Weniger Wintervögel im Garten sind kein Grund zur Besorgnis - sagt Karl-Heinz Schmidt, Leiter der Ökologischen Forschungsstation in Schlüchtern. Eine Schwankung innerhalb des Bestandes von Jahr zu Jahr sei ganz normal. Foto: Ungermann

Main-Kinzig-Kreis

Vogelhäuschen ade? Sorge um Wintervögel bleibt unbegründet

Main-Kinzig-Kreis. Die geringe Anzahl an Vögel pro Garten hat Besorgnis erregt. Der Leiter der Ökologischen Forschungsstation Schlüchtern Karl-Heinz Schmidt gibt jedoch Entwarnung. Grund für das Ausbleiben der Vögel seien die ausreichenden natürlichen Futterquellen. Das Aufstellen von Vogelhäuschen schade dennoch nicht.

Von Alexander Gies

Besorgt hatte sich ein Leserbriefschreiber zum diesjährigen Vogelbestand geäußert. Auffallend wenige Tiere seien seiner Meinung nach in der Region zu sehen. Auch andere Vogelfreunde berichteten ähnliches. Müssen wir uns also ernsthaft Sorgen um unsere Singvögel machen? Die Antwort verwundert, denn sie lautet: nein. Die Vögel finden genug natürliches Futter, es geht ihnen prächtig.

Dabei stützen sogar die ersten Ergebnisse der aktuellen Zählaktion „Stunde der Wintervögel“ des NABU die Sorge um die regionalen Piepmätze. Die Teilnehmer registrierten im Schnitt in einer Stunde 34 Vögel pro Garten. Das seien knapp 20 Prozent weniger als im Mittel der sechs Vorjahresaktionen, bilanzierte der Naturschutzbund vor wenigen Tagen.

Natürliche Futterquellen Weniger kritisch sieht Karl-Heinz Schmidt, Leiter der Ökologischen Forschungsstation (ÖFS) Schlüchtern, die derzeitige Lage: „So verwunderlich es zunächst klingen mag: Wenn sich in den Gärten nur wenige Vögel blicken lassen, dann bedeutet das nicht zwangsläufig, dass es ihnen schlecht geht oder dass es insgesamt weniger gibt, sondern dass sie wahrscheinlich über genug natürliche Futterquellen verfügen.“

Schmidt macht dies an den Bucheckern deutlich: 2015 habe es kaum solche Sämereien gegeben. „Die Mast ist in jenem Jahr fast vollständig ausgefallen“, so Schmidt. Die Folge: Die Vögel tummelten sich stattdessen an den gebotenen Futterstellen im Wald und in den Gärten und vermittelten so den Eindruck, es gäbe viele Vögel. Entsprechend fingen die Mitarbeiter der Forschungsstation 2015 an einer einzigen Futterstelle im Wald etwa 1000 unberingte Kohl­meisen.

Keinen Anlass zur Besorgnis 2016 ist es umgekehrt: Es gibt Bucheckern en masse. Dazu Spinnen und Insekten. „Solange dies alles ausreichend zur Verfügung steht, lassen die Vögel Sonnenblumenkerne und Meisenknödel links liegen“, verdeutlicht Schmidt. Das drückt sich auch in der Fangzahl unberingter Vögel an den Futterstellen im Wald aus: Von den genannten 1000 im Jahr davor sank sie 2016 auf nur noch 50.

Der grundsätzlich gute Allgemeinzustand der Tiere spiegelt sich laut Schmidt auch im Gewicht der Vögel wider: Wogen im futterarmen Jahr 2015 die gefangenen Meisen im Bergwinkel 14,5 Gramm, so bringen sie nun 17 bis 19 Gramm auf die Waage – ein guter Wert, der keinen Anlass zur Besorgnis gebe.

VogelhäuschenZur Frage, ob die Fütterung im heimischen Vogelhäuschen sinnvoll ist, vertritt Schmidt eine klare Position: „Diese bringt nichts, sie schadet aber auch nichts.“ Insofern hat er nichts dagegen, er befürwortet die Vogelhäuschen sogar, denn dies zeige, dass die Menschen sensibel auf Naturschutzfragen reagierten und sich verantwortlich fühlten.

Die wissenschaftlichen Befunde selbst zeichneten jedoch ein anderes Bild: Egal, ob gefüttert wurde oder nicht, das Gewicht der Tiere war bis auf ein Zehntel Gramm identisch, und auch die Überlebensrate blieb völlig unbeeindruckt vom Angebot an „künstlichem“ Futter wie Sonnenblumenkernen, „Rothkelchen-Delikatessen“ oder „Energiekuchen mit Insekten“.

BestandsschwankungenDie ÖFS untersucht bereits seit Anfang der 1970er Jahre mit großem Aufwand das ganze Jahr über die Vogelbestände im Bergwinkel. Dazu werden Vögel an den Futterstellen gefangen, gewogen, beringt und begutachtet. Die komplette Brutsaison mit Verlauf und Ergebnis wird notiert, und es werden die Zahlen übernachtender Vögel ermittelt. Schmidts Fazit lautet: „Starke Bestandsschwankungen von Jahr zu Jahr sind normal.“ Und: „Der Futterstellenbesuch sagt nichts über Zu- und Abnahmen von Vogelbeständen aus, wenn man nur wenige Jahre betrachtet.“

Deshalb könne die „Stunde der Wintervögel“ des NABU auch keine verlässlichen Angaben über die Ursachen von Bestandsschwankungen machen. Dies ermöglichten nur Erhebungen über Jahrzehnte hinweg. Aus diesem Grund werden momentan die Zahlen der ÖFS aus den vergangenen 50 Jahren ausgewertet. Mit ersten Ergebnissen rechnet Schmidt noch in diesem Jahr. Erst dann werde man Hinweise darauf finden, ob es den Piepmätzen tatsächlich besser oder schlechter geht als früher.

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