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Dankbar für die Unterstützung der Stadt Steinau und des Kreises, sauer auf die Kulturpolitik des Landes: Ella Späte und Detlef Heinichen vom „Theatrium“.

„Für ein kleines Theater ein Super-GAU“

Puppenspieler ohne Publikum: „Theatrium“ in Steinau leidet schwer unter der Corona-Krise

  • vonAndrea Euler
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Das „Theatrium“, in dem über Jahrzehnte hinweg das Marionettentheater „Die Holzköppe“ vor allem die kleinen Besucher begeisterte, ist seit dem 13. März wegen der Corona-Pandemie geschlossen, sämtliche Gastspiele bis Juli bereits abgesagt und Reservierungen keine in Sicht.

Theaterchef Detlef Heinichen stellt ohne Umschweife fest: „Für ein kleines, nicht subventioniertes Theater ist das ein Super-GAU.“ Über die Art der Hilfe für Kulturschaffende müsse dringend nachverhandelt werden. „Der momentane Verweis auf die Grundsicherung ist ein wenig zynisch und völlig unüberlegt“, findet Heinichen klare Worte. 

Die Schließung des Theaters hat dazu geführt, dass Heinichen Zeit fand, Liegengebliebenes zu erledigen – und sehr kurzfristig im Rahmen eines vom Main-Kinzig-Kreis gestarteten Projekts ein inzwischen international beachtetes Angebot auf die Beine zu stellen: Die „MKK Märchenzeit“ wurde innerhalb von nur zwei Tagen konzeptionell erdacht und die erste Staffel zügig umgesetzt. Heinichen führt dabei täglich in der Rolle des Jacob Grimm in eine Märchenhandlung ein, das Märchenerzählerinnen aus Steinau und Hanau dann weiter ausführen. 24 Folgen sind gedreht, „und vielleicht gibt es noch einige Zugaben“. Zudem arbeitet der Theaterleiter an zwei neuen Inszenierungen, einer für Kinder und einer für Erwachsene. „Wann die Premieren sein werden, ist aufgrund der aktuellen Lage ungewiss.“ „Die Luft wird ein bisschen dünner“, lautete das Zwischenfazit, das Heinichen noch vor der coronabedingten Theaterschließung zog. „Man wird älter, ich bin 65.“ 

Geld für Förderprojekte käme nicht an

Noch sei das kein Problem, aber sein Wunsch sei, „ein kerngesundes Theater in professionelle junge Hände zu geben“. „Den Spaß an dem Beruf werde ich nie verlieren. Wir haben viele Angebote, woanders hinzugehen, aber ich breche ungern Dinge ab, die ich nicht vollendet habe. Das hat mir mein Vater beigebracht, der immer sagte: 'Bring's zu Ende.' Das ist mit der aktuellen Situation nicht leichter geworden“, streicht Heinichen nochmals heraus. Dankbar ist er für die Unterstützung durch die Stadt Steinau und den Landkreis. Sauer ist der „Theatrium“-Chef hingegen auf die Kulturpolitik des Landes Hessen. Sein Antrag auf Spielstättenförderung, den er mit viel Mühe erarbeitet habe, sei mit vier Sätzen abgelehnt worden. Gerade diese Förderung könnte er angesichts der gegenwärtigen Situation jedoch dringender denn je brauchen. 

„Die haben mich ohne Kenntnis der Dinge einfach ins freie Theater gesteckt, da gibt es nur Projektförderung“, ist Heinichen erbost über die Landesregierung. Auch ein gemeinsames Projekt mit dem Brüder-Grimm-Haus und eines zum Thema „Demokratie“ seien abgelehnt worden. „Ständig höre ich: Es gibt Fördertöpfe für den ländlichen Raum, aber hier kommt nichts an. Ich frage mich: Wo geht das Geld hin?“ Sein Theater biete Gastspiele und Inszenierungen für alle Altersgruppen, zudem stelle er es anderen Gruppierungen zur Verfügung, aktuell der Theaterwerkstatt Freigang, die ein Schirach-Stück auf die Bühne bringe. 

Publikum kann auch überraschen

Trotz aller Schwierigkeiten und der aktuellen Corona-Pandemie ist der Schau- und Puppenspieler zu 100 Prozent von seinem „Produkt 'Theatrium'“ überzeugt, das aus seiner Sicht das ehemalige Marionettentheater modernisiert habe. „Das hatte sich seit dem Ende der 1940er Jahre nicht einen Millimeter entwickelt“, sei „liebevoll, aber für meine Begriffe doch ein bisschen verstaubt“ gewesen. Das „Theatrium“ dagegen biete „ein Konglomerat aus Mainstream und Anspruch. Ich möchte Geschichten auf die Bühne bringen, die mich berühren, aber auch andere berühren.“ Und dabei müsse „es nicht nur Marionettentheater sein, sondern gerne auch Mischformen, Figurentheater im weiteren Sinne“. Doch bei all dem sieht Heinichen auch Grenzen: „Ich habe hier schon Schwierigkeiten, 'Schlafes Bruder' anzubieten. Und trotzdem tue ich es, weil ich denke, dass es doch der eine oder andere gelesen hat. Aber das ist sicher nicht das Einstiegsstück.“ 

Das Publikum könne ihn jedoch auch überraschen: Schräger Humor komme beispielsweise sehr gut an, schwarzer Humor aus dem Englischen. „Da habe ich festgestellt: Ja, das kann man den Menschen hier anbieten. Das macht mich glücklich. Großartig.“ Bei aller Begeisterung: Die Kasse muss stimmen. „Wir sind zwei Leute, beide sehr viel unterwegs. Das geht auch nicht anders – ich muss das Theater finanzieren.“ Seine Frau Ella Späte, eine studierte Bühnen- und Kostümbildnerin, sei bundesweit und sehr erfolgreich im Einsatz. Ihm selbst brächten Auftritte auf Festivals feste Gagen, „die fließen dann ins Theater. Finanziert wird das Theater mit Geld aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wir leisten eine aufopferungsvolle Arbeit. Wenn man das mit dem Mindestlohn vergleicht, kommt ein erschreckendes Ergebnis heraus.“

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