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Verstümmelungsprozess: Ist der Angeklagte doch volljährig?

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Dawit W. steht wegen einer brutalen Tat vor Gericht. Er soll einem Freund in den Hals, gestochen, die Augenlieder und Stücke aus den Ohrmuscheln abgetrennt haben (Symbolfoto).
Dawit W. steht wegen einer brutalen Tat vor Gericht. Er soll einem Freund in den Hals, gestochen, die Augenlieder und Stücke aus den Ohrmuscheln abgetrennt haben (Symbolfoto).

Schlüchtern. Hat sich der Angeklagte im Verstümmelungsprozess jünger gemacht, als er wirklich ist? Ist er volljährig? Darauf deuten zumindest eine Zeugenaussagen hin.

Von Dieter A. Graber

Dawit ist verstockt. Wie versteinert sitzt er auf der Anklagebank, dieser schmale, fast magere Junge, während ihm die Dolmetscherin unaufhörlich den Prozessverlauf in Tigrinya souffliert, jene Sprache, die in seiner Heimat Eritrea am weitesten verbreitet ist. Es läuft schlecht für ihn. Es steht lebenslänglich im Raum. Aber Dawit schweigt.

Ach ja, die Dolmetscherin. Schon einmal hatte Dawit sie abgelehnt. Sie spreche einen äthiopischen Dialekt, hatte er bemängelt. So etwas gehe gar nicht. Äthiopien und Eritrea, da spielt ein alter afrikanischer Konflikt mitten hinein in den Saal 216 des Hanauer Landgerichts. Heute muss er mit der Übersetzerin, die immerhin öffentlich vereidigt ist, vorlieb nehmen.Im Schloß gelebt Inzwischen gilt es als ausgemacht, dass Dawit bei seinen Altersangaben gelogen hat. Vermutlich kam er am 10. Januar 1993 zur Welt, nicht erst vier Jahre später, wie es in seinen „Papieren“ steht, vermutlich in Asmara, der Hauptstadt des nordostafrikanischen Landes. Aber was weiß man schon genau über diesen Mann, der sich jünger machte, weil es in Deutschland für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge so viel gibt, Geld und Wohnung und Job und Betreuung.Eine ganze Weile lebte er im Schloß Hausen in Bad Soden-Salmünster, wo er, wie sich ein Sozialarbeiter erinnerte, wegen gelegentlicher Regelverstöße auffiel. Der Betreiber, das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands, bezieht Jugendhilfeleistung nach Paragraph 27 SGB VIII für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Dort wusste man zumindest, dass Dawit bereits in Italien als Asylbewerber anerkannt war. Es wurde aber ignoriert.Beim Alter geschwindeltTomas ist 20 – nein, 23 Jahre alt, wie er auf nachdrückliches Befragen durch Richterin Susanne Wetzel kleinlaut korrigiert. Auch er ist schlank. Auch er ist geflüchtet übers Mittelmeer nach Lampedusa. Auch er ist anerkannter Asylbewerber. Die beiden sind Freunde. Dass sie bei ihren Geburtsdaten geschwindelt haben, räumt Tomas freimütig ein. „Man riet uns dazu, andernfalls könnten wir wieder abgeschoben werden.“Tomas und Dawit hatten sich, obschon in Italien angeblich ohne Mittel und Dach überm Kopf, spontan zwei Eisenbahnfahrkarten von Mailand nach Frankfurt gekauft. Tomas spricht passables Deutsch, hat aber keinen Job. Zwar verfügt auch er über einen Hauptschulabschluss, aber mit dem Schreiben und Lesen hapere es, räumt er ein.Beziehungen sind angespanntKurz vor der Tat habe er eine „Veränderung“ an Dawit bemerkt. „Er wurde stiller.“ Vielleicht lag es daran, meint der Tomas, dass sie „rassistisch beleidigt“ worden seien. Später kommt dann heraus, dass die Übeltäter andere Flüchtlinge gewesen waren. Afghanen, Äthiopier, Somalier, wer weiß. Die Beziehungen Eritreas zu fast allen seinen Nachbarstaaten sind angespannt.

Aber ansonsten, sagt der Tomas, sei Dawit ein fröhlicher Typ gewesen, habe sich gern mit der Playstation die Zeit vertrieben, gern Horrorfilme geschaut, gekifft und, ja auch das, ziemlich viel Alkohol getrunken. In seiner Küche, in einem Fach unterhalb des Kühlschranks, war eine ganze Batterie leerer Flaschen gefunden worden. „Die Wohnung war eine Art Kneipe für uns“, sagt der Tomas. Frage nach der Sexualität„Und eine Freundin?“ fragt Richterin Wetzel. Da sei mal was gewesen, erinnert sich der Zeuge dunkel. Ob sich der Angeklagte vielleicht mehr zu Männern hingezogen fühlte, insistiert die Vorsitzende. „Meinen Sie: schwul?“ fragt Tomas ungläubig.Nein, das könne er sich nicht vorstellen, und der Mustafa, also das Opfer, habe sich doch auch für Frauen interessiert... „Vielleicht bisexuell?“ Das geht dem Tomas jetzt ein wenig über sein Vorstellungsvermögen; sowohl Männer als auch Frauen? In Eritrea sei so etwas undenkbar. Dawit schweigt eisernVielleicht ist das Undenkbare die Spur eines Motivs, nach dem die Kammer sucht, die Staatsanwaltschaft, auch Ulrich Will, der Verteidiger: eine gleichgeschlechtliche sexuelle Affäre als Tabubruch. „Der Mustafa hat mein Herz und meinen Verstand kaputt gemacht“, soll Dawit einmal geäußert haben. Aber was auch immer zu der grauenvollen Tat vom Abend des 7. Oktober 2016 geführt haben mag, Dawit schweigt eisern.Mit Engelszungen hat Rechtsanwalt Will, hat Richterin Wetzel auf ihn eingeredet, ihm klar zu machen versucht, dass sich nur eine „Einlassung“, wie Juristen sagen, strafmildernd auswirke. Auf gut Deutsch: Butter bei die Fische! Aber vergeblich.Altersbestimmungsgutachten in AuftragUnd sollte Dawit tatsächlich schon 24 sein, woran es inzwischen wenig Zweifel gibt, muss seine Tat nach Erwachsenenstrafrecht geahndet werden. Auf Mord steht da eine lebenslange Freiheitsstrafe. Die Kammer hat ein Altersbestimmungsgutachten in Auftrag gegeben.Es wird mehrere Tausend Euro kosten. Ein „Geständnis“ hinsichtlich seiner tatsächlichen Lebensjahre könnte ihm zum Vorteil gereichen. Aber Dawit bleibt dabei. Er sei zwanzig Jahre. Irgendwie scheint das Verfahren in einer Sackgasse gelandet zu sein.

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