Schwerer Stand: Nach der Heuernte (Foto) folgt in diesen Tagen die Getreide- und Strohernte. Was für die Landwirte harte Arbeit bedeutet, ist manchen Bürgern ein Dorn im Auge. Foto: Axel Häsler

Main-Kinzig-Kreis

Spreu im Planschbecken: Landwirte beklagen sinkende Wertschätzung

Main-Kinzig-Kreis. Der Kreisbauernverband hat eine vorläufige Erntebilanz gezogen. Viele Zahlen kommen auf den Tisch, die Hoffnung auf Regen wird betont, Fakten auf Kreisebene erörtert. Es geht um schwierige Rahmenbedingungen, die „Unzuverlässigkeit der Politik“ wird beklagt (wir berichteten).

Von Andrea Euler

Und es geht noch um etwas: Die Wertschätzung gegenüber der Landwirtschaft, gegenüber den Bauern, die sich – da sind sich die Anwesenden einig – verschlechtert hat.

„Wir sind die Brunnenvergifter, die Antibiotika-Einsetzer“, beklagt der Präsident des Hessischen Bauernverbands, Karsten Schmal, das Bild, das in der Öffentlichkeit vorherrsche. Jens Pleger (Raiffeisen Agrar) macht das schwierige Verhältnis an einem Beispiel deutlich: „Es fehlt in Teilen der Bevölkerung am Verständnis, was in der Getreide-Erntezeit los ist. Sie soll Rücksicht nehmen auf die Erntemaschinen, muss eine lautere Geräuschkulisse ertragen, Staub wirbelt auf – da werden Beschimpfungen raus gelassen.“ Zugleich werde aber nicht gesehen, „dass die Landwirte eine enorme Arbeit leisten, insbesondere bei diesen Temperaturen“. Im Getreidesiloturm im siebten Stockwerk einen Motor wechseln – das ist Schwerstarbeit. „Und man muss ja auch sehen: 14 Tage dauert die Getreide-Ernte, dann ist das rum.“

Getreideernte ist für Landwirte ein emotionales Thema

Stattdessen beklagen die Anwesenden unisono, dass sich der Ton verschärft habe: Da wird geschimpft, weil der Landwirt mit dem Traktor langsam auf der Straße unterwegs ist. Weil die Getreidesporen vom Feld in das aufgebaute Planschbecken im Garten fliegen. Derselbe Vater, der an einem Tag mit seinem Sohn am Feldrand stehe und sich die Traktoren anschaue, sei am nächsten Tag erbost. „Die Getreideernte ist für die Landwirtschaft emotional sehr besetzt“, wie es der landwirtschaftliche Lohnunternehmer Thomas Lindt ausdrückt.

Er erntet Zustimmung in dem Kreis. „Wir Bauern fahren auch nicht zum Spaß noch abends um zehn auf den Acker“, heißt es übereinstimmend.

Der Vorstandsvorsitzende des Kreisbauernverbandes Main-Kinzig, Mark Trageser (Linsengericht), versucht, den Blick auf den Bürger als Konsumenten zu richten: „Die Leute verstehen nicht, dass wir jetzt das Brötchen ernten, das Weihnachten auf dem Teller liegt“, sagt er.

"Wir müssen Bewusstsein für unsere Arbeit stärken"

Katrin Hess vom Amt für Umwelt, Naturschutz und ländlichen Raum in Gelnhausen, kann bestätigen, dass „die Beschwerden zunehmen“. Sie sieht es als ihre Aufgabe, „vermittelnd tätig zu werden“, erkennt aber auch aktuell einen deutlichen Erklärungsbedarf.

Bauernpräsident Schmal macht in einem weltweiten Vergleich deutlich, in welch privilegierter Position die hiesige Bevölkerung sich befindet: „Wir leben auf einer Ecke der Welt, wo Pflanzenwachstum möglich ist. Das gilt nur für vier Prozent der Erde. Ernährungssicherung spielt bei uns keine Rolle. Wir haben viele Probleme als satte Gesellschaft. Die Bauern werden es schaffen, wieder genügend Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. Sie bieten hohe Qualität zu günstigen Preisen. Deutsche Haushalte geben nur zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus.“

Die Landwirte und auch Jens Pleger vom Agrarhandel Raiffeisen wollen nun versuchen, den Dialog zu führen und zu verbessern. „Wer möchte, kann gerne zu uns auf den Hof und in den Betrieb kommen. Schulklassen, Kindergruppen – wer möchte. Wir zeigen gerne, was wir tun und wie wir arbeiten“, sagt Pleger für seinen Betrieb und die der Landwirte. „Wir müssen das Bewusstsein für unsere Arbeit stärken und ein Miteinander hinkriegen.“

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