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Alzheimer: Fotos gegen das schleichende Vergessen

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Angelika Heil (links) und ihre Stiefmutter Marion Wegner kümmern sich seit fünf Jahren um den demenzkranken Vater. Foto: Faust
Angelika Heil (links) und ihre Stiefmutter Marion Wegner kümmern sich seit fünf Jahren um den demenzkranken Vater. Foto: Faust

Maintal. Fotos bilden die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Im Haus der Wegners hängen sie überall an den Wänden. Sie zeigen die Familie: Kinder, Enkel und Urenkel. Damit sich Manfred Wegner besser erinnern kann. Denn der 85-Jährige lebt mit der Diagnose Alzheimer.

Von Martina FaustEs begann schleichend. Doch als Manfred Wegner immer wieder das Gleiche fragte und die Antwort kurz darauf vergessen hatte oder plötzlich mit Schlafanzug und Pantoffeln auf der Straße stand, da ahnte die Familie, dass etwas nicht stimmte. Als der Neurologe vor fünf Jahren die Diagnose Alzheimer stellte, zog es der Familie den Boden unter den Füßen weg.

„Das war ganz schlimm“, erinnert sich Tochter Angelika Heil und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Auch fünf Jahre später geht ihr dieser Moment nah. Schließlich bedeutete er, dass sich ihr Vater und das Familienleben verändern würden. „Ich habe damals zweimal wöchentlich eine demenzkranke Dame in Frankfurt betreut und wusste in etwa, was auf uns zukommt. Trotzdem ist es etwas ganz anderes, wenn ein Familienmitglied betroffen ist“, erzählt die Demenzbetreuerin.Umzug von Frankfurt nach Maintal Schnell stand fest, dass der Vater nicht mehr allein bleiben konnte. Dieser mächtige Mann, der immer aktiv und unabhängig war, ein mehrfacher Hessenmeister im Boxen und Fußballtrainer, war plötzlich auf Hilfe angewiesen. Pflege durch die Familie oder Betreuung in einem Heim – das waren die Alternativen. Doch Frau Marion war zu dieser Zeit noch berufstätig.

Durch den Kauf eines Hauses in Wachenbuchen durch die gemeinsame Tochter von Manfred und Marion Wegner zeichnete sich eine Lösung ab. Die Eltern zogen von Frankfurt nach Maintal, in die Nähe der Kinder. Denn in Dörnigheim wohnt auch Angelika Heil, eine Tochter aus erster Ehe. Sie verfügte damals bereits über Erfahrungen als Demenzbetreuerin, die sie durch eine Fortbildung bei der Stadt Maintal vertiefte und als Frührentnerin die Betreuung ihres Vaters übernahm.

Familie lernt, die kleinen Dinge wertzuschätzenPlötzlich änderten sich die Rollen. Ungewohnt, aber der Lauf der Zeit. Die Familie lernte die kleinen Dinge wertschätzen. „Mir ist aufgefallen, wie oft mein Papa lacht“, erzählt Angelika Heil und erinnert sich, was alles neu ans Tageslicht kam, wenn sie gemeinsam die Fotoalben betrachteten. Marion Wegner ist indessen erleichtert, „dass die Krankheit nicht so schnell voranschreitet wie befürchtet“. Auch sie hadert nicht mit dem Schicksal. „Wir sind seit 39 Jahren verheiratet und haben viele guten Zeiten erlebt. Jetzt müssen wir gemeinsam durch die schlechten Zeiten durch. Aber auch jetzt gibt es gute und weniger gute Tage“, sagt sie.

Seit Sommer ist Marion Wegner im Vorruhestand und kann sich intensiv um ihren Mann kümmern. Dabei erhält sie weiterhin Unterstützung durch ihre Stieftochter Angelika Heil. „Mittwochs ist Papa-Tag“, erzählt diese. „Dann gehe ich vormittags mit ihm in eine Demenzgruppe in Dörnigheim. Dort frühstücken, spielen, basteln und plaudern wir. Nachmittags unternehmen wir zusammen etwas.“Durch die Erkrankung näher zusammengerücktFreitags ist Manfred Wegner in der Ganztagsbetreuung im Bischofsheimer „Kleeblatt“. Wertvolle Auszeiten für seine Frau, die sie nutzt, um Einkäufe zu erledigen. „Denn das ist meinem Mann sehr umständlich geworden, seit er auf den Rollstuhl angewiesen ist.“ Und für Gartenarbeit. „Das ist mein Hobby und bereitet mir ganz viel Freude“, erzählt sie. Vor einigen Wochen verbrachte das Trio einen gemeinsamen Urlaub im Bayerischen Wald. Eine unvergessliche Zeit. Auch hier entstanden viele Fotos, die Manfred Wegner helfen, sich an die Erlebnisse zu erinnern.

Wenn die Familie, die seit der Erkrankung des Vaters noch enger zusammengerückt ist, in die Zukunft schaut, dann denkt sie in kurzen Zeitabständen. „Ich gehe von Tag zu Tag, schaue vielleicht noch auf das nächste halbe Jahr, aber wenig darüber hinaus. Wer weiß, wie es weitergeht“, sagt Marion Wegner.Nachwuchs soll neuen Schwung bringenDoch es gibt auch eine helle Zukunft. „Bei unserer Tochter hier im Haus steht Zwillingsnachwuchs an. Ich hoffe, dass Manfred noch ganz viel von seinen Enkeln mitbekommt und richtig Leben in die Bude kommt, gerade, weil er nicht mehr so häufig rauskommt“, berichtet die werdende Oma stolz. Und Angelika Heil will dann wieder häufiger nach ihrem Vater sehen, um der Oma Zeit für ihre Enkel zu schenken.

Wenn am 1. November die Demenzwoche der Stadt Maintal beginnt, dann möchte auch Angelika Heil die Möglichkeit nutzen, sich zu informieren und mit anderen auszutauschen, etwa am „Tag der Begegnung“, wenn betroffene Familien zum Brunch zusammenkommen, auch die Wegners. Die Demenzbetreuer würden sich regelmäßig treffen, aber für Familienangehörige gebe es diese Möglichkeit nicht, bedauert sie und ergänzt: „Dabei wäre das eine wirklich gute Sache.“

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