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Pfarrerin Christine Kleppe koordiniert in Langenselbold die Ökumenische Telefonseelsorge Hanau/Main-Kinzig.

Ökumenische Telefonseelsorge Main-Kinzig/Hanau

Raum für Sorgen und Nöte: Ökumenische Telefonseelsorge hat in Corona-Zeiten 30 Prozent mehr Anrufe

  • vonHolger Hackendahl
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Wenn man nicht mehr kann, nicht mehr weiter weiß, es nicht mehr aushält, sich in einer ungewöhnlich schweren Situation befindet und keinen Ausweg mehr weiß, dann steht die Ökumenische Telefonseelsorge Main-Kinzig/Hanau bereit.

Und die ehrenamtlichen Mitarbeiter haben in diesen Wochen viel zu tun. „Mir fehlen die sozialen Kontakte, macht es denn überhaupt noch Sinn morgens aufzustehen?“ Solche Sätze hören die Seelsorger nicht selten. Aus Angst vor dem Coronavirus waren in den zurückliegenden Wochen vor allem viele ältere Menschen in selbst gewählter Isolation geblieben. „Wegen der Corona-Krise rufen deutlich mehr Menschen an als sonst üblich“, hat Pfarrerin Christine Kleppe festgestellt. Sie koordiniert und leitet seit November 2012 die Ökumenische Telefonseelsorge Hanau/Main-Kinzig. 

Die Pfarrerin koordiniert die derzeit 77 Mitarbeiter, organisiert Supervisionen und Fortbildungen, ist für Ausbildung und Öffentlichkeitsarbeit zuständig oder steht selbst als Seelsorgerin für die ehrenamtlichen Seelsorger zur Verfügung. „Wir haben rund ein Drittel mehr Anrufe, das ist deutlich mehr als sonst. Das Verblüffende daran: Corona ist oft ein Thema, aber nicht der Anlass. Es sind viel mehr die Auswirkungen von Corona auf das tägliche Leben“, hat Pfarrerin Kleppe festgestellt. Corona sei ein zusätzliches Thema. 

Nähe durch Anonymität

Über 30 Prozent der Anrufer seien psychisch erkrankt, könnten durch Corona-Beschränkungen etwa ihren Therapeuten und Freunde nicht treffen. Auch Einsamkeit sei oftmals Thema, auch deswegen wird vermehrt angerufen. Über 60 Prozent der Anrufer melden sich öfters, manche alle paar Wochen, manche auch jeden Tag. „Wir wollen die Schwelle zum Anrufen so niedrig wie möglich halten“, sagt Kleppe. 

Durch die Anonymität zwischen Anrufenden und Telefonseelsorge-Ehrenamtlichen entstehe eine große Nähe. „Telefonseelsorge, guten Tag!“, so melden sich die Mitarbeiter am Telefon. „Mir geht es schlecht!“, so lautet häufig der erste Satz des Anrufers. „Was beschäftigt Sie im Moment? Mögen Sie erzählen?“, ist die Reaktion des Telefonseelsorgers. Und schon sind sie mitten drin. „Es sind oft sehr intensive Gespräche. Wir geben dem Anrufer Zeit und Raum, seine Sorgen und Nöte zum Ausdruck zu bringen, geben ihm das Gefühl, ihn zu verstehen“, weiß Pfarrerin Kleppe. 

Anrufer soll sich ernst genommen fühlen

In den meisten Fällen müssten die Ehrenamtlichen vor allem „einfach zuhören, würdigen und wertschätzen“. Die Anrufer bei der Ökumenischen Telefonseelsorge sind überwiegend zwischen 40 und 60 Jahre alt. Allerdings meldet sich auch die Altersgruppe 30 bis 40 Jahre sowie hin bis zum 80-Jährigen, weiß Kleppe. Die Anrufe erfolgen aus ganz unterschiedlichen Gründen – Einsamkeit, depressive Verstimmung, familiärer Streit, Konflikte mit Nachbarn und Familienangehörigen gehören ebenso zu den Gründen für einen Sorgen beladenen Anruf wie Trauer, Erkrankung, Tod, Armut oder seelische und körperliche Erkrankungen. Auch Trauer und Tod, Abschied und die Frage nach dem Lebenssinn werden in den laut der Pfarrerin „im Schnitt 20- bis 25-minütigen Gesprächen“ mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Telefonseelsorge angesprochen. „Es gibt kein Thema, das es nicht gibt und was nicht angesprochen wird“, weiß die Pfarrerin.

 „Das Entscheidende bei einem Anruf ist nicht, das Problem zu lösen, sondern vielmehr den Anrufer ernst nehmen, ihm das Gefühl zu geben, es ist jemand für ihn da, damit er sich verstanden und wertgeschätzt fühlt. Wir verweisen dann auf weitere Hilfsangebote“, sagt Pfarrerin Kleppe. „Unsere Telefonseelsorge ist kein Ersatz für eine Therapie oder Fachberatungen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter trösten, stärken und ermuntern den Anrufer, zum ersten Schritt etwa eine Fachberatungsstelle aufzusuchen“, sieht die Pfarrerin das Seelsorgeangebot als „jemand Außenstehenden zu haben, mit dem man bei aller Verschwiegenheit über ein Thema offen und wertschätzend sprechen kann“. 

Monatliche Supervision und halbjährlich stattfindende Fortbildung sind Pflicht 

Unter den Hilfe- und Ratsuchenden wenden sich auch jüngere Menschen an die seit 44 Jahren bestehende Telefonseelsorge. Für Anrufer ist das Angebot ein ganz wichtiger Halt und eine bedeutende Unterstützung in einer Region, die sich von Gedern bis Babenhausen, von Hanau bis Bad-Soden-Salmünster erstreckt. Elf der derzeit 77 Ehrenamtlichen leisten zusätzlich zum Telefondienst „Mailseelsorge“. Die Ökumenische Telefonseelorge Hanau/Main-Kinzig ist seit Anfang des Jahres eine von 47 bundesweiten Mailstellen, an die sich Betroffene anonymisiert wenden können. „Mitunter gehen manche Gespräche den Ehremamtlichen auch an die Nieren“. Dafür brauchen die Telefonseelsorger selbst fachliche Begleitung. 

Jeder Mitarbeiter der Ökumenischen Telefonseelsorge ist verpflichtet, einmal monatlich an einer Supervision teilzunehmen, zudem halbjährlich eine Fortbildung zu besuchen. „Bevor die Ehrenamtlichen das erste Mal an das Seelsorge-Telefon dürfen, müssen sie – unabhängig ihrer Vorbildung – eine 14-monatige Ausbildung machen. Ökumenische Telefonseelsorge ist ein besonderes und qualifiziertes Ehrenamt“, unterstreicht Pfarrerin Kleppe.

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