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Ort des Geschehens: In der Aral-Tankstelle in Dörnigheim fielen am 30. September 2019 mehrere Schüsse. Ein Mann hatte die Kassiererin mit einer Waffe bedroht. Eine zufällig anwesende Polizeistreife vereitelte den Überfall. Jetzt wird dem Angeklagten der Prozess gemacht. 

Überfall durch Zufall von Polizistin vereitelt

Auftakt im Prozess um bewaffneten Überfall auf Aral-Tankstelle - Drogenschulden führten zur Tat

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Es geht alles ganz schnell am 30. September 2019, kurz vor 2 Uhr, in der Aral-Tankstelle an der Kennedystraße. Ein dunkel gekleideter Mann mit tief heruntergezogener Kapuze macht ein paar Schritte auf den Kassenbereich zu. Er zieht eine Waffe, bedroht die Kassiererin.

In diesem Moment betritt eine Polizistin den Raum, sieht den Täter, der sich umdreht und die Waffe auf sie richtet. Es fallen vier Schüsse. Niemand wird verletzt.

Schüsse verfehlen den Täter

Wenige Sekunden der Aufnahmen aus der Überwachungskamera der Tankstelle reichen aus, um zu erkennen, dass es an diesem Tag schlimm hätte ausgehen können. Heute sitzt der mutmaßliche Täter Konstantin K. auf der Anklagebank im Saal A215 des Hanauer Landgerichts. Er ist körperlich gesund. Die Schüsse der Polizistin haben ihn verfehlt.

Auch die Kassiererin, die als Hauptzeugin geladen ist, wegen Krankheit aber nicht aussagen kann, bleibt unverletzt. Einzig ein Beamter wird bei der Festnahme in der Tankstelle von K. an der Nase verletzt, weil dieser sich gegen die Verhaftung wehrt.

Drogenhandel, Raub und illegaler Waffenbesitz

Gewalt und Widerstand gegen einen Beamten wird K. ebenso vorgeworfen wie der versuchte Raub, der Handel mit Betäubungsmitteln sowie unerlaubter Waffenbesitz, heißt es laut Staatsanwalt Martin Links in der Anklage. Auch gegen die Polizeibeamtin wurde wegen der Schussabgabe ermittelt. „Ein Routinevorgang, der Beamtin ist nicht der geringste Schuldvorwurf zu machen“, sagt Staatsanwalt Links.

Die Beamtin erinnert sich noch gut an die Ereignisse in der Tankstelle. Sie habe reflexartig Richtung Täter geschossen, als dieser auf sie zielte. „Um eine Verletzung von mir abzuwenden“, sagt sie. Die Beamtin ist seit 1993 im Dienst, ihre Waffe hatte sie zuvor kein einziges Mal benutzen müssen. Eine Woche nach dem Überfall nimmt sie ihren Dienst wieder auf.

Angeklagter desinteressiert und teilnahmslos

Richterin Coretta Oberländer, Vorsitzende der 2. Großen Strafkammer, hat zunächst ihre liebe Mühe, überhaupt etwas aus dem Angeklagten rauszubekommen. K. spricht sehr leise, wirkt schüchtern, lümmelt auf der Anklagebank herum. Zum Auftreten des Angeklagten passt die Stellungnahme aus der Untersuchungshaft in Weiterstadt, in der K. seit seiner Festnahme inhaftiert ist. K. wirke teilnahmslos, desinteressiert, teilweise apathisch.

Er verbringe den ganzen Tag in seiner Zelle, habe kaum Kontakt zu Mithäftlingen. Von Hilfs- und Antriebslosigkeit ist die Rede. K. habe sich in seinem Leben „um nichts kümmern müssen“, verliest Oberländer. Er mache nur langsam Fortschritte, das Gutachten attestiert ihm eine psycho-soziale Entwicklungsstörung.

Einzelgänger ohne soziales Umfeld

K. ist ein Einzelgänger, hat wenig Freunde. Mit 13 besucht er die Schule nicht mehr, die Tage verbringt er Zuhause vor dem PC. Es folgen Aufenthalte in Krankenhäusern und Psychiatrien. Auch mit der Polizei hat er schon Erfahrung. Seine Eltern ließen sich früh scheiden, seine Mutter ist seine wichtigste Bezugsperson. Einer der beteiligten Polizisten gab im Protokoll an, dass K. bei der Verhaftung gesagt haben soll, er wolle jetzt seine Mama anrufen.

Den ersten Kontakt mit Drogen hat er mit 15, wenig später dealt er damit. K. spricht von Stimmen in seinem Kopf, die durch den Konsum von Marihuana verstummen würden. Mit 18 beginnt K., Waffen zu sammeln. Illegale. Butterfly-Messer, einen Schlagring und eine Schreckschusspistole, mit der er die Tankstelle überfällt. Allesamt aus dem Internet, wie er angibt. „Finde sie halt hübsch“, antwortet er auf die Frage von Oberländer, warum er solche Waffen besitze. Außerdem wolle er sich gegen Zombies verteidigen.

Schulden und Liebeskummer sind Auslöser für Überfall

Am Tag des Überfalls sei er „sehr bescheuert gewesen“, sagt K. Eine Freundin habe kurz zuvor die Freundschaft zu ihm beendet. Laut Polizei stand er augenscheinlich unter Drogeneinfluss. Als Motiv für den Überfall nennt er Angst. 2000 Euro habe er einer Person geschuldet, nachdem ihm Drogen abgenommen wurden.

Am folgenden Tag hätte er der Person das Geld wiedergeben müssen. „Jetzt ist Schlafenszeit“, zitiert Oberländer eine Nachricht der Person aus dem Chatverlauf. Nur weil die Polizeistreife zufällig an der Tankstelle hielt und sich die Beamtin eine Packung Zigaretten holen wollte, wurde er auf frischer Tat ertappt und der Überfall vereitelt.

U-Haft erst im vierten Anlauf

Auf die Verhaftung folgte ein juristisches Tauziehen zwischen Staatsanwaltschaft sowie Amts- und Landgericht. Während die Anklagebehörde bereits kurz nach der Festnahme mehrere Haftgründe sah, lehnten die Richter dreimal die Untersuchungshaft gegen K. ab. Die Staatsanwaltschaft hatte jeweils daraufhin gewiesen, dass der Verdächtige gefährlich sei und erneut Straftaten begehen könnte.

Das führte erst im vierten Anlauf zum Erfolg, als die 1. Große Strafkammer der Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen den Beschluss des Amtsgerichts statt gab und schließlich die Untersuchungshaft anordnete. In der Kanzlei seines Pflichtverteidigers Ulrich Endres drohte K. mit einem Amoklauf. Das erklärt auch den merklich unterkühlten Umgang von Endres mit seinem Mandanten.

Mutter des Angeklagten: "Er braucht Hilfe"

K.'s Mutter macht von ihrem Aussageverweigerungsrecht gebrauch, kommt aber dennoch zu Wort: „Mein Sohn ist sehr, sehr krank. Er braucht dringend Hilfe.“ K. selbst soll einmal gesagt haben, er wolle in eine Klinik. Er müsse weggeschlossen werden.

Der Fall

30. September 2019: Eine Streifenwagenbesatzung ist zufällig zur Stelle, als der 23-jährige K. in der Nacht versucht, die Aral-Tankstelle an der Dörnigheimer Kennedystraße auszurauben. Er bedroht die Beamten mit einer Schreckschusspistole, eine Polizistin gibt Schüsse aus ihrer Dienstwaffe ab. Ein Kollege wird bei der Festnahme im Gesicht verletzt. Das Amtsgericht lehnt die Untersuchungshaft ab.

2. Oktober: In einer Frankfurter Rechtsanwaltskanzlei droht K. mit einem Amoklauf. Das Sondereinsatzkommando nimmt ihn fest. Bei einer Wohnungsdurchsuchung werden über 400 Gramm Drogen sowie zahlreiche Waffen gefunden. Die Psychiatrie Hanau stuft K. als ungefährlich ein, das Amtsgericht lehnt einen weiteren Antrag auf Untersuchungshaft ab.

10. Oktober: Die 1. Große Strafkammer ordnet die Untersuchungshaft an. Bei der Festnahme versucht K., vor den Beamten zu fliehen. Er trägt ein Messer bei sich.

11. Mai 2020: Zum Prozessauftakt sagen die an der Festnahme beteiligten Polizeibeamten aus. Die Aufzeichnungen aus den Videokomeras der Tankstelle zeigen den Überfall. Der Angeklagte gibt nur widerwillig Auskunft.

Der Prozess wird am Montag, 18. Mai, fortgesetzt.

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