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Viele Fragen offen: Zu den Messerstichen in Wachenbuchen hat das Schwurgericht bereits mehrere unterschiedliche Zeugenaussagen zur Auswahl.

Weiter Rätsel um Stiche im Dunkeln

Angeklagter versucht, die Bluttat von Wachenbuchen als Notwehrsituation darzustellen

  • Thorsten Becker
    vonThorsten Becker
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Es ist wie beim Puzzlespiel die bekannte und ärgerliche Situation: Die vielen verschiedenen Teile passen einfach nicht zusammen. In der gleichen Lage befindet sich derzeit die 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht. Nach zwei Verhandlungstagen stimmt kaum eine der zahlreichen Zeugenaussagen überein.

Doch die Richter müssen die Wahrheit herausfinden, was in jeder Nacht am „Schwarzen Loch“, den Wohnblocks in Wachenbuchen, passiert ist. Doch es gibt einen gewaltigen Unterschied: Im Verhandlungssaal 215 dreht es sich nicht um ein Spiel. Es ist bitterer Ernst und es geht um zweifach versuchten Totschlag, oder zumindest gefährliche Körperverletzung.

 Das bedeutet für Florian K., den Angeklagten: Im mildesten Fall liegt das Strafmaß zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Freiheitsstrafe. „Die Beweislage ist indifferent.“ So schätzt Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel bereits nach dem ersten Verhandlungstag die Zeugenaussagen ein. Am Dienstag ändert sich an dieser Situation nicht allzu viel. Großen Anteil daran hat K. selbst, der nun seine Version des Tatablaufs schildert. Den Einsatz von Pfeffersprays und Messer leugnet er nicht und bereut die Verletzungen, die er den zwei jugendlichen Kontrahenten an diesem Abend zugefügt hat. 

Schilderung des Täters scheint unglaubwürdig

Doch schildert er die Situation an diesem Tag wieder ganz anders. So sei der damals 17-jährige B. zu ihm gekommen, um ein „Paper“ zum Drehen eines Joints zu holen. B. sei einer seiner „Stammkunden“ gewesen. Dass er Cannabis offenbar in großem Stil verkauft hat und davon ganz gut gelebt zu haben scheint, gibt K. freimütig zu. Vom Amtsgericht hat er dafür bereits eine Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren „kassiert“. Nun habe B. ihn jedoch ge- nervt und es sei bereits am Nachmittag zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen. 

Der 17-Jährige habe die Sache aber wohl nicht überwunden. Daher sei es am Abend zu einer „Aussprache“ gekommen. „Ich habe gemerkt, dass da was im Busch ist“, so F., der dann mit zwei Dosen Pfefferspray und einem Messer bewaffnet vor die Haustür geht. Am Feldrand, wenige Meter vom „Schwarzen Block“ entfernt, soll B. von ihm Geld gefordert haben, um die Sache zu bereinigen. „Er wollte einen Zehner oder einen Zwanziger“, so F., der nicht zahlen will und daraufhin zum Pfefferspray greift. Auf dem Weg zurück zum Haus hätten dann fünf weitere Jugendliche den „Weg versperrt“. Er habe sich erneut mit Pfefferspray „gewehrt“, dann aber von allen Seiten Prügel bezogen. „Die wollten mich kurz und klein machen“, sagt der Angeklagte. Er habe daraufhin „keinen Ausweg“ mehr gesehen, zum Messer gegriffen und blindlings um sich gehauen. 

Auswahl der Puzzleteile, die nicht zueinander passen, wird immer größer

Der Versuch, die Tat als Notwehr darzustellen, scheitert jedoch kläglich. Denn die Richter scheinen auch dieser Version nicht viel Glauben zu schenken. Vor allem im Vergleich zu den Angaben, die F. wenige Stunden nach dem Vorfall bei der Polizei macht und die wortwörtlich notiert sind: Nachdem die Überzahl der Jugendlichen auf ihn eingeprügelt habe, habe er „nur noch Rache nehmen“ wollen, heißt es da. Mit „Notwehr“ hat diese Aussage gar nichts zu tun. Und dann ist da noch diese seltsame Ausführlichkeit, mit der K. alles bis ins allerkleinste Detail darzustellen versucht.

Bereits die Kripo hat in der Akte vermerkt: „Sein Redeschwall musste durch uns immer wieder unterbrochen werden.“ Zwei weitere Tatzeugen, die angeblich „nur zufällig“ zu der Auseinandersetzung gekommen sein wollen, helfen an diesem Tag ebenfalls nicht weiter. Im Gegenteil: Die Auswahl der Puzzleteile, die nicht zueinander passen, wird immer größer. Allerdings rückt ein 26-Jähriger den Angeklagten in ein ganz anders Licht: „Ich kenne ihn. Er macht immer auf Unschuldslamm – das ist er aber ganz und gar nicht.“

 

 

Der Fall 

9. März 2018: In den Abendstunden kommt es in Wachenbuchen zu einer Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen und Florian K., der drei Kontrahenten mit Pfefferspray und einem Messer schwer verletzt haben soll. 

23. April 2020: Prozessauftakt. K. wird wegen versuchten Totschlags vor dem Schwurgericht angeklagt. Zahlreiche Zeugen sagen aus und präsentieren sehr unterschiedliche Versionen des Tatablaufs. 28. April: Der Angeklagte bestätigt, Pfefferspray und Messer eingesetzt zu haben und präsentiert seine Version, die er als Notwehr beschreibt. 

Der Prozess wir dem Dienstag, 5. Mai, fortgesetzt.

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