Sitzung zu Wort meldete, hatte in der Zeitung von einer „Bierdeckel-Aktion“, nicht einer „Untersetzer-Aktion“, gelesen und sei schockiert gewesen. Zu der allgemeinen Konnotation mit Alkohol kommt hinzu, dass sowohl auf den Postkarten als auch auf dem Bierdeckel ein Bembel zu sehen sei. Dieses hessische Symbol, das auch schon Teil der Offenbacher Kampagne war, würde diese Verbindung stärken.

Böttcher, Talic und Bozkurt befürworten die Aktion

Monika Böttcher zeigte während der Sitzung wenig Verständnis für die Kritik. „Das sind Getränkeuntersetzer. Das hat nicht unbedingt etwas mit Bier zu tun. Die Untersetzer liegen beispielsweise auch im Eissalon aus. Da trinkt man nicht unbedingt Alkohol. Wenn Sie das also denken, dann haben Sie ein Vorurteil.“

Während der Diskussion schalteten sich auch Ajden Talic vom Ausländerbeirat der Stadt Hanau und Mustafa Macit Bozkurt, Imam des Islamischen Vereins Hanau, ein. Der Vertreter des Hanauer Ausländerbeirats lobt die Aktion als wunderschöne Idee. „Ich denke, Islam uff hessisch ist eine tolle Sache, jedoch gehören Alkohol und Islam nicht zusammen.“

Auch Bozkurt befürwortete die Aktion: „Man hat hier etwas Gutes versucht“, betonte er. „Und ich denke, dass das Problem darin besteht, dass man die Sensibilität der Gläubigen nicht richtig eingeschätzt hat.“ Der Imam ist jedoch überzeugt, dass man eine Lösung finden wird, wenn man in einen Dialog tritt. „Die Aktion ist wirklich sehr schön und ein gutes Zeichen.“

5000 Untersetzer wurden an teilnehmende Gaststätten verteilt

Insgesamt produzierte die Stadt 5000 Untersetzer und 1000 Postkarten. Das neue Design sowie der Druck kosteten insgesamt 1700 Euro. In den Gaststätten wurden die Untersetzer von der Integrationsbeauftragten und ihren Mitarbeitern abgegeben. Dazu bekam jeder Gastwirt noch eine Infobroschüre. Die Gastwirte konnten dabei selbst entscheiden, ob sie an dem Projekt teilnehmen wollten.

Doch nicht nur bei den Muslimen kommt die Aktion schlecht an. Eine Servicekraft des Bischofsheimer Restaurants „Zur Goldenen Traube“ erinnert sich, dass die Gäste kein Verständnis hatten. „Da kamen dann Reaktionen wie 'Was soll das?' oder 'Sollen die sich doch integrieren'. Außerdem wussten die Leute mit der Aktion nichts anzufangen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Diesen Eindruck teilt Ute Hübsch von „Zum Neuen Bau“. „Ich wurde immer aufgefordert, die Dinger direkt wieder mitzunehmen“, gesteht sie.

Unverständnis bei vielen Gaststätten-Besuchern

Die meisten befragten Gastwirte waren außerdem der Meinung, dass man nicht mit einem QR-Code hätte arbeiten sollen. „Die Leute wollen direkt die Antwort haben, wenn sie das Ding umdrehen. Und nicht erst mit ihrem Handy rummachen“, fasst Hübsch zusammen.

Von den acht angefragten Lokalitäten wusste lediglich der Inhaber von „Larry's Treff“ in Bischofsheim von positiven Reaktionen zu berichten. „Die Leute fanden das ganz gut und haben die auch oft mitgenommen“, berichtet der Betreiber. Davon abgesehen haben die Gastwirte entweder gar kein Feedback von den Gästen erhalten oder eine ablehnende Haltung erlebt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Untersetzer mittlerweile aus vielen Gaststätten mehr oder weniger verschwunden sind.

Auch Michelle Blythe von „Pearson undamp; Puppe“ hat es lange mit den Untersetzern versucht, mittlerweile jedoch aufgegeben. „Ich habe sie Anfang Mai endgültig entsorgt“, gesteht sie. In der „Goldenen Traube“ und der Hochstädter „Babbelgass“ hingegen haben die Gäste nach und nach alle Pappdeckel mitgenommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema