Auftakt der Literaturreihe an der Einstein-Schule.
+
Auftakt der Literaturreihe an der Einstein-Schule.

Antike Versform trifft auf moderne Heldin

Anne Weber liest zur Eröffnung der Literaturtage am Albert-Einstein-Gymnasium

  • vonBettina Merkelbach
    schließen

Anne ist 18, 19 Jahre alt, als sie sich dem kommunistischen Widerstand im von Deutschland besetzten Frankreich anschließt und zwei jüdische Jugendliche vor der Deportation rettet – ein Thema, das für junge Erwachsene, die in Deutschland leben und aufgewachsen sind in den Geschichtsunterricht gehört und meist wenig mit ihrer eigenen Lebensrealität zu tun hat.

Doch der Geschichte von Anne Beaumanoir, die Anne Weber in „Annette, ein Heldinnenepos“ erzählt, kann man sich nicht verschließen. So eindringlich sind die Bilder, die ihre poetische Sprache heraufbeschwört, so real die junge Heldin, von der sie handelt. Mit ihrer Lesung hat Anne Weber die Literaturtage am Albert-Einstein-Gymnasium eröffnet, die jedes Jahr unter dem Titel „Literatur im Gespräch – Leser treffen Autoren“ nach den Herbstferien zu einer Lesungsreihe in die Bischofsheimer Schule einladen.

Diesmal stehen die meisten Veranstaltungen corona-bedingt nur einer begrenzten Zahl an Schülerinnen und Schülern offen. Die Lesung von Anne Weber folgte der Tradition, den aktuellen Stadtschreiber von Bergen einzuladen – ein mit einem Literaturpreis verknüpfter Titel, der der deutsch-französischen Autorin in diesem Jahr verliehen wurde.

Authentisch ist die Geschichte deshalb, weil sie einen biografischen Hintergrund hat. Anne Beaumanoir gibt es wirklich, und Anne Weber ist ihr tatsächlich begegnet. „Ich wollte aber keine Biografie schreiben, sondern ein literarisches Werk über eine reale Person“, sagt die Autorin, die dafür mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet wurde.

„Dass ich die antike Versform des Heldenepos gewählt habe, ging nur, weil Anne eine Frau ist. Dieser kriegerische Begriff steht im Kontrast zu der schmächtigen, alten Person, als die ich Anne Beaumanoir kennengelernt habe.“ Sie begegnete ihr zufällig, als sie bei einer Filmvorführung in Südfrankreich über die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg sprach.

1923 in der Bretagne geboren, schließt sich Anne Beaumanoir 1942 der Kommunistischen Partei an und geht in den Untergrund. Im besetzten Paris erfährt sie von einer geplanten Razzia und rettet zwei jüdische Teenager, Daniel und Simone, 16 und 14 Jahre alt, vor der Deportation.

Die Familie wird auseinandergerissen. Die beiden Kinder gehen mit Anne, ihr Vater wird entdeckt und in einem Konzentrationslager ermordet. Den Jugendlichen gelingt die Flucht in die Bretagne zu Beaumanoirs Eltern, wo sie den Krieg überleben. Anne handelt mit dieser Rettung gegen die Regeln ihrer Partei. „Hättet ihr diesen Mut gehabt?“ fragt Anne Weber die Schülerinnen und Schüler der Deutsch- und Geschichtskurse, die der zentralen Rettungsszene im besetzten Paris lauschen. Es geht um Verstecke, um Carepakete, um Razzien und die lebenswichtige Frage, wem man vertrauen kann. „Ich hätte den Mut nicht gehabt“, bekennt die Autorin.

Ein wenig zäh, aber schließlich gelingt es Anne Weber doch noch, ins Gespräch mit ihren jungen Zuhörern einzusteigen. Warum sie das Werk auf Deutsch, nicht auf Französisch geschrieben habe, will eine Schülerin wissen.

Die gebürtige Offenbacherin lebt heute in Frankreich und schreibt mal auf Deutsch, mal auf Französisch und übersetzt ihre Werke selbst in die jeweils andere Sprache. „Die Muttersprache ist wie meine Haut, die Fremdsprache eher wie ein Mantel, ein Kleidungsstück, das man abgelegen kann“, erklärt die 55-Jährige. Ihr erstes Buch habe sie in Frankreich auf Französisch veröffentlicht und anschließend für ihre deutschen Freunde übersetzt. „Ich bin über den Umweg der Fremdsprache zurück zur Muttersprache gekommen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema