Mit einem Bierchen fängt es meist an - doch einige überschreiten die Grenze zur Alkoholsucht (Symbolbild).

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"Du schämst dich": Alkoholiker erzählen ihre Geschichten

Main-Kinzig-Kreis. Die Deutschen trinken viel Alkohol. Auf jeden Deutschen kommen umgerechnet rund 600 Flaschen Bier jährlich. Etwa 3,4 Millionen Menschen in Deutschland sind von Alkoholmissbrauch oder Alkoholsucht betroffen. Bei uns erzählen zwei ihre Geschichte.

Von Ines Jachmann (Gelnhäuser Tageblatt)

Mal ehrlich, zu einer gemütlichen Party gehört Alkohol doch einfach dazu. Hier und da ein Glas Bier oder ein Glas Wein – das schadet doch nichts. Zum Problem wird es, wenn man regelmäßig über sein Limit trinkt.

Doch wo ist das Limit? Eine Frage, die sich nicht so leicht beantworten lässt, wie Ulrich Rachor vom Caritas-Verband Main-Kinzig, Fachambulanz für Suchtkranke, meint: „Das ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Während der eine bereits nach einem Glas Wein genug zu haben scheint, macht dem anderen selbst eine Flasche Wein nichts aus.“Alkoholmissbrauch: Gründe sind vielschichtigSo lange man seine Grenze kenne, sei gegen ein Bier oder ein Glas Wein auch nichts einzuwenden. Kritisch würde es dann, wenn man diese Grenzen überschreitet. Die Gründe dafür seien vielschichtig. „Alkoholmissbrauch, bis hin zur Sucht, kann unterschiedliche Ursachen haben. Das sind verschiedene Faktoren, wie beispielsweise das soziale Umfeld, psychische Probleme, vermindertes Selbstwertgefühl oder auch genetische Veranlagung“, so der Experte.Alkohol verstärke eben oftmals auch die positive Stimmung. Kritisch würde es dann, wenn das Glas Bier oder Wein plötzlich eine immer wichtigere Rolle im Leben der Person einnehme. Dann bestünde die Gefahr einer Abhängigkeit. Alkoholsucht ist eine chronische Erkrankung."Alkoholiker sind in jeder gesellschaftlichen Schicht"Und selbst Menschen, die es irgendwann schaffen würden, „trocken“ zu sein, müssten sich ein Leben lang damit auseinandersetzen. Mal mehr, mal weniger. Das Bild, das die meisten bei dem Wort „Alkoholiker“ vor Augen hätten, entspräche nicht der Realität.„Es sind nicht immer die Obdachlosen, die man auf der Straße sieht. Alkoholiker sind in jeder gesellschaftlichen Schicht. Den meisten merkt man es nicht immer an. Weil sie sich zurückziehen. Viele arbeiten auch. Also ganz entgegen dem Klischee, Alkoholiker sind asozial und arbeitslos.“600 Flaschen pro Jahr Die Deutschen trinken weniger. Aber nur geringfügig weniger. Denn der Pro-Kopf-Konsum liegt mit 9,6 Liter Reinalkohol unverändert hoch. Das meldet das „Jahrbuch Sucht 2016“ der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Umgerechnet in Bier (Ausgangswert ist eine Flasche von 0,33 Liter mit einem reinen Alkoholgehalt von 12,7 Gramm) würden auf jeden Deutschen 600 Flaschen pro Jahr zusammenkommen.Laut dem Jahrbuch sind etwa 3,4 Millionen Menschen in Deutschland von Alkoholmissbrauch oder Alkoholsucht betroffen. 74 000 Todesfälle werden jährlich durch Alkohol oder der Kombination von Tabak und Alkohol verursacht. Demnach wäre, gemessen an der Zahl aller Abhängigen und Suchtkranken (die statistisch erfasst sind), Alkohol die Volksdroge Nummer eins.Kathrin H. ist seit einem Jahr trocken2015 wurden von der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Main-Kinzig 91 alkoholabhängige Personen betreut. Beim Caritas-Verband waren es 2015 etwa 286 Menschen, die ambulant oder im betreuten Wohnen wegen Alkoholmissbrauchs oder Alkoholsucht im Kreisgebiet betreut wurden. Zwei Menschen aus dem Main-Kinzig-Kreis, deren Weg in die Krankheit nicht unterschiedlicher sein könnte, erzählen ihre Geschichte.Kathrin H. ist 40 Jahre alt. Eine schlanke brünette Frau. Nichts deutet darauf hin, dass sie seit einem Jahr trockene Alkoholikerin ist. Und doch ist es so. Schon als Kind war sie mit dem Thema „Alkohol“ konfrontiert. „Meine Mutter war Alkoholikerin. Und hat sich totgesoffen. Wenn andere Kinder spielten, habe ich meine Mutter aus irgendeinem Graben gezogen.“ Als Kind hasste sie Alkohol. Und doch konnte sie sich ihm nicht entziehen. „Mit 22 Jahren fing der ganze Mist bei mir an. Damals zog ich in meine erste eigene Wohnung.“

Irgendwann kam der Schnaps dazuZunächst ganz harmlos. Erst ein Bier abends, dann zwei. Irgendwann kam der Schnaps dazu. Und plötzlich war sie mittendrin. Gefangen in ihrer eigenen Alkoholsucht. „Ich hab alles getrunken. Vor allem Hochprozentiges, was einem so richtig schnell die Birne wegschießt.“Eine Flasche Wodka war die Grundlage, irgendwann trank sie sogar Klosterfrau Melissengeist. Warum? „Mein Freund trank auch. Das kam einfach.“ Den ganzen Tag habe sie gearbeitet, über all die Jahre habe nie einer etwas gemerkt. „Als Alkoholiker wirst du zum perfekten Schauspieler, ein Lügner vor dem Herrn. Ich bin sogar volltrunken Auto gefahren. Manchmal habe ich statt zwei Fahrspuren drei gesehen.“ Keiner hat etwas gemerkt.17 Jahre gesoffen„Ich war Spiegelsäufer. Man versucht, seinen festen Pegel irgendwie zu halten.“ 17 Jahre hat sie so gelebt – und gesoffen. Beziehungen kamen und gingen. Ihr Drang nach Alkohol wurde immer schlimmer. Körperliche Beschwerden kamen dazu. „Ich musste mich immer öfter übergeben. Du merkst, dass du Alkoholiker bist, dass du ein Problem hast und krank bist. Und du schämst dich. Und sagst: Lieber Gott, hilf mir, ich kann nicht mehr.“Entgiftung, kalter Entzug – sie brauchte mehrere Anläufe. Sie hat es geschafft. Auch dank ihres Freundes. Und nun? „Bin ich arbeitslos. Es ist so aberwitzig. Als ich noch getrunken hatte, habe ich gearbeitet. Keiner wusste von meinem Leiden. Und jetzt? Stehe ich zu meiner Krankheit. Rede offen darüber. Und keiner will mich einstellen. Ich habe eben diese Lücke im Lebenslauf. 15 Wochen Therapie. Ich kann arbeiten. Bin auch nicht auf den Kopf gefallen. Aber um einen Job zu bekommen, muss ich lügen. Und darf einen Teil meines Lebens nicht erzählen.“ Die zweite Chance, die oftmals angepriesen werde von allen Seiten, gebe es nicht wirklich.Karheinz P. find mit 22 Jahren anKarheinz P. ist 55 Jahre und seit 37 Jahren alkohol- und drogenabhängig. In seiner Familie spielte Alkohol nie eine Rolle. Mit 22 fing die Trinkerei erst bei ihm an. Zunächst ganz harmlos. Auf dem Bau. „Das berühmte Feierabendbierchen. Dann wurde das auch zu Hause eingeführt. Zudem war ich jede Woche irgendwo auf einer Party. Man war eben überall dabei. Geburtstage, Feste. Einfach alles.“Gute Miene zum bösen SpielMit 30 hatte er eine Herzoperation. 17 Monate war er krank. Es folgten Eheprobleme. Er war nur noch unterwegs. Kapselte sich von allen ab. Machte immer öfter gute Miene zum bösen Spiel. Und soff. Heute ist er ein gebrochener Mann. Der Alkohol hat seine Spuren hinterlassen. Er ist geschieden. Zu seinen beiden Kindern hat er keinen Kontakt mehr.Arbeiten kann er nicht mehr. Therapien habe er mehrfach versucht. Aber es nie geschafft. 50 oder 60 Entgiftungen liegen hinter ihm. Essen tut er kaum noch. Nur Trinken muss er. „Ich habe nicht mehr so lange zu leben. Hab einen Abszess am Hals, der irreparabel ist. Ich sehe zu, wie mir der Hals wegfault. Hinzu kommt noch ein schwarzer Fleck auf der Lunge.“Maus in der Wanduhr gesehenManchmal habe er Halluzinationen. „Das ist echt krass. In meiner Wanduhr habe ich eine Maus gesehen.“ Wie aber konnte es so weit kommen? Hat er die Anzeichen nicht erkannt? „Die Erwartungen an mich waren zu hoch. Von meiner Familie. Von außen. Ich bin psychisch nicht so stark.“Drogen und Alkohol haben sein Leben zerstört. Das weiß er. „Mittlerweile ist mir mein Leben egal. Ich hab nichts mehr zu verlieren. Dennoch kann ich jedem nur raten: Finger weg vom Alkohol. Ich habe den Absprung nie geschafft."Mehr Aufklärung" Deswegen bin ich dafür, dass junge Leute mehr über Alkohol und was es aus dem Menschen machen kann, erfahren sollten.“ Was genau erwartet er, oder fordert er? „Mehr Aufklärung über das Thema Alkoholsucht in den Schulen. Es sollte ein Pflichtfach dafür geben. Denn wenn das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist, dann ist es definitiv zu spät. Ich bin auf dem besten Weg, zu vereinsamen. Davor habe ich Angst.“

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