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Der Äpfelversteher

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Claudia Stiller hat einige ihr unbekannte Äpfel von ihrer Streuobstwiese zum Streuobstwiesenfest mitgebracht. Der Obstkundler Werner Nussbaum stellt Fragen, untersucht das Obst und weiß am Ende, welche Sorte es ist. (Foto: Bielesch)
Claudia Stiller hat einige ihr unbekannte Äpfel von ihrer Streuobstwiese zum Streuobstwiesenfest mitgebracht. Der Obstkundler Werner Nussbaum stellt Fragen, untersucht das Obst und weiß am Ende, welche Sorte es ist. (Foto: Bielesch)

Maintal. Er kennt hunderte Apfelsorten, erkennt sie an Farbe, Geruch oder Geschmack: Werner Nussbaum ist Pomologe, Apfelforscher. Der Erhalt seltener und unbekannter Apfelsorten ist sein Ziel, die Liebe zu dem Obst wurde ihm fast in die Wiege gelegt und mittlerweile ist er deutschlandweit bekannt.

Von Monica Bielesch

Sonntagmorgen am Schützenhäuschen oberhalb von Hochstadt: Das Streuobstwiesenfest wird gerade aufgebaut, noch sind keine Besucher da. Nur einer, der hat schon Kunden: Der Pomologe Werner Nussbaum. Denn wenn es um Äpfel geht, ist der Schönecker eine bekannte und gesuchte Koryphäe.

Reifen bis zum Genuss

Manchmal genügt ihm ein kurzer Blick auf das runde Obst, er wiegt den Apfel in der Hand, dreht ihn, schnuppert dran und fest steht die Diagnose: „Das ist ganz einfach zu bestimmen, dieser Apfel ist ein Cox Orange“, sagt er mit rauchiger Stimme zu einem Exemplar aus dem Garten der Reporterin. „So sieht die Standardsorte aus, die ursprünglich aus England kam.“ Nussbaum kennt natürlich den Geschmack des Cox: fein würzig und leicht süß-sauer. Und erklärt, dass der Apfel nach dem Pflücken vier bis fünf Wochen reifen sollte, bevor er die Genussreife erreicht hat. „Die betonte Säure des Apfels verwandelt sich beim Lagern in Zucker.“

Eine Broschüre brachte ihn zum Beruf

Seine Liebe zu diesem alten Kulturgut hat er seit Kindesbeinen. Sein Großvater besaß in Altenmittlau Streuobstwiesen, auf denen auch alte Sorten wuchsen und gab sein Wissen über Äpfel an den Enkel weiter. „Als Jugendlicher habe ich beim Apfellesen mitgeholfen und mir Taschengeld verdient.“ Diese Kindheitserinnerungen haben ihn geprägt. Eine Broschüre des Pomologenvereins brachte ihn vor rund 20 Jahren schließlich zur Bekanntschaft mit Dr. Werner Schuricht. „Mein Ziehvater“, sagt er über den als Apfel-Papst bekannten Obstkundler Schuricht.

800 Kerne, und es werden stetig mehr

Mittlerweile ist Nussbaum selbst ein in der Region bekannter Pomologe und Landessprecher des hessischen Pomologen-Vereins. Zu seinen Apfel-Bestimmungsterminen auf den Herbstfesten der Region hat er immer einen Laptop und einige Aktenordner dabei. Darin befindet sich sein Apfelkerne-Sammlung. Mittlerweile umfasst diese 800 Kerne und es kommen immer wieder welche dazu.

Besonders alte und unbekannte Sorten haben es ihm angetan und er setzt sich für deren Erhalt ein. Er warnt: „Mit jedem Baum, der umgemacht wird, kann eine Apfelsorte sterben.“

Eine Wissenschaft für sich

Heinz Hansotter kommt mit einer Tüte Äpfel zum Streuobstwiesenfest des gleichnamigen Arbeitskreises. Ihm gehören 40 Apfelbäume in Bischofsheim, er kennt Nussbaum seit Langem. „Bei einigen Sorten hat es Jahre gedauert, bis wir wussten, welche Sorte es ist“, schmunzelt er. In den Exemplaren in der Tüte sieht der Pomologe die Sorte Haux. Hansotter zögert, man diskutiert. Über die Verrostung der Schale, die Dicke der Stiele. Schließlich schneidet Nussbaum den Apfel mit seinem kleinen Messer auf.

„Im Inneren des Apfels sind die unveränderlichen Merkmale, die sind am wichtigsten zur Bestimmung.“ Das sind die Kerne und die Form des Kerngehäuses. Denn Kern ist nicht gleich Kern. Sie können rund sein, länglich, eher rehbraun oder schwarz, die Kelchröhre mit gerissenen oder glatten Kernhauswänden. Wenn Nussbaum einen Apfel seziert und erklärt, tut sich eine neue Welt auf.

Detektivarbeit mit Kernen, Stielen und Bäumen

Auch Claudia Stiller aus Hochstadt hat eine Tüte voller Äpfel dabei. Die schaut Nussbaum lange einfach nur an. „Sag mal was zum Baum“, befragt er die Erfinderin der Bembel-Strickmützen und probiert einen Schnitz. Schließlich erkennt er die Sorte Delbar Jubilee. „Die gehen auf einen Züchter aus Frankreich zurück.“

Es sei wie eine Detektivarbeit, beschreibt er seine Bestimmungsarbeit. Im Kopf denkt er alle Merkmale durch. 2500 Apfelsorten sind namentlich bekannt, Experten schätzen, dass es insgesamt rund 5000 Sorten insgesamt in Deutschland gibt. „Keiner kann sie alle kennen.“

Pflege und Erhalt alter Sorten

Vor rund zehn Jahren hat Nussbaum die Streuobstwiesen auf dem Distelberg in Hochstadt kartiert und dabei viel über Äpfel gelernt. Mit dieser Arbeit will der 62-Jährige erreichen, dass alle Sorten bekannt sind und alte erhalten werden können. So fand er auf dem Distelberg vier Altbäume des Edelborsdorfer. Der gilt als die älteste noch existierende Kulturapfelsorte Deutschlands. Zwischen 4000 und 4500 Apfelbäume gebe es in Maintal, schätzt der Experte.

Gab es hessenweit in den 1950er Jahren noch rund zwölf Millionen Apfelbäume, seien es heute knapp drei. Aber es gibt Hoffnung. So habe der Streuobstbau eine Renaissance erlebt. „Es wird verstärkt nachgepflanzt, das sehe ich auch als Erfolg unseres Pomologen-Vereins.“

Nachhaltiges Hobby begeistert auch Jünger

Dies wird auch beim Streuobstwiesenfest in Hochstadt deutlich. Die Mitglieder des Arbeitskreises sind keine Rentner, sondern eher jüngeren und mittleren Alters. Wie Martin Scharping. Er besitzt in Hochstadt Streuobstwiesen und keltern sein Obst selbst. Ein zeitintensives, aber nachhaltiges Hobby, so der Sozialarbeiter. Eben naturverbunden und traditionell und damit eigentlich schon wieder modern.

Die Geschmacksvielfalt macht es aus

Was Nussbaum an alten Äpfeln so gefällt? „Die Geschmacksvielfalt!“ Sein Lieblingsapfel ist die Sorte Gascoynes Scharlachroter Sämling. Eine alte englische Sorte. Er kommt ins Schwärmen: „Der hat ein herrliches Muskataroma, wunderschön.“ Aber der Delbar Jubilee von Claudia Stiller schmeckt ihm auch gut, den hat er aufgegessen.

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