Notfallsanitäter, Rettungsassistenten, Rettungssanitäter und Notärzte in der Region Hanau sind in den vergangenen Jahren immer häufiger Opfer von verbalen oder körperlichen Attacken geworden. Foto: DRK

Rettungsdienst: Zahl der Übergriffe im Kreis steigt stetig

Region Hanau – „In den vergangenen Jahren haben die verbalen und körperlichen Übergriffe auf Kollegen immer mehr zugenommen, die Aggressivität von Betroffenen, Angehörigen und Unbeteiligten ist größer geworden“, stellt Stefan Froschhäuser, Notfallsanitäter und seit 24 Jahren beim DRK Rettungsdienst Main-Kinzig beschäftigt, fest.

Von Thomas SeifertDer Mann, der nach einer Ausbildung als Industriekaufmann und nach seiner Zivildienstzeit „beim Roten Kreuz hängen geblieben ist“, muss es wissen. Der 44-Jährige ist seit nahezu einem Vierteljahrhundert fast täglich im Rettungseinsatz zusammen mit Notärzten unterwegs. Vom Klinikum Hanau aus werden die Teams des DRK Rettungsdiensts Main-Kinzig zu Einsatzorten von Nidderau bis nach Großkrotzenburg, von Maintal bis nach Langenselbold und in umliegende Gemeinden alarmiert.

Den 25. Dezember 2018 wird Stefan Froschhäuser nicht so schnell vergessen. Der Notfallsanitäter wurde mit Kollegen nach Schöneck-Büdesheim gerufen, dort hatten sich eine Frau und ihr Mann geprügelt und der etwa 55-Jährige hatte eine Kopfverletzung davon getragen, die im Klinikum in Hanau behandelt werden sollte.

Doch der stark alkoholisierte Mann reagierte zunächst ablehnend, ließ sich dann aber scheinbar von der Fahrt im Rettungswagen nach Hanau überzeugen. Nachdem er sich vor dem Haus auf eine Mauer gesetzt hatte, „ist der Mann plötzlich mit geballten Fäusten auf mich los gegangen und hat gebrüllt: ‚Ich bring dich um’. Wegen ähnlicher Vorfälle hatte ich mir angewöhnt, mich in solchen Situationen etwas kompakter hinzustellen, so dass ich den Angriff ohne umgerannt zu werden, zum Glück unverletzt überstand“, berichtet Froschhäuser.

Da sich der Betrunkene in der Folge nicht beruhigte, alarmierten die DRK-Mitarbeiter die Polizei, die den Mann als „alten Bekannten“ identifizierte. „Seltsamerweise war der Mann nach Erscheinen der Beamten plötzlich friedlich wie ein Lamm“, erzählte der Notfallsanitäter. „Dieser Vorfall ging mir aber zum ersten Mal in den 24 Jahren in diesem Beruf zwei, drei Tage nicht mehr aus dem Kopf, hat mich sehr beschäftigt“, stellte der 44-jährige Langenselbolder fest. „Früher habe ich das immer schnell weggesteckt, aber die zunehmende Aggressivität von Patienten oder Angehörigen sowie auch Unbeteiligter wird immer mehr zum Problem für die Rettungskräfte“, fügt Froschhäuser hinzu.

„Es sind oft normale Bürger, die sich daneben benehmen“

Ein anderer Vorfall, der sich in einem Hanauer Einkaufsmarkt vor Kurzem zutrug, wirft ein ebenso bedenkliches Licht auf die unverständlichen Reaktionen von Mitmenschen. Ein alter Mann war in einer Bäckereifiliale mit angeschlossenem Café kollabiert, die Mitarbeiter des Rettungsdienstes wollten die Besucher wegen der Reanimationsmaßnahmen, die letztlich erfolglos waren, aus der Filiale hinaus komplimentieren. Dagegen wehrte sich ein Senior mit der Bemerkung: „Dann wird ja mein Kaffee kalt“. Froschhäuser: „Da musste ich schwer an mich halten“.

DRK-Kreisgeschäftsführer Stefan Betz bestätigte die Einschätzung des Notfallsanitäters: „Die Vorfälle, bei denen Mitarbeiter des Rettungsdienstes angepöbelt, beschimpft oder bedroht worden sind, häufen sich in den letzten fünf Jahren. Früher waren es meist Betrunkene oder Drogensüchtige, die Probleme bereiteten. Heute sind es normale Bürger, die sich daneben benehmen – um das einmal vorsichtig auszudrücken.“

Ein Beispiel berichtet Betz: „Ein Reanimationseinsatz in einer engen Straße, der Rettungswagen und der Notarzt parken mit eingeschaltetem Blaulicht und Warnblinkanlage vor dem betreffenden Haus. Als sie den Kranken zum Wagen bringen, wurden sie von Autofahrern, die schon ungeduldig gehupt hatten, angepöbelt, es sei eine Frechheit, die Durchfahrt zu versperren.“

"Latenter Egoismus und ein Zuerst-Ich-Gehabe"

Aber nicht nur die Mitarbeiter von Rettungsdiensten werden immer aggressiver angegangen, der Vorfall vom Dienstag dieser Woche in Nidderau, wo Feuerwehrleute bei der Sicherung einer Unfallstelle beleidigt worden sind, spricht Bände. Stefan Froschhäuser hat festgestellt, dass Angehörige immer penetranter den schnellen Transport in eine Klinik verlangen und sich dann auch sehr aggressiv verhalten: „Früher schaffte man Patienten schnell in die Krankenhäuser, weil dort die Versorgung besser war. Zudem waren wir noch nicht so gut ausgebildet und hatten nicht die heutigen medizinischen Geräte zur Verfügung. Heute wird ein Patient erst dann transportiert, wenn Arzt und Notfallsanitäter auch einen sicheren Transport verantworten können. Das kann dann mit den Erstmaßnahmen vor Ort schon etwas dauern.“

Wie das allgemein aggressivere Verhalten in solchen Situationen zu erklären ist, da tun sich Froschhäuser und Betz schwer. Der Notfallsanitäter macht allerdings zu einem gewissen Grad die sozialen Netze verantwortlich, wo Videos und Berichte über Übergriffe online gestellt werden: „Es gibt bestimmt Mitbürger, die sich durch solche Veröffentlichungen ermuntert sehen, ihren latenten Egoismus und ihr Zuerst-Ich-Gehabe umzusetzen und sich dementsprechend in ähnlichen Situationen zu verhalten.“

„Immerhin haben das Land und die Krankenkassen die Lage soweit erkannt, dass sie seit 2014 Deeskalationskurse, die alle unsere Mitarbeiter absolvieren, bezahlen. Das hilft in manchen Situationen. Allerdings nicht, wenn einer Kollegin im Rettungswagen ins Gesicht geschlagen wird. Inzwischen sind 35 Prozent unserer Mitarbeiter Frauen“, stellte Stefan Betz fest. Auch der Innenausschuss des Landtags habe sich 2017 beim DRK Kreisverband die schwierige Situation erläutern lassen. Der Gesetzgeber habe daraufhin gehandelt und die entsprechenden Paragrafen verschärft. „Das nutzt aber alles nichts, wenn es bei Verstößen zu keiner klaren Antwort des Staates kommt, diese Gesetze müssen auch mit aller Schärfe angewendet werden, hier muss eine Null-Toleranz-Politik greifen“, fordert der DRK-Kreisgeschäftsführer.

Interesse an Ausbildung im Rettungsdienst ist trotz der Vorkommnisse relativ hoch

Trotz der negativen Schlagzeilen ist das Interesse an einer Ausbildung zum Notfallsanitäter, Rettungsassistent oder Rettungssanitäter noch relativ groß. „Wir bieten jedes Jahr acht Ausbildungsplätze an, die wir bislang immer ohne Probleme besetzen konnten“, betont Betz. Sollte sich der Trend zu immer aggressiverem Verhalten gegenüber Rettungskräften allerdings verstärken, sieht der Geschäftsführer Probleme auf die Rettungsdienste zukommen, „denn bei der Berufsausübung beschimpft, bedroht oder gar geschlagen werden, will niemand.“

Es gibt aber auch die schönen Momente, so Stefan Froschhäuser. Wenn zum Beispiel eine 102-jährige Frau sich mehrmals für einen Einsatz bedankt und sich dann noch entschuldigt, dass sie den Rettungsmitarbeitern zur Last gefallen sei. Oder wenn eine Notärztin auf dem Weg zu einer Unfallstelle auf der Autobahn ein kurzes Video dreht und es nach dem Einsatz als gutes Beispiel ins Netz stellt, wie eine vorbildliche Rettungsgasse aussieht.

Jährlich 30 000 Einsätze

Beim DRK Rettungsdienst Main-Kinzig, zuständig für die Stadt Hanau und den ehemaligen Altkreis Hanau von Nidderau bis Großkrotzenburg und von Maintal bis Langenselbold sowie umliegende Gemeinden, sind derzeit 150 Mitarbeiter als Rettungskräfte beschäftigt, die pro Jahr im Schnitt 30 000 Einsätze fahren. Aufgrund von Arbeitszeitverkürzung, Zuzug und demographischem Wandel wird die Mitarbeiterzahl bis Ende 2019 auf 170 ansteigen.

tse

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