+
Gemeinsam statt gegeneinander: Christian Litzinger hat seine Kandidatur um den Kreisvorsitz der CDU Main-Kinzig überraschend zurückgezogen. Aktuell steht damit nur Dr. Katja Leikert im September zur Wahl.

Interview

Warum Christian Litzinger nicht mehr gegen Leikert um den CDU-Kreisvorsitz antritt

  • Yvonne Backhaus-Arnold
    vonYvonne Backhaus-Arnold
    schließen
  • Holger Weber-Stoppacher
    Holger Weber-Stoppacher
    schließen

Nachdem Christian Litzinger im Februar angekündigt hatte um den CDU-Vorsitz im Kreis zu kandidieren, hat er die Kandidatur zurückgezogen. Im Interview erklärt er wieso. 

  • Christian Litzinger hat seine Kandidatur um den Vorsitz der Kreis-CDU zurückgezogen
  • Er wird damit nicht gegen Katja Leikert antreten
  • Im Interview schildert er seine Beweggründe

Im Februar hatte Christian Litzinger seine Kandidatur gegen die amtierende CDU-Kreisvorsitzende Dr. Katja Leikert angekündigt. Die CDU brauche eine Führung, die nah dran sei an der Basis. Die Bundestagsabgeordnete könne der CDU im Kreis wegen ihrer Verpflichtungen in Berlin nicht die Aufmerksamkeit widmen, die die Partei brauche, hatte der Gelnhäuser CDU-Vorsitzende gesagt. Vor gut einer Woche trat er dann den Rückzug an. Hintergrund sei die Corona-Pandemie. Nun unterstützt Litzinger beim Parteitag, der wegen der Krise von März auf September verlegt worden ist, ausgerechnet Dr. Katja Leikert. Wir haben mit Litzinger über seine Rolle rückwärts gesprochen. 

Herr Litzinger, wie ist es zu dem plötzlichen Sinneswandel gekommen? 

Ich war zu der Einsicht gekommen, dass man sich noch einmal zusammensetzen und versuchen musste, eine Einigung zu erzielen. Auch mit Blick auf die vor uns liegende Kommunalwahl, die ja nur ein halbes Jahr nach dem im September geplanten Parteitag stattfinden wird. Dort wollen wir als Team, als eine geschlossene Partei auftreten. Das war in erster Linie der Grund, warum ich mit Katja Leikert noch einmal das Gespräch gesucht habe. 

Das heißt, Sie sind auf Katja Leikert zugegangen. Oder doch umgekehrt? 

Ich bin im Rahmen unserer letzten Kreisvorstandssitzung auf Katja Leikert zugegangen und habe sie darum gebeten, dass wir uns noch einmal zusammensetzen. Das haben wir dann zwei Tage später auch getan. 

Wie würden Sie das Gespräch beschreiben? 

Es war auf jeden Fall konstruktiv. Wir haben uns verständigt über die Probleme, die ich gesehen habe. Wir haben darüber gesprochen, wie wir in Zukunft mit diesen umgehen wollen und wie wir unsere Partei in den Kommunalwahlkampf führen wollen. 

Können Sie die Probleme noch einmal kurz benennen, die Sie angesprochen haben? 

Das habe ich bei meiner Kandidatur ja schon erklärt: Dass die kommunale Ebene der Partei nicht die Wertschätzung erfährt, wie ich es mir wünsche. Da eine Person nicht bei allen Mitgliederversammlungen präsent sein kann, haben wir uns darauf verständigt, dass wir uns die Arbeit noch stärker als bisher aufteilen wollen. Mein Teil wird sein, mich als stellvertretender Kreisvorsitzender mehr um die Verbände hier vor Ort zu kümmern. 

Was wir nicht so recht verstanden haben: Was hat die Pandemie, die Sie auch als einen Grund für den Rückzieher angegeben haben, mit den Führungsproblemen im CDU-Kreisverband zu tun? Die sind aufgrund der Pandemie ja nicht verschwunden. 

Die Ausgangslage durch Corona hat sich grundlegend geändert. Für jeden einzelnen von uns haben sich in den vergangenen Wochen Prioritäten verschoben und der Blick wurde durch die Dinge geschärft, auf die es jetzt ankommt. Katja Leikert hat die Partei in dieser Situation sehr gut geführt, viel kommuniziert und den ständigen Kontakt zu den Mitgliedern gesucht. Für mich war das ein gutes Signal. Wir wollen gemeinsam an der Lösung der Probleme arbeiten. 

Wenn man sich auf etwas verständigt, müssen ja beide Seiten Zugeständnisse machen. Welche Zugeständnisse hat Frau Leikert Ihnen gemacht? 

Sie wird mich bei meiner Arbeit vor Ort unterstützen. Auch ich habe ja noch gewisse Ziele, die sich allerdings alle auf kommunaler Ebene befinden, vor allem mit Blick auf die Bürgermeisterwahlen in drei Jahren in Gelnhausen. Das wissen Sie ja auch, wie haben bei uns vor Ort keine ganz einfache Situation mit dem derzeitigen Bürgermeister. Kein Problem ist gelöst: weder die Entwicklung des ehemaligen Kaufhaus JOH, weder die seit einem Jahr geschlossene Stadthalle noch die Baugebiete, die wir vor uns herschieben. Ich sehe momentan auch nicht, wie man mit dieser städtischen Führung zum Ziel kommen könnte. 

Also, Ihr Ziel ist die Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters? 

Ja, ich muss mich um meine Heimatkommune kümmern. Da hat mir Katja Leikert volle Unterstützung zugesagt. Daran wollen wir zusammen arbeiten.

 In Erlensee, Bruchköbel und auch Langenselbold hat die Unterstützung von Katja Leikert im vergangenen Jahr offensichtlich nicht ausgereicht. In allen Kommunen hat die CDU bei Bürgermeisterwahlen deutliche Niederlagen kassiert. 

Man muss die Ergebnisse vor Ort differenziert betrachten. Mit Blick auf Erlensee muss man sagen, dass es immer schwierig ist, gegen einen Amtsinhaber anzutreten… 

… aber in Bruchköbel und Langenselbold sind die Amtsinhaber nicht mehr angetreten. 

In Bruchköbel war es ja so, dass es interne Querelen und mehrere Kandidaten gab. Eine solche Konstellation führt zweifellos nicht zum Erfolg. Das hat man ja auch in Gelnhausen gesehen, wo drei Kandidaten mit SPD-Parteibuch angetreten waren. In Langenselbold war der Fehler ein taktischer, auch von unserer Seite. Dort hatte der Sieger (Timo Greuel; Anm. der Red.) als Erster Stadtrat schon Zeit, sich warm zu laufen. Da war dann nichts zu machen. 

Wie haben denn die Ortsverbände im Main-Kinzig-Kreis auf Ihren Rückzieher reagiert? 

Man wird in einer Volkspartei mit über 2000 Mitgliedern im Kreis nie jeden einzelnen überzeugen können. Aber die Verbände an sich haben das alles sehr positiv aufgenommen. Ich habe keine negative Stimme vernommen. 

Auch nicht von einzelnen Mitgliedern? 

Also, bei mir hat sich noch niemand beschwert. Im Gegenteil, vielmehr herrscht die Meinung vor, dass man in schwierigen Zeiten zusammenhalten muss. 

Wir haben schon einige kritische Leserbriefe bekommen. Was würden Sie sagen, wenn Sie doch noch jemand anruft und sich persönlich beklagt? 

Dann würde ich sagen, dass ich mich mehr als noch bisher einbringen werde, um die Probleme gemeinsam mit Katja Leikert zu lösen.

Fehlt es in der CDU an Personal für eine Neuaufstellung? 

Nein, wir sind gut aufgestellt. Wir haben in allen Verbänden Leute, die sich einbringen wollen. Wir haben keine Probleme, die Listen zu füllen. Unser Anspruch ist es, nächstes Jahr stärkste Partei im Kreis zu werden. 

Sie haben Ihre Kandidatur seinerzeit damit begründet, dass die CDU Main-Kinzig jemanden braucht, der nahe an der Basis ist. Warum sind Sie optimistisch, dass Katja Leikert von nun an diese Nähe zeigt, die sie bisher ja hat vermissen lassen? 

Wir befinden uns bald im Kommunalwahlkampf, da wird jeder mehr Präsenz zeigen vor Ort als in der Vergangenheit. 

Im Kreis gibt es keine CDU-Bastionen mehr. Das ist keine gute Ausgangsposition vor den Kommunalwahlen im kommenden Jahr. Wie wollen Sie die Wähler bis zum März 2021 zurückgewinnen? 

Wir erarbeiten ja gerade unser Programm, mit dem wir in den Wahlkampf gehen wollen. Wir haben drei große Konferenzen dazu abgehalten. Im Herbst vergangenen Jahres haben wir bereits über die Themen Bildung und Soziales gesprochen, dann kam Verkehr und Wirtschaft und in der letzten Sitzung haben wir unter der Führung von Michael Reul zum Thema Finanzen diskutiert. Viele Mitglieder und alle Hauptamtlichen haben sich dort eingebracht und Vorschläge und Ideen einfließen lassen. Dies wird jetzt noch feinjustiert und zu unserem Programm zusammengegossen. 

Das ist ja sehr allgemein, was sie jetzt sagen, können Sie bei den Zielen konkreter werden?

Nein, wie gesagt: Da sind wir noch mittendrin.



Die Krise der CDU im Main-Kinzig-Kreis

Noch vor weniger als 20 Jahren hat die CDU mehr als die Hälfte aller Bürgermeisterposten im 29 Kommunen zählenden Main-Kinzig-Kreis besetzt. Im Januar dieses Jahres verlor sie in Langenselbold ihre letzte Bastion – nachdem sie kurz zuvor auch bei den Bürgermeisterwahlen in Bruchköbel (November) und Erlensee (September) krachende Niederlagen eingesteckt hatte. Diese drei Wahlen waren die letzten in einer Serie von Niederlagen, die die Christdemokraten in den vergangenen Jahren kassiert haben. Nachdem Johannes Heger im März 2018 bei der Wahl zum Kreisvorsitzenden von der Basis abgestraft worden war, übernahm die Bundestagsabgeordnete Dr. Katja Leikert den Vorsitz, um das Blatt zu wenden. 

Ihr Ziel: Möglichst viele Bürgermeisterposten zurückzugewinnen im Kreis. Das Ergebnis ist bekannt. Besonders schmerzlich war die Niederlage in Bruchköbel, einer der konservativsten Kommunen im Kreisgebiet. In ihrem heimischen Stadtverband gab es bei der Wahl neben dem offiziell nominierten CDU-Kandidaten Daniel Weber mit dem damaligen Stadtverbandsvorsitzenden Thomas Sliwka und Dietmar Hußing gleich zwei unabhängige Bewerber mit CDU-Parteibuch. Die Schuld für die Spaltung der Partei gaben viele der Personalpolitik Leikerts, die den Kandidaten Weber gegen den gesetzten Stadtverbandsvorsitzenden und Fraktionschef Sliwka in Stellung gebracht und dessen Nominierung befördert hatte. Für die Wahlen in Rodenbach und Neuberg, die im November diesen Jahres stattfinden sollen, hat die CDU bisher noch keinen Kandidaten präsentiert.

Das könnte Sie auch interessieren