Rund um die Uhr ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte: Die ökumenische Telefonseelsorge Main-Kinzig hilft vor allem vor Weihnachten vielen Menschen, die oft keinen Ausweg sehen, und hört ihnen zu. Seit fast 18 Jahren gehört Fritz Feit zum Team der Telefonseelsorge. Fotos: pixabay/Andrea Euler

Main-Kinzig-Kreis

Telefonseelsorge: Das Schreckliche und Schöne am Ehrenamt

Main-Kinzig-Kreis. Das nahende Weihnachtsfest ist nicht für alle Menschen ein Grund zur Freude. Es gibt auch viel Verzweiflung. Für viele ist die Telefonseelsorge, die rund um die Uhr zur Verfügung steht, ein rettendes Ufer.

Fritz Feit kennt die Sorgen und Nöte. Er ist Vorstandsmitglied des Fördervereins der ökumenischen Telefonseelsorge Main-Kinzig. Hier werden Menschen vertrauliche Gespräche angeboten, die bei der „Bewältigung von persönlichen Problemen, Nöten und Krisen“ helfen sollen. Seit fast 18 Jahren gehört Feit (65) zu den knapp 80 Helfern, die rund um die Uhr dafür sorgen, dass jemand zuhört. Im Interview spricht er über die Herausforderungen dieses Ehrenamts, seine Erlebnisse und das Hilfsangebot im Wandel der Zeit.

Die Telefonseelsorge will Menschen in Not ein Gesprächsangebot machen. Wie sind Sie darauf gekommen, sich dort einzubringen?

Ich habe schon lange nach einer Möglichkeit gesucht, ehrenamtlich aktiv zu werden. Telefonieren kann ich – das war mein Gedanke, als ich eine Anzeige der Telefonseelsorge sah. Ich habe mich gemeldet – seither bin ich dabei.

Einfach so? Man setzt sich hin und telefoniert los?

So einfach ist das natürlich nicht. Zunächst muss man über 18 Jahre alt sein und sollte einem christlichen Glauben anhängen. Die Ausbildung dauert ein gutes Jahr. Einmal wöchentlich gibt es einen Abend zur Vorbereitung, dazu kommen noch mehrere Wochenenden. Die Schulungen dienen der Entwicklung sozialer Kompetenzen. Seelsorge, Psychotherapie, Transaktionsanalye – man kriegt von ganz vielen Bereichen etwa mit, damit man dann auf die Menschen auch zugehen kann. Und es gibt regelmäßige Fortbildungen. Das ist eine sehr wertvolle, aber natürlich auch teure Ausbildung, für die unter anderem der Förderverein in einem großen Maße aufkommt.

Was hat sich im Verlauf der vergangenen 18 Jahre geändert?

Zum einen die Professionalisierung: Die Telekom übernimmt die Kosten und hat inzwischen dafür gesorgt, dass die Anrufer tatsächlich aus der Region kommen, in der die Telefonseelsorger arbeiten. Das ist hilfreich, weil man früher manche Dialekte einfach nicht verstanden hat. Ab 2020 wollen wir auch anbieten, sich per E-Mail bei uns zu melden. Und es scheint eine größere Akzeptanz für unsere Arbeit zu geben: Die Scherzanrufe, bei denen uns manchmal sogar mit einer Trillerpfeife ins Ohr gepfiffen wurde, sind deutlich weniger geworden.

Aber die Themen haben sich nicht verändert: Zu 99 Prozent ist es die Einsamkeit, die die Menschen anrufen lässt. Dann sind es Menschen mit Beziehungsproblemen, aber auch Depressive, Suchtkranke, Drogenabhängige, Menschen mit Suizidgedanken, Mobbing am Arbeitsplatz – die ganze Palette. Besonders häufig sind die Anrufe von depressiven Menschen bei schönem Wetter und bei hohen Feiertagen.

Was erwarten die Anrufer von Ihnen?

Viele wollen einfach ihren Frust abladen, da ist aktives Zuhören gefragt. Die Hilfe bei der Problemfindung ist eine unserer wichtigsten Aufgaben – da muss der Anrufer selbst drauf kommen. Er muss ja eine passende Lösung für sich finden. Oft ist es wichtig, zu sagen: Wie fühlt sich das denn an in Dir? Was macht das mit Dir? Und dann merken viele, dass sie ein Problem rational angehen wollen, das man nicht rational angehen kann, weil es sich auf der Gefühlsebene abspielt.

Gibt es zeitliche Grenzen oder Beschränkungen?

Ein Gespräch dauert meist zwischen 20 und 40 Minuten. Danach dreht man sich im Kreis, dann bringt das meist nichts mehr. Wer etwas getrunken hat, wird gebeten, später nochmal anzurufen, damit die Argumente auch durchdringen. Anrufen dürfen die Menschen dann, wenn sie es brauchen. Manche machen das täglich – und das ist auch in Ordnung so.

Was war Ihr schönstes und Ihr traurigstes Erlebnis im Zusammenhang mit der Notfallseelsorge?

Das Traurigste war beim Nachtdienst vor über zehn Jahren ein hörbar junges Mädchen, das keinen Ausweg mehr sah, weil ihm niemand geglaubt hat, dass es eine Missbrauchserfahrung machen musste. Sie hat sich umgebracht. Das ist das Schreckliche: Du hast keine Chance, etwas dagegen zu tun. Das Schönste war der Anruf einer alten Dame, die Probleme mit ihrem Enkel hatte. Nach einer Dreiviertelstunde bedankte sie sich herzlich und sagte: „Wenn ich nicht so alt wäre, ich würde schon herausfinden, wer Sie sind, und Sie zu einem Kaffee einladen.“ Es ist immer schön, wenn jemand sagt: Jetzt weiß ich, welchen Weg ich gehen kann. Das ist unbezahlbar.

Bei solch traurigen Erlebnissen: Haben Sie nicht die Möglichkeit, einzugreifen? Polizei und Rettungsdienst zu verständigen?

Nein, das können wir nicht. Zum einen, weil wir ja vollkommen anonym miteinander sprechen. Aber selbst, wenn jemand eine Adresse nennen würde, könnten wir nicht spontan reagieren: Wenn jemand uns auf die Schippe nimmt, müssten wir für den Einsatz privat zahlen. In so einem Fall würden wir die Leitung der Seelsorge informieren, die dann eine entsprechende Entscheidung fällen würde.

Wie gehen Sie persönlich mit solchen Erfahrungen um? Wie verkraften Sie derartige Erlebnisse?

Es gibt für uns Telefonseelsorger Supervision – und das ist auch nötig und unwahrscheinlich hilfreich. Die Supervision findet einmal monatlich statt. Aber auch das Verhältnis zwischen uns als Gruppe ist unglaublich eng und vertrauensvoll. Wenn wir gerade etwas verarbeiten müssen und einen Ansprechpartner suchen, sind die anderen Telefonseelsorger immer untereinander erreichbar und verstehen auch, wie es einem geht.

Das Interview führte Andrea Euler.

Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 08 00/1 11 01 11 und 08 00/1 11 02 22 erreichbar.

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