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"Wahlkampf vor Ort" mit Einzelkandidat Dr. Gerhard Stehlik

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Allein unterwegs zwischen Vogelsberg und Spessart: Dr. Gerhard Stehlik klebt Plakate im Raum Schlüchtern. Foto: Ziegert
Allein unterwegs zwischen Vogelsberg und Spessart: Dr. Gerhard Stehlik klebt Plakate im Raum Schlüchtern. Foto: Ziegert

Main-Kinzig-Kreis. Er ist vermutlich der einzige Kandidat im Landratswahlkampf, der seine Plakate selbst klebt: Dr. Gerhard Stehlik aus Hanau tritt als Einzelkandidat an und will zumindest nicht Letzter in diesem politischen Wettbewerb werden. Am Donnerstag war er fernab der Heimat in Schlüchtern unterwegs.

Von Andreas Ziegert

Dr. Stehlik zu begleiten, wie er sein Konterfei an Plakatwänden befestigte, war zumindest ziemlich unterhaltsam:

12.44 Uhr: Treffpunkt in Schlüchtern-Elm erreicht, Dr. Gerhard Stehlik steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite und fotografiert die Plakatwand.

12.45 Uhr: Der Kandidat ist seit zwei Stunden unterwegs und hat bereits einiges zu erzählen: In Hutten habe ein Ökobauer auf die Stadtverwaltung in Schlüchtern geschimpft: „Das war köstlich.“

12.46 Uhr: Stehlik holt zwei Schüsseln aus seinem weißen Pkw, eine mit Kleister und eine für den dicken Pinsel. „Ich komme auf jeden Fall über ein Prozent“, wird er diese Prognose allerdings gleich nach oben korrigieren.

12.47 Uhr: Das Plakat klebt, alle anderen Kandidaten hängen in Elm auch schon. „Vielleicht hole ich auch 2,5 Prozent oder drei, vier, fünf“, würde er es als großen Erfolg verbuchen, nicht Letzter zu werden. Wen er hinter sich lassen will? „Die Grünen haben mit einer Umweltpartei schon lange nichts mehr zu tun.“

12.48 Uhr: „Gestern Abend in Schlüchtern bin ich ausgerastet“, blickt er kurz auf die jüngste Podiumsdiskussion mit allen Kandidaten zurück. Man habe ihn nicht das vorgetragen lassen, was er den Wählern mitteilen wollte. Eine entsprechende Mail, höflicher aber genauso deutlich formuliert, sei bereits unterwegs in die Redaktion der veranstaltenden Zeitung.

12.49 Uhr: Die Schüsseln sind wieder verstaut, der Kandidat holt einen Zettel aus dem Auto. Via Google hat er sich eine Route durch die Schlüchterner Stadtteile zusammengestellt.

12.50 Uhr: Das Navi wird programmiert, neues Ziel: Klosterhöfe.

12.54 Uhr: Der Kandidat ist ziemlich zügig unterwegs, erstmals Richtung nächster Plakatwand, vielleicht auch bald ins Landratsamt?

12.58 Uhr: Der weiße Pkw biegt rechts in ein Gewerbegebiet ab, doch eine Plakatwand ist weit und breit nicht zu sehen. „Tut mir leid, da habe ich mich verfahren“, wird er später sagen.

13.04 Uhr:„So etwas habe ich ja überhaupt noch nicht gesehen.“ Wir sind in Gomfritz, das gehört zu Klosterhöfe und hier ist alles ziemlich klein. Die Plakatwand steht auf einem Hügel direkt am Ortseingang.

13.05 Uhr: Stehlik verschmiert den Kleister, 300 Plakate hat er drucken lassen. Wie er die finanziert? „Aus meinem Privatvermögen.“ 2004 habe er 10 000 Euro für seinen Wettbewerb zum Thema „Didaktik des Treibhauseffektes“ zur Verfügung gestellt, allerdings nur 4000 Euro an einen Teilnehmer für dessen unvollständiges Werk vergeben. Den Rest investiert er in seinen Wahlkampf.

13.07 Uhr: Der Wind will zunächst verhindern, dass „Der Einzelkandidat“ auch hier zu sehen ist. Schließlich bleibt das Plakat doch hängen.

13.08 Uhr: „Das dürfte ich ihnen eigentlich gar nicht sagen“, scheint es jetzt spannend zu werden. Man habe ihm geraten, auch die Landratswahl auf seinen Plakaten zu thematisieren, doch das lehnte er ab. „So kann ich das Plakat auch in Zukunft noch verwenden, bei Bürgermeisterwahlen zum Beispiel.“ Aber warum macht er das? „Weil es ein wunderschönes Hobby ist.“ Einzige Bedingung: Es müsse ihm Spaß machen – und das scheint zumindest momentan der Fall zu sein.

13.11 Uhr: Abfahrt, nächstes Ziel Wallroth.

13.21 Uhr: „Auch nicht besonders zentral hier“, gefallen ihm die Plakatwände am besten, die an Bushaltestellen oder Dorfplätzen stehen.

13.22 Uhr: Mit seinen zwei Schüsseln macht er sich dennoch auf den Weg und lobt jetzt auch mal die Stadt Schlüchtern: „Einzigartig ist hier, dass nur die Plakatwände beklebt werden dürfen. Das finde ich sensationell“, sind die Laternenmasten tatsächlich alle plakatfrei.

13.24 Uhr: „Bringt doch eh alles nichts„, hätte er eine ganz andere Lösung in Sachen Wahlwerbung: Der Hessische Rundfunk als öffentlicher Sender müsste gezwungen, auch für eine Landratswahl im Main-Kinzig-Kreis Sendeplatz kostenlos zur Verfügung zu stellen.

13.26 Uhr: Stehlik kleistert wieder und hat eine weitere Idee: Den Investoren von Supermärkten könnte mit der Baugenehmigung auferlegen, Platz für so eine Plakatwand zu schaffen. Die müsste dann aber nicht allzu groß sein, denn: „Ich bin ja für das Zwei-Parteien-System“, seien die so genannten stabilen Mehrheiten mit der Einbindung von Zehn-Prozent-Parteien Betrug am Wähler.

13.27 Uhr: Der Kandidat steht unter Beobachtung, nein nicht Polizei oder Staatsschutz, Mitarbeiter vom Bauhof der Stadt Schlüchtern fahren vor, erkennen aber wohl die Rechtmäßigkeit seines Tuns.

13.29 Uhr: „Die AfD meint ja, sie könnte mich vereinnahmen, weil ich viele Punkte mit ihnen teile“, würde diese Partei aber ein sehr wichtiges Thema noch ziemlich klein halten. „CO2 macht keine Erderwärmung, sondern ist ein wichtiges Kühlmittel„, sei daraus ein „gigantischer Wahlbetrug“ entstanden.

13.30 Uhr:Und noch so eine Theorie des Kandidaten: „Die Grünen waren die Ersten, die erkannt haben, dass Windkraft nur eine Verschandelung der Natur ist.“ Allerdings seien die, die diese Meinung vertreten, inzwischen bei SPD, FDP oder AfD.

13.32 Uhr: Abfahrt zum letzten Ziel, der Schlüchterner Stadtteil Breitenbach.

13.40 Uhr: Ankunft in der Ortsmitte, doch keine Plakatwand in Sicht.

13.44 Uhr: Der Kandidat hält mit seinem Wagen auf der Gegenfahrbahn, um eine Passantin zu fragen.

13.46 Uhr: Nächster Versuch beim Dorfgemeinschaftshaus, auch nix.

13.47 Uhr: Zurück in der Ortsmitte, da steht zwar eine kleine Plakatwand, aber laut Stehlik kann es die nicht sein. Also noch mal Google-Zettel raus, dort wird sie in der Nähe der Kirche avisiert.

13.49 Uhr: Tatsächlich, gefunden. Was ihm auch hier nicht gefällt: Seine Vorgänger haben die Plakate festgetackert und er sich gleich am Anfang seiner Tour an einer Plakatwand verletzt.

13.50 Uhr: „Mir wurde Platz sechs zugewiesen“, hätten ihm Schlüchtern und auch Bruchköbel zudem automatisch die Standorte der Plakatwände zugeschickt. An dieser hier stimmt aber etwas nicht: Der grüne Kandidat hängt auf Position drei, der FDP-Mann liegt sogar zerknüllt am Boden an einem Pfosten.

13.52 Uhr: „Sie dürfen es nicht mechanisch befestigen“, betont Stehlik beim Kleistern noch einmal, dass er sich ganz korrekt verhält.

13.54 Uhr: Der Abschied steht an, doch ein wichtiger Hinweis fehlt noch: „Machen Sie bitte Werbung für meine Homepage, das ist meine Plattform für den Wahlkampf.“

13.55 Uhr: Dr. Gerhard Stehlik braust davon, die nächste Plakatwand wartet.

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