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In Krisenzeiten besonders gefordert: die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge.

Rund um die Uhr im Einsatz

Telefonseelsorge Main-Kinzig hilft in Krisenzeiten auch mit anonymen Chats und E-Mails

„Die Ehrenamtlichen machen tapfer Dienst um Dienst. Keine Schicht entfällt, es ist eher so, dass sich sogar Ehemalige melden und Hilfe anbieten. Ich bin total glücklich, dass das so toll läuft.“ Pfarrerin Christine Kleppe ist im Kreis für die ökumenische Telefonseelsorge verantwortlich.

Andrea Euler

Gerade in der aktuellen gesellschaftlichen Situation ist der Bedarf groß: „Wir haben aktuell ein Drittel mehr Anrufe als sonst. Weit über 50 Prozent davon betreffen das Virus.“

Menschen haben die verschiedensten Anliegen

Da ist die Anruferin, deren Ängste sich nun auf Corona projizieren. Die Frau, die aus dem Homeoffice anruft, weil mit ihren zwei Kindern zu Hause alles so chaotisch abläuft. Der alleinstehende Mann, der sich nicht mehr um seine Mutter kümmern kann. Die Ehefrau, die sich sorgt, dass ihr im Gesundheitswesen arbeitender Ehemann sich anstecken könnte.

„Wir machen den Menschen ein Beziehungsangebot. Wir versuchen, sie zu unterstützen. Wir sind eine reale Beziehung. Kein Ersatz für Freunde, aber dennoch ein Beziehungsangebot. Wir versuchen wertschätzend zu verstehen, halten Ausschau nach Ressourcen und ermutigen die Ratsuchenden, die Ressourcen auch zu nutzen. Es ist Suizidprophylaxe, was wir machen.“

76 Ehrenamtliche sind rund um die Uhr im Einsatz

Insgesamt seien 76 Ehrenamtliche derzeit am Telefon im Dienst, und das rund um die Uhr. Die Telefonseelsorge sei „das Nachtgesicht der Kirche“, das aktuell sehr viel Wertschätzung erfahre. Erst jüngst habe Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Würzburg angerufen und die Arbeit der dortigen Telefonseelsorge wertgeschätzt. „Das tut auch den Ehrenamtlichen richtig gut“, so Kleppe. 

Gerade in der derzeitigen Situation stellt sie fest: „Wir halten zusammen, wir stehen zusammen, wir machen einen sinnvollen Dienst für Menschen in Not.“ Und Kleppe ist überzeugt: „Wir kriegen das zusammen gut hin. Man muss für diese Aufgabe mutig sein, zuversichtlich und offen. Aber dann erlebt man auch, dass es sinnvoll ist, was man macht.“

Seelsorge auch per E-Mail erreichbar

Die Seelsorge über E-Mail gibt es seit einigen Wochen auch bei der ökumenischen Telefonseelsorge Main-Kinzig. „Die Verantwortlichen haben sich dafür entschieden, weil es Ehrenamtliche gab, die Interesse hatten, sich darin schulen zu lassen“, erläutert Kleppe. „Es gibt einen offenkundigen Bedarf, sodass wir die Notwendigkeit erkannten, das Angebot zu erweitern.“

Die Klientel des niedrigschwelligen Angebots sei eine andere als die am Telefon. „Die Nutzer sind jünger. 52 Prozent sind zwischen 15 und 29 Jahre“, erklärt Kleppe. Der Kontakt sei anders als am Telefon: „Das Aufschreiben an sich ist für die Ratsuchenden auch selbst schon eine Klärung.“

Viele Menschen in depressiver Stimmungslage

Und auch die Themen seien anders. Verstärkt gehe es um Suizidalität, selbstverletzendes Verhalten, psychische Erkrankungen. „Hier kommen eher noch schambesetzte Themen zur Sprache“, erläutert die Fachfrau. Ein hoher Anteil von Menschen mit depressiven Stimmungslagen sei hier zu finden. Mit elf Ehrenamtlichen seien sie seit Dezember in diesem Segment am Arbeiten, die erfahrenen Mitarbeiter – krisenerfahren und krisenbewährt – haben in der Regel eine Ausbildung als Telefonseelsorger und verfügen über eine Erfahrung von mindestens vier Jahren Dienst am Telefon.

Hinzu komme eine Fortbildung von mindestens 30 Stunden. „Das Thema E-Mail ist etwas ganz Besonderes“, so die Pfarrerin. Ähnlich wie beim Briefeschreiben sei der Aspekt der Zeitverzögerung zu berücksichtigen. Und: Es ist ein fortlaufender Prozess mit immer demselben Berater. Dieser können mal kürzer, mal länger ausfallen – zwischen vier und 70 Kontakte fänden derzeit statt. „Das erfordert eine besondere Art der Schulung.“

Seelsorge ist kein Ersatz für Therapie oder Klinikaufenthalt

Anders als beim Chat, der nach einer halben Stunde vorüber sei, gehe es bei der Mail-Seelsorge darum, „den Auftrag zu klären, festzustellen: Was kann ich tun, was nicht.“ Den Mitarbeitern müsse auch gewärtig sein, dass sie keinen Ersatz bieten können für Therapie oder Klinikaufenthalt. Gedanken und Gefühle müssen wahrgenommen, wertschätzend reflektiert werden.

„Die Abgrenzung ist ein spezielles Thema. Es muss klar sein, bei was ich als Mail-Seelsorger helfen kann. Ich bin keine Brieffreundin.“ Auch für die Mitarbeitenden selbst sei es wichtig zu wissen: „Das muss nicht zack, zack gemacht werden, es bleibt genug Zeit, die Mail des Ratsuchenden wirken zu lassen, zu klären: Was habe ich für innere Reaktionen, welche Fakten kenne ich, auf welches Thema möchte ich eingehen?“ Die prinzipielle Frage sei stets: Was brauchst du? Und oft auch: Hast du therapeutische Begleitung? „Wir ermutigen im Bedarfsfall, in Therapie zu gehen. Wir klären, wo es Punkte gibt, die gut laufen. Wo es im individuellen sozialen Netz Hilfe gibt. Wer gut tut, wem der Ratsuchende vertrauen kann. Es gilt, soziale Ressourcen abzuklopfen und zu stärken. Und an anderer Stelle zu sagen: Das gehört in Therapie.“ Das sei manchmal schwierig und müsse geschult werden.

Zwölf Stunden Dienst sind Pflicht im Monat

Die Mitarbeiter der Seelsorge im Internet seien Menschen, die gerne schreiben und sich gut schriftlich ausdrücken können. Die sich trauen, sich gut abgrenzen zu können. Und die es leisten können, diese Arbeit von zu Hause aus zu bewältigen. Die Ehrenamtlichen sind weiterhin auch am Telefon aktiv, „es ist ein Ehrenamt mit Verpflichtung“, wie es Kleppe ausdrückt.

Zwölf Stunden Dienst am Telefon pro Monat sind Pflicht, dazu kommen eine Supervision einmal monatlich und zwei Fortbildungen im Jahr. „Als Stellenleitung bin ich für alle immer ansprechbar, auch als Seelsorgerin für die Seelsorger“, umschreibt Kleppe ihre Aufgabe. Die Ehrenamtlichen, die für die E-Mail-Beratung zuständig sind, wurden in kleine Interventionsgruppen zusammengestellt, die sich gegenseitig beraten können. „Die Grenzen , die uns auferlegt sind, sind manchmal schwer auszuhalten. Wenn das Gegenüber nicht annimmt, was man ihm rät. Dann muss man sich auch eingestehen können: Ich sehe keine Perspektive. Man kann nicht immer helfen.“

Informationen Wie am Telefon sind auch die Angebote zur Telefonseelsorge Main-Kinzig über Mail und Chat anonym. Weitere Informationen gibt es im Internet.

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