Helmutchen lebt seit 23 Jahren als Freigänger-Kater auf einem Bauernhof. Foto: Euler

Main-Kinzig-Kreis

Tierschutz: Aufregung um alten freilaufenden Kater

Main-Kinzig-Kreis. Helmutchen hat schon viel erlebt in seinem Katerleben. Helmutchen ist 23 Jahre alt. Er lebt Zeit seines Lebens auf einem Bauernhof. Erst mit seinem Besitzer. Seit dessen Tod – versorgt von den Erben – alleine.

Von Andrea Euler

Der Kater kennt nur das Leben draußen, einen Tierarzt hat er nie aufgesucht. Ebenso wenig kannte er ein Auto von innen, eine Arztpraxis und einen Käfig. Bis jetzt.

Nun wurde Helmutchen innerhalb weniger Wochen gleich zweimal eingefangen, zum Tierschutz verfrachtet. Beim ersten Mal wurde er medizinisch vollversorgt: Infusion, Ungezieferbehandlung, die letzten vereiterten Zähne wurden gezogen, der Kater kastriert. Musste all das sein?

„Ja. Musste“, sagt dazu energisch Sabrina Seliger vom Vorstand des Tierschutzvereins Katzenzuhause. „Wir müssen das medizinisch Notwendige tun. Und wenn ein Kater in einem so schlechten medizinischen Zustand und mit einer ansteckenden Viruserkrankung für andere Katzen zu uns kommt, dann muss tatsächlich auch der letzte Zahn gezogen werden, mit dem er andere Katzen verletzen könnte, und er muss auch kastriert werden. Auch Kater mit über 20 Jahren sind noch in der Lage, Katzen zu decken und damit auch zu infizieren.“

Fast 1000 Tiere habe der Verein in den zurückliegenden zehn Jahren kastrieren lassen, darunter Fundtiere, verletzte Tiere, Bauernhofkatzen. Dass eine Unterbringung in einem Tierheim für ein freiheitsliebendes und -gewohntes Tier eine Qual ist, kann sie nachvollziehen. „Aber was sollen wir machen? Wir können das Tier ja nicht einfach wieder sich selbst überlassen.“

Dabei, so sagt Seliger mit einer gehörigen Portion Frust in der Stimme, sei es für Katzenbesitzer doch so einfach, eine solche Situation zu vermeiden: „Es ist kein großer Aufwand, ein Tier zu kennzeichnen. Und damit all diesen Stress – insbesondere für das Tier – zu vermeiden.“

Wobei der Stress in Seligers Augen inzwischen zu einem ganz großen Prozentsatz dem Tierschutz aufgebürdet wird. „Es wäre schon sinnvoll, erst mal in der Nachbarschaft zu fragen, ob jemand weiß, wem das Tier gehört, wenn es natürlich nicht gerade schwer verletzt ist. Und ich finde auch nicht, dass es zu viel verlangt ist, eine Katze für ein paar Stunden aufzunehmen und noch mal am Fundort rumzufragen, bevor man den Tierschutz informiert. Aber das ist das Problem der heutigen Zeit: Man ruft beim Tierschutz an, und dann ist man das Problem los. Egal, zu welcher Uhrzeit.“

Was das für die ehrenamtlich tätigen Tierschützer bedeutet, mache sich kaum jemand klar. Und das sorgt auch bei einer so engagierten Tierliebhaberin wie Sabrina Seliger für Frust: „Ich bin es manchmal schon leid und nicht sicher, wie lange ich mit dem Tierschutz noch weitermachen werde. Ich werde mitten in der Nacht angerufen, weil irgendwo ein Tier im Gebüsch sitzt. Selbst kümmern will sich aber keiner mehr, die Leute wollen für alles einen Dienstleister haben. Und wenn man dann hilft, ist man noch die Blöde.“

Zahlreiche Mails habe sie erhalten, in denen sie beschimpft und beleidigt worden sei, auch in den sozialen Netzwerken. „Da wird uns ein Eingriff in die Natur vorgeworfen. Wir sollen die Finger von den Katzen lassen. Was wir denn davon halten würden, wenn man uns Menschen kastrieren würde“, zählt sie auf, mit welchen Anfeindungen sie regelmäßig umgehen müsse.

Auch kritischen Nachfragen muss sich die Tierschützerin immer wieder stellen. „Warum wir die Tiere nicht, wie das in südlichen Ländern oft noch üblich ist, mit einem Zacken im Ohr versehen? Das kann ich ganz einfach erklären: Die sind hinterher nicht mehr vermittelbar.“ Die Interessenten von Katzen haben so ihre ästhetischen Vorstellungen, wie das Tier aussehen dürfe – und eine deutliche Kerbe im Ohr gehöre nicht dazu.

Kater, die Revierkämpfe hinter sich haben, weisen oft ohnehin schon zerfledderte Ohren auf. „Also müssten wir Zacken in Dreiecksgröße herausschneiden, um die Markierung eindeutig zu machen – und dann will die Tiere keiner mehr.“ Deshalb lasse der Verein alle Katzen, die zu ihm gebracht werden, tätowieren. Beim Tierregister Tasso seien die Tiere registriert, Tasso meldet sich dann bei dem Verein und dieser kann aus einer geführten Liste den ursprünglichen Fundort zum Zeitpunkt der Kastration entnehmen.

Die städtischen Gremien in Hanau haben sich im Mai für entschiedenes Vorgehen zur Eindämmung der Fortpflanzung der Katzen entschieden: Dort ist es gemäß Katzenschutzverordnung Pflicht, Freigänger zu kastrieren, sie kennzeichnen und auch registrieren zu lassen. Werden Katzen eingefangen, die nicht entsprechend behandelt wurden, werden die anfallenden Kosten den Besitzern zur Last gelegt – und ein Ordnungsgeld kommt noch dazu. Falls der jeweilige Besitzer sich meldet.

Als Katzenhalter gilt gemäß Verordnung auch, wer freilaufenden Katzen regelmäßig Futter zur Verfügung stellt. Fundtiere, die nicht gekennzeichnet und registriert sind, werden zehn Tage im Tierheim in Quarantäne genommen. „Danach fangen wir an, die nötigen Dinge zu tun.“ Holt der Besitzer sein Tier innerhalb dieser zehn Tage ab, wird bei einer Katze eine Aufwandsentschädigung von acht Euro pro Tag fällig.

Auf „zwischen 500 und 800“ schätzt Daniel Gimbel, Tierpfleger im Hanauer Tierheim, die Zahl der verwilderten Katzen, die in Hanau leben. Knapp 70 davon seien 2018 eingefangen und kastriert worden, ein Großteil konnte vermittelt werden. „Aber die zu wilden bleiben bei uns im Tierheim“, wie Gimbel berichtet. 18 Stück sind das in diesem Jahr, finanziert wird das Ganze aus Spenden- und Mitgliedsbeiträgen sowie Erbschaften.

Auf die Tierschützer wartet somit noch eine Menge Arbeit. Schon die Zahl der verwilderten Katzen ist groß. Angesichts der Tatsache, dass Katzen zweimal im Jahr werfen können und dabei drei bis fünf Kitten pro Wurf zur Welt bringen, geht den engagierten Helfern die Arbeit nicht aus. „Es überleben zwar nicht alle Kitten aus einem Wurf, aber bei ein bis zwei Überlebenden wird deutlich, welche Arbeit vor uns liegt.“

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