Die Gäste aus Waghäusel, die Kerrlocher Schnapp-Säck, hellten mit Guggemusik die trübe Stimmung beim Karnevalszugverein Maintal auf. Foto: Ulrike Pongratz

Maintal

Absage des Umzugs: Karnevalszug-Verein zeigt wenig Verständnis

Maintal. Der Karnevalsumzug in Maintal wurde nach den rassistischen Morden in Hanau von Bürgermeisterin ‧Monika Böttcher abgesagt. Zum Empfang, der gewöhnlich nach dem Zug stattfindet, hat der Karnevalszug-Verein-Maintal (KVM) am Faschingssamstag dennoch eingeladen.

Von Ulrike Pongratz

Gegen 15 Uhr kommen sie im „Treffpunkt“, der Gaststätte in der Philipp-Reis-Straße, zusammen: Vorstand, Vorsitzende und Beisitzer des KVM, unter anderem Rolf Lanio und Günter Sauermilch, die „zuglose Präsidentin“ Katja Lanio, sowie das Prinzenpaar aus Großauheim, Fabian I und Eva I., die Weinkönigin aus Hochstadt, Bettina I., und weitere Gäste.

Der Saal füllte sich allmählich, das Buffet mit deftigen Schmalz- und Käsebroten, mit Kräppeln und Frankfurter Kranz wurde nach und nach bereitgestellt. Die Gefühlslage der anwesenden Karnevalisten lässt sich nicht einfach beschreiben; sie changierte zwischen Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Resignation und Unverständnis, aber auch einer Portion Trotz und Wut.

Lanio informierte per Lautsprecher über die Absage

„Es ist alles vorbereitet“, erklärt Rolf Lanio, „das Essen ist eingekauft. Außerdem erwarten wir unsere langjährigen Freunde, die 'Kerrlocher Schnapp-Säck' aus Waghäusel.“ Seit 16 Jahren laufen die Guggemusiker aus dem Raum Karlsruhe nun im Maintaler Umzug mit. Anschließend werden sie im Treffpunkt bewirtet, ehe sie dann zur Sitzung nach Nied weiterfahren – so war es auch am vergangenen Samstag geplant.

Rolf Lanio war um 14 Uhr die Zugstrecke mit dem Lautsprecher abgefahren, um darüber zu informieren, dass kein Umzug stattfinden werde. „Der Zug ist so kurzfristig abgesagt worden, die Leute müssen Bescheid wissen“, sagt er. Der Ärger über das Verfahren ist dem Vorsitzenden noch deutlich anzuhören. Noch am Donnerstag habe es vonseiten der Stadt geheißen, der Zug könne stattfinden. Er habe die Haltung so wahrgenommen, dass man dem Terror die Stirn bieten wolle, sagt Lanio. „Wir sind Karnevalisten, unsere Jugend ist international aufgestellt und fühlt sich in unseren Vereinen gut aufgehoben. Bei uns hat die braune Soße keinen Platz“, erklärt er.

„Es ist unverantwortlich, einen Zug so spät abzusagen.“

Es sei ihm sehr schwergefallen, den Zug ausfallen zu lassen, denn es würden so viele Arbeitsstunden, so viel Vorbereitung und auch Geld in diesen Zug investiert. „Wir haben pro Wagen zirka 1000 Euro für Wurfmaterial ausgegeben, hochwertige Süßigkeiten, die Tankfüllung für die Leihwagen liegt bei etwa 100 Euro, jeden Aufbau der Wagen müssen wir vom TÜV abnehmen lassen, auch das kostet Geld. Bei einem Zug von 100 Wagen kommen da schnell 100 000 Euro zusammen.“

Am meisten aber ärgert sich Rolf Lanio darüber, dass er nicht in die Gespräche eingebunden worden sei, sondern erst sehr spät, am Freitagabend, davon erfahren hätte. „Es ist unverantwortlich, einen Zug so spät abzusagen.“ Er habe alle Mühe gehabt, per Telefon und Mail die Teilnehmer zu informieren.

„Karneval ist ein Kulturgut, das über Jahrhunderte Tradition hat“

„Wir wären gerne gefahren. 50 Züge fahren, nur wir nicht“, sagt die amtierende Karnevalszugpräsidentin Katja Lanio, der die Enttäuschung zum 40-jährigen Jubiläum des KVM deutlich anzumerken ist. Sie wird in Mühlheim im Zug mitfahren und dort ordentlich Kamelle werfen. Weinkönigin Bettina kann ihre Süßigkeiten bis zum Hessentag aufbewahren – immerhin ein kleiner Trost.

Freuten sich über den unverhofften Auftritt der Guggemusiker vor der Hasutüre: die Vorsitzenden, Mitglieder und Gäste des KVM. Foto: Ulrike Pongratz

„Karneval ist ein Kulturgut, das über Jahrhunderte Tradition hat“, bringt Günter Sauermilch seinen Unmut zum Ausdruck, „wir sind keine Verfügungsmasse der Politik.“ Darüber brauche man nicht mehr reden, das Thema sei abgehakt, hört man in der Diskussion, die im Saal geführt wird. Alle Anwesenden finden es richtig, dass in Hanau alle Züge abgesagt wurden, aber für Maintal gebe es ein „Für und Wider“.

Karneval ist weltoffen

Trost spenden schließlich die langjährigen Freunde, die Kerrlocher Schnapp-Säck aus Waghäusel, die mit großem Hallo und freundlicher Umarmung empfangen werden. Kaum angekommen, packen die Guggemusiker vor der Gaststätte die Instrumente aus und sorgen für etwas Aufmunterung an diesem trüben Tag.

Auch die Gäste sind tief getroffen, doch aus der Ferne ist der Blickwinkel etwas leichter: Der Charakter von Karneval ist weltoffen und freundlich – und so soll er auch gefeiert werden.

Bürgermeisterin widerspricht der Darstellung des KVMWie Monika Böttcher auf ihrer Facebook-Seite mitteilte, sei es nicht korrekt, dass der KVM nicht in die Gespräche integriert worden sei und erst am Abend von der Absage erfahren habe. Auf ihrer Seite schreibt sie in Bezug auf die Absage: "Darüber habe ich den Vorsitzenden des KVM in einem Telefonat gegen 13:30 Uhr persönlich - zusammen mit dem Ersten Stadtrat - informiert. Der KVM wurde als Erster informiert. Danach erfolgte die Veröffentlichung an die Presse und die Stadtverordneten." Vorher habe Böttcher ein ausführliches Telefonat mit Lanio geführt, in dem nach einer gemeinsamen Lösung gesucht worden sein.Die vollständige PM finden Sie

hier

.

Das könnte Sie auch interessieren