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Straßenwahlkampf: Wie sich Stolz auf dem Wochenmarkt schlägt

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Überzeugungstour am Rande des Wochenmarkts: Kandidat Thorsten Stolz (rechts) in Bruchköbel unterwegs. Foto: Ziegert
Überzeugungstour am Rande des Wochenmarkts: Kandidat Thorsten Stolz (rechts) in Bruchköbel unterwegs. Foto: Ziegert

Main-Kinzig-Kreis. Das Wahlprogramm der sechs Landratskandidaten kann leicht nachgelesen werden, die Pressemitteilungen zu verschiedenen Themen kommen über die Medien fast täglich frei Haus. Aber wie reagieren die Menschen auf der Straße auf die Kandidaten? Wie sieht der direkte Kontakt mit den Bürgern aus?

Von Andreas Ziegert

Das erfährt man nur, wenn man die Kandidaten bei ihren Auftritten in den Städten und Gemeinden begleitet und beobachtet. Den Anfang machten wir mit Srita Heide (Ausgabe 22. Februar), heute folgt Thorsten Stolz, Bürgermeister von Gelnhausen und Kandidat der SPD.

An einem Freitag machte Thorsten Stolz für sich auf dem Wochenmarkt in Bruchköbel Werbung. Momentaufnahmen in der Chronologie:

11.29 Uhr: Thorsten Stolz ist auf dem Wochenmarkt angekommen. Verschnupft? „Ja, ständig, mal ist es zwei Wochen weg, dann kommt es wieder.“ Der monatelange Wahlkampf hat Spuren hinterlassen, der Tag begann bereits um 9 Uhr mit einem Infostand in Nidderau.

11.31 Uhr: Eigentlich sollte es ja Routine sein, doch es gibt kleinere Probleme beim Standaufbau. Das Werbebanner ist bockig, Sekunden später steht es dann aber doch.

11.32 Uhr: Der Stand der SPD wird schon beobachtet, „den wähl‘ ich“ sagt ein älterer Mann ungefragt. Stolz kommt hinzu, der Rentner nimmt ihn mit auf eine kleine Reise durch den Main-Kinzig-Kreis. Ursprünglich stammt er aus Flörsbachtal, dann zog es ihn nach Rückingen und jetzt lebt er ein Bruchköbel.

11.35 Uhr: SPD-Geschäftsführer Maik Zimmer bringt Nachschub. Neben den Wahlprospekten werden Kugelschreiber und Schokolade verteilt.

11.40 Uhr: Stolz spricht immer noch mit dem älteren Mann, dabei hatte der doch schon am Anfang gesagt, dass er ihn auf jeden Fall wählen wird.

11.42 Uhr: Gespräch beendet, die Stimme hat er sicher.

11.43 Uhr: Wahlkampf will gelernt sein: „Ich gebe ihnen mal etwas mit zur Landratswahl“, fragt der SPD-Kandidat erst gar nicht lange nach, ob Interesse an Informationen besteht.

11.44 Uhr: Die erste Absage, ein Mann winkt ab.

11.46 Uhr: Stolz holt kurz Luft: „Was mir auf diesem Wochenmarkt besonders gefällt: 80 Prozent der Marktbeschicker sind direkt hier aus der Region.“ Zum dritten Mal macht er bereits Wahlwerbung in Bruchköbel.

11.47 Uhr: Mutter mit Kind und Fahrrad kommt vorbei, eigentlich vollbepackt. Einzige Chance: Die Schokolade direkt ans Kind übergeben und das Prospekt im Fahrradkorb verstauen. Stolz nutzt sie.

11.56 Uhr: Der Kandidat hat einen Kunden am Honigstand im Visier. „Ich wähl’ sie sowieso“, hörte sich schon mal gut an. Aber dann doch eine kritische Frage: „Warum steht denn auf ihren Plakaten nicht SPD drauf?“ Aha, das leidige Thema. „Alles Absicht“, bei Personenwahlen habe er damit gute Erfahrungen gemacht.

12.01 Uhr: Das Gespräch am Honigstand ist beendet, Stolz erzählt eine Anekdote aus Maintal zum fehlenden SPD-Logo. „Das haben sie absichtlich gemacht, damit man sie googelt“, habe ihm da eine junge Frau gesagt. Hat er zwar gar nicht, aber ein netter Nebeneffekt.

12.03 Uhr: Eine Frau mittleren Alters schüttelt den Kopf: „Mit Politik habe ich nix am Hut.“ Ein aussichtsloser Fall? Offensichtlich nicht für den SPD-Kandidaten, einige Sekunden später verlässt sie mit einem Prospekt in der Hand den Wochenmarkt…

12.11 Uhr: Kurze Pause, Stolz muss seine Zitate in einer Pressemitteilung autorisieren.

12.16 Uhr: Jetzt wird es politisch, Themen sind die nordmainische S-Bahn und das vierte Gleis zwischen Hanau und Fulda. „Das sind alles Projekte, die ich umsetzen will“, zeigt Stolz auf Bildchen in seinem Wahlprospekt.

12.20 Uhr: Stolz atmet durch: „Mir ist das schon in einigen Kommunen aufgefallen: Obwohl auch hier in Bruchköbel bei Bundes- oder Landtagswahlen ja eher die CDU vorne ist, erhalte ich fast nur positive Reaktionen.“ Das macht ihm Hoffnung, Sorgen hat er eigentlich nur in eine Richtung: „Wenn die Menschen denken, ich hätte schon gewonnen und dann nicht zur Wahl gehen.“

12.26 Uhr: Stolz telefoniert, holt ihn jetzt sein Beruf als Bürgermeister von Gelnhausen ein? „Ich habe mir heute übrigens einen halben Tag Urlaub genommen“, hatte er gleich nach seiner Ankunft in Bruchköbel klargestellt. Spekulationen über die Ausübung seines Hauptberufs will er so im Keim ersticken.

12.31 Uhr: „Herr Stolz, ich wollte sie noch mal etwas fragen“, kommt eine Frau mit Krücken auf den SPD-Kandidaten zu. Und dann wird es ziemlich speziell: „Es geht um den Personalschlüssel im Bereich der Förderschulen.“ Stolz weiß auch auf diese Fachfrage eine Antwort.

12.32 Uhr: „Wählst Du SPD? Ne, Du bist CDU, oder?“, fragt eine Kundin einen Marktbeschicker. Der nickt, dann ein kurzes Gespräch und ein Handschlag mit Stolz. „Normalerweise ein CDU-Wähler, aber am 5. März gibt er mir seine Stimme.“ So etwas nennt man dann wohl Überzeugungskraft.

12.42 Uhr: Die letzte Runde über den Wochenmarkt beginnt. Der SPD-Kandidat läuft nun auch die Stände in den Nebenstraßen ab.

12.44 Uhr: Sechs Kilo hat Stolz in den vergangenen Wochen abgenommen, das bleibt auch der Fachverkäuferin am Käse- und Wurstwagen nicht verborgen. Der Kandidat zückt seinen Geldbeutel, kauft Handkäse. Ein Stück Wurst bekommt er kostenlos hinzu, „gegen einen Schwächeanfall“, meint die Verkäuferin.

12.50 Uhr: Zurück am Standort auf dem Wochenmarkt. Es beginnt zu regnen. Schnell abbauen und zurück nach Gelnhausen. Dort wartet am Nachmittag die Apfelweinverköstigung mit dem Gelnhäuser Obst- und Gartenbauverein im Rathaus. Stolz ist dann wieder Bürgermeister.

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