Zu schnell unterwegs war der Angeklagte in der Nacht zum 1. Juli 2020 auf der Landstraße 3268. Er überfährt einen auf der Fahrbahn liegenden Mann, der sofort tot ist.
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Zu schnell unterwegs war der Angeklagte in der Nacht zum 1. Juli 2020 auf der Landstraße 3268. Er überfährt einen auf der Fahrbahn liegenden Mann, der sofort tot ist.

Aus dem Gericht

Albtraum auf der Landstraße: Prozess um fahrlässige Tötung nach Unfall auf Kennedystraße

  • Michael Bellack
    VonMichael Bellack
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Im kleinen Gerichtssaal fühlt sich der Angeklagte S. sichtlich unwohl. Er wirkt nervös, spricht leise, schaut ins Leere. Zur moralischen Unterstützung sind Familienmitglieder und Freunde mit in das Hanauer Amtsgericht gekommen. Immer wieder werden Blicke ausgetauscht. S. ist wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Er ist für den Tod eines Menschen verantwortlich – und das setzt ihm zu.

Maintal – Es ist fast ein Jahr her, da fährt der 56-jährige S. mit seinem Lkw auf der Kennedy- straße (L 3268) auf Höhe des Marie-Curie-Rings. Es ist 3 Uhr, es ist dunkel, die Landstraße ist nur spärlich beleuchtet. Wie S. dem Richter Dr. Florian Matthey-Prakash erklärt, nimmt er auf der rechten Fahrbahnseite etwas Dunkles wahr. S. fährt die Strecke oft – dass Mülltüten auf der Straße liegen, sei nichts Ungewöhnliches.

Er will das Hindernis dennoch umfahren, weicht auf eine Abbiegespur aus. Wie S. schildert, kommt ihm dann ein Sattelzug entgegen, der ihm Lichthupe gibt, ihn kurze Zeit blendet. S. zieht wieder nach rechts und kann dem dunklen Hindernis nicht mehr ausweichen. „Ich dachte zuerst an Müll, da bin ich schon öfter drübergefahren“, sagt er. Doch als er das Hindernis überfährt, merkt er schnell: „Das fühlt sich anders an.“ S. hält an, stellt den Lkw ab, ruft die Polizei an. Er hat gerade einen Menschen überfahren.

Von Lkw überrollt: Opfer ist sofort tot

Für das Opfer kommt jede Hilfe zu spät, der junge Mann ist sofort tot. Die forensische Gutachterin berichtet von schwersten Verletzungen im Kopf- und Halsbereich, der rechte Reifen des 7,5-Tonners ist über den Kopf gerollt. Tröstlich für den Angeklagten, dass das Opfer von seinem Tod nichts mitbekommen hat.

Kurz nach dem tödlichen Unfall klopft ein junger Mann an die Tür des Lkw, er fuhr mit seinem Kumpel einige Hundert Meter hinter S. Von einem entgegenkommenden Lkw wurden die beiden mit Lichthupe gewarnt, womöglich von dem Fahrzeug, dem S. hatte ausweichen müssen. „Der Fahrer stand unter Schock“, sagt der Zeuge. Richter Matthey-Prakash fragt, woran er das festmachen könnte. „Er wirkte statisch“, sagt der Zeuge. „Und er hatte seine Hände immer noch am Lenkrad.“

Tragischer Unfall hätte verhindert werden können

Dass es sich um einen tragischen Unfall handelt, ist allen Prozessbeteiligten klar. Doch es gibt noch Dinge zu klären. Denn S., das macht die Sache interessant, war mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs. Statt erlaubten 60 km/h mit zwischen 85 und 90 Stundenkilometern. Fahrlässige Tötung kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe bestraft werden. Dem Gericht stellt sich also die Frage, ob der Tod des jungen Mannes hätte verhindert werden können.

Diese Frage hat sich auch der Kfz-Sachverständige Maximilian Rosenberger gestellt, der eine für Richter, Verteidigung und Staatsanwaltschaft gleichermaßen beeindruckende Analyse lieferte und auch bis ins kleinste Detail begründete. Bremswege, Reaktionszeit, Zeiten und Distanzen für Spurwechsel werden berechnet. Lichtverhältnisse, die Wetterlage, der Zustand des Fahrzeugs und sogar der Verschmutzungsgrad der Windschutzscheibe: Der Sachverständige bezieht alle Erkenntnisse in seine Analyse mit ein. Er kommt zu dem Schluss: Die Schilderung, dass S. einem entgegenkommenden Fahrzeug ausweichen musste, kann so nicht ganz stimmen. Und ja, mit der richtigen Reaktion zur richtigen Zeit hätte S. vor dem Opfer zum Stehen kommen können.

Frage bleibt ungeklärt: Warum lag der Mann auf der Landstraße?

Doch, das wird im Gerichtssaal klar, als Rosenberger kurzerhand mit einem Taschenrechner einen Bremsweg ausrechnet, es handelt sich um Werte, um Zahlen, um Fakten. Wo der Fokus des Fahrers lag, wie konzentriert er war, ob er gerade abgelenkt war, woanders hingeguckt hat und so weiter – das lässt sich auch mit Einbezug aller Variablen nicht einberechnen.

Und schließlich, das stellt auch Richter Matthey-Prakash klar, rechnet niemand damit, dass um 3 Uhr nachts ein Mensch quer auf der Fahrbahn einer Landstraße liegt. Denn dazu gibt es keinerlei Erkenntnisse. Fest steht nur, dass das Opfer alkoholisiert war. Und das nicht zu knapp. 1,92 Promille wurden nachgewiesen. Staatsanwalt Markus Jung und Verteidiger Ingo Thiele sind sich schnell einig, dass S. zwar nicht ideal reagiert habe und auch nicht schuldfrei ist, er in der Situation aber auch ein Opfer ist. Zumal S. seinen Beruf als Kraftfahrer mittlerweile aufgegeben hat. „Ich kann das nicht mehr“, sagt er.

Verfahren wird mit Auflagen eingestellt

„Ich glaube, wir haben es mit einer Situation zu tun, vor der man nicht immer gefeit ist“, sagt Staatsanwalt Jung. „Wir sind alle nicht immer fokussiert und absolut konzentriert. So etwas wünsche ich keinem.“

Er ist damit einverstanden, dass Strafverfahren gegen eine Geldauflage von 1500 Euro vorläufig einzustellen. Dem hat auch Amtsrichter Matthey-Prakash nichts entgegenzusetzen.

Doch er richtet zum Schluss noch Worte an S.: „Das war ein Albtraum, der wohl zu vermeiden gewesen wäre. Das Schlimmste für Sie ist jetzt, damit klarzukommen.“ Und damit ist S. wohl genug gestraft.

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