Ein herabgefallener Ast richtete auf dem Campingplatz am Haus von Arthur Sauer und dem benachbarten Wohnwagen großen Schaden an. Foto: Jakob

Region Hanau

"Wie in einer Schießerei": Das Unwetter und seine Folgen

Region Hanau. Ein Bild der Verwüstung: Hagel, orkanartige Böen und Starkregen richteten auch in Alzenau und Kahl am Sonntag großen Schaden an. Unsere Reporterin war am Tag danach unterwegs und hat mit den Betroffenen gesprochen.

Von Jasmin Jakob

Die Landstraße nach Kahl ist nach dem schweren Unwetter vom Sonntagabend am nächsten Morgen noch stark gezeichnet. Links und rechts sind Bäume umgefallen oder abgeknickt und die Straße fast vollständig mit grünem Laub bedeckt. Im Ort sind um 9 Uhr zahlreiche Anwohner auf den Straßen, kehren, transportieren das Laub ab und begutachten die Schäden.

„Das war heftig! 25 Zentimeter hoch floss das Wasser wie ein reißender Fluss mit Hagelkörnern, so groß wie Walnüsse vor unserer Haustür!“, sagt Ingrid Weiß, die mit ihrem Mann an der Umgehungsstraße in Kahl wohnt.

Während Hanau weitgehend von Sturmtief Bernd verschont blieb, hat es nicht nur den Kreis Offenbach, sondern auch die Nachbargemeinden Kahl und Alzenau schwer getroffen. Über 100 Notrufe sind laut einer Mitteilung der Feuerwehr Großkrotzenburg aus Kahl eingegangen. Die Einsätze dort dauerten bis in die Morgenstunden an.

Autos verbeult, Vordächer zerlöchert

Noch immer liegt am Montagmorgen eine dicke Schicht Hagelkörner auf der Umgehungsstraße. „Das Unwetter ist gegen 18 Uhr wie aus dem Nichts gekommen und war innerhalb weniger Minuten wieder vorbei“, sagt Weiß. Der Garten sei nun komplett verwüstet, keine Mirabellen und Äpfel mehr an den Bäumen, die Blumen, das ganze Obst und Gemüse hinüber. Auch die Autos sind unter der Wucht der Hagelkörner zerbeult worden, ganze Vordächer, Pavillons und Jalousien durchlöchert. Besonders schlimm soll es auf dem Campingplatz gewesen sein, sagt Weiß.

Dort klaffen große Löcher im neuen Zaun, der das Gelände umgrenzt. „Das war wie in einer Schießerei, richtige Hagelgeschosse waren das!“, sagt Bekim Gashi, der Pächter der dortigen „Seeterrasse“. „Es fing mit einer sehr starken Windhose an, dann brach es aus den Wolken. Die Stühle, Gläser und das Besteck sind weggeflogen. Wir haben uns aber erst mal darauf konzentriert, die Gäste in Sicherheit zu bringen“, erzählt er. „Gott sei Dank ist niemand zu Schaden gekommen.“ Im Restaurant stand das Wasser, die Sonnenschirme wurden zerfetzt – Gashi und seine Kollegen hatten bereits am Abend alle Hände voll zu tun und sind auch am nächsten Morgen wieder am Reinigen, Kehren und Sortieren.

Existenzen zerstört

Auch Jutta Knies, die am Empfang des Geländes arbeitet, wird laufend in Gespräche über das Unwetter verwickelt. „In den alten Bestandswald hat es eine richtige Schneise reingeschlagen, und bei meinem Nachbarn hat es das Dach abgedeckt. Die Bäume wurden einfach entwurzelt oder sind abgeknickt“, erzählt sie erstaunt. „Wir haben da mit kaputten Jalousien echt Glück gehabt.“

Dass es die Camper besonders hart getroffen hat, bestätigt der Campingplatzverwalter Ludwig Kammerlander. „Gerade bei den Dauercampern sind durch umgestürzte Bäume, die Wagen und Häuser entzweigeschlagen haben, Existenzen zerstört worden“, sagt er.

Den entstandenen Schaden schätzt er auf eine sechsstellige Summe. „Ich bin gestern gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, als das Unwetter losbrach. Dann bin ich sofort wieder ins Auto gestiegen und zurückgefahren. Bis 2 Uhr nachts waren wir im Einsatz.“ Die Stromversorgung musste wieder hergestellt, mehrere kleinere Verletzungen versorgt und erste Schäden beseitigt werden. „Der Zusammenhalt unter den Campern ist sehr groß, da hilft jeder dem anderen.“

"Mir fehlen die Worte"

Es herrscht noch immer helle Aufregung. „Und wie war es bei euch?“, „Das ist eine Katastrophe“, rufen sich die Nachbarn zu. An jeder Parzelle wird gekehrt, repariert und der Kopf geschüttelt. Urlauberin Tatjana Wolf hat das Unwetter auch überrascht: „Als es losging, sind wir nur schnell auf die Kinder zugerannt und die auf uns. Dann sind wir in den Wohnwagen geflüchtet.“

Vom Kioskdach wird gerade mit einem Kranwagen ein riesiger Baum entfernt, dessen Wurzeln die anliegende Holzterrasse aufgehebelt hatten. Das Dach hat der Last nachgegeben und große Wassermengen seien in den Kiosk gelaufen. Im Halbdunkel steht darin Mitarbeiter Turgut Bozkurz an der Kasse. „Wir haben immer noch nicht überall Strom, in der Hamburgerküche steht das Wasser. Mir fehlen die Worte“, sagt er nachdem er seine Gäste bedient hat. „Es ist einfach so traurig.“ Bis Mitternacht hatte er seinem Chef geholfen, das gröbste Chaos zu beseitigen.

„Ich war Gott sei Dank nicht da!“

Camper Arthur Sauer, der nicht weit vom Kiosk entfernt sein Häuschen gebaut hat, muss nun einen Totalschaden beklagen, da ein großer Ast vom Baum gefallen ist. „Ich war Gott sei Dank nicht da!“ – und das trifft wohl auch auf die Besitzer des Wohnwagens zu, der nebendran steht und zur Hälfte unter der Last eingedrückt wurde. So wie Sauer geht es jetzt mehreren.

Seine Nachbarin hatte das Unwetter auf der Terrasse kommen sehen. „Ich hab' mir gedacht, das ist ja eine komische Wolke. Dann ging alles ganz schnell, und die ist über uns hinweggefegt. Ich hab' mein Handy und mein Buch gepackt und bin schnell rein.“

Es wird noch Tage und Wochen dauern

Bis zum Nachmittag herrscht am Campingplatz noch reges Treiben. Äste und Bäume werden abtransportiert. Ebenso wie an vielen weiteren Straßen in Kahl. Wie beispielsweise an der Alzenauer Straße. Dort liegt auf dem Dach eines Fitnessstudios ein großer, entwurzelter Baum. Mehrere Zufahrten zu Wäldern und Nebenstraßen sind gesperrt. Ebenso wie die Landstraße nach Alzenau.

Die Strecke der Kahlgrundbahn, die zwischen Hanau und Schöllkrippen fährt, ist am Montag nach dem Sturm auf nicht absehbare Zeit stillgelegt, da dort auf wenigen Metern etwa zehn Bäume auf den Schienen liegen. Auch ist eine weitere Ortszufahrt nach Alzenau über die Industriestraße gesperrt. Die Aufräumarbeiten und Reparaturen werden die kommenden Tage und Wochen noch andauern und die Bewohner beschäftigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema