1. Startseite
  2. Region
  3. Main-Kinzig-Kreis

Preisbindung aufgehoben: Apotheker sind empört

Erstellt: Aktualisiert:

(Symbolbild).
(Symbolbild).

Main-Kinzig-Kreis. Für die Kunden vielleicht ein Vorteil, für die Apotheker ein Nachteil: Der Europäische Gerichtshof hat die Preisbindung für Medikamente aufgehoben. Während ausländische Apotheken im Internet satte Rabatte anbieten können, bleibt den Apothekern vor Ort diese Chance verwehrt. Einige fürchten um ihre Existenz.

Von Ines Jachmann und Yvonne Backhaus-Arnold

Ob im Internet oder in der Apotheke vor Ort – bislang spielt es in Deutschland keine Rolle, woher man seine verschreibungspflichtigen Medikamente bezieht. Der Preis ist überall der gleiche. Möglich macht es ein Gesetz, das die Preisbildung aller verschreibungspflichtigen Arzneien regelt. Und genau das hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) nun gekippt. Begründung: Es sei rechtswidrig und verstoße gegen das Wettbewerbsrecht.

Was genau bedeutet das jetzt? Ausländische Versandapotheken dürfen nun auch deutschen Kunden Medikamente billiger anbieten und Rabatte geben. Deutsche Apotheken dürfen das nicht. Klingt seltsam und ist für die Apotheker hierzulande eine bittere Pille.Klaus Krieg: "Eingriff in die Existenzsicherheit"Findet auch Apotheker Klaus Krieg, Inhaber der Barbarossa-Apotheke Gelnhausen: „Für uns ist diese Entscheidung eine Katastrophe. Und ein Eingriff in die Existenzsicherheit. Der Vorteil der Apotheken ist doch die direkte Beratung und die Betreuung des Kunden vor Ort. Von uns wird erwartet, dass wir die Patienten an die Hand nehmen. Und das für immer weniger Geld. Hier geht es doch in erster Linie um die Gesundheit, und nicht um ein rabattfähiges Warengut.“Apotheker Jürgen Peppel, der seit 20 Jahren die Limes Apotheke in Rodenbach führt, hat ebenfalls „ganz erhebliche Bedenken“, wie er auf Nachfrage unserer Zeitung erklärt. Langfristig werde diese Entscheidung negative Auswirkungen auf ländliche genauso wie auf städtische Apotheken haben, glaubt Peppel, weil der Kunde primär nach dem Geld schaue.Lochmann: "Wir müssen die ganze Arbeit vor Ort leisten"Zehn bis 20 Prozent Umsatzeinbußen rechnet der Rodenbacher vor. „Das ist erheblich, vor allem für kleinere Apotheken auf dem Land.“ Und Peppel sieht noch mehr Probleme auf die Apotheken vor Ort zurollen: „Wenn beispielsweise der Diabetikerbund seine Mitglieder aufruft, verschreibungspflichtige Medikamente künftig beispielsweise nur noch bei DocMorris zu bestellen, kann das eine Lawine lostreten.“Ulrich Lochmann, Inhaber der Wildhaus- und Johannis-Apotheke in Linsengericht zeigt sich ebenfalls empört über dieses Urteil: „Wir haben in Deutschland eine unheimlich gute Versorgung auf dem Land. Was wird nun aber passieren? Die ausländischen Versandapotheken picken sich die Rosinen raus. Einfach, schnell und per Post. Und wir? Wir müssen die ganze Arbeit vor Ort leisten. Den Notdienst, die Beratung und den Service. Ein Riesenaufwand, der nicht bezahlt wird. Wir Apotheker haben doch nur einen kleinen Aufschlag. Kaum einer weiß, dass der Rezeptanteil, den der Kunde zahlen muss, komplett an die Krankenkasse geht. Wir Apotheker sind nur die Eintreiber. Mehr nicht. Da bleibt pro Medikament für uns nicht mehr viel. Wenn das so kommt, wie Brüssel das möchte, dann geht es bei uns hier auf Kosten aller. Auch auf die Mitarbeiter. Das ist ein unfairer Wettbewerb. Alles was Arbeit kostet, machen wir.“Für Verbraucher auch ein VorteilJürgen Schneider, Geschäftsführer des Hessischen Apothekerverbandes, sagt dazu: „Die europäischen Richter haben den deutschen Gesetzgeber ausgehebelt und alle Entscheidungen der obersten deutschen Gesetze negiert.“ Dennoch, aus Sicht der Verbraucher scheint die Entscheidung doch durchaus positiv zu sein, oder?Mira Sellheim, Apothekerin aus Gießen und Vorstandsmitglied des Hessischen Apothekerverbandes meint. „Ja, ich kann niemandem verdenken, dass er seine Arzneimittel dort bestellt, wo sie günstiger sind.“ Aber das Ganze habe immer zwei Seiten."Medikamente sind doch keine Fleischwurst"Derzeit habe man in Deutschland ein sehr gutes Gesundheitssystem, wo jeder, ob arm oder reich, die gleichen Chancen zur Behandlung und Versorgung erhält. „Wir verfügen landesweit über ein dichtes Netz an Notdiensten. Der deutsche Gesetzgeber hat nicht ohne Grund ein einheitliches Preissystem für alle verschreibungspflichtigen Arzneimittel aufgestellt“, meint Jürgen Schneider. Genau diese Regelung schütze den Verbraucher vor preislichen Überforderungen.„Fällt das weg, werden das die Vor-Ort-Apotheken spüren, überall, auch im Main-Kinzig-Kreis“, sagt Apothekerin Sellheim. „Medikamente sind doch keine Fleischwurst, Tapete oder ein Kleidungsstück. Arzneimittel sollten nicht verscherbelt werden. Am Anfang mag die Aufhebung der Preisbindung günstiger sein. Aber was, wenn es dann viele kleine Apotheken nicht mehr gibt, wenn die Versorgung auf dem Land wegfällt, und man eben nicht mehr schnell zur Apotheke gehen kann wegen einer Migräne oder Ähnlichem. Was, wenn für jedes Zipperlein der Notarzt gerufen werden muss? Das EuGH-Urteil ist sehr einschneidend, auch mit Blick auf die Zukunft. Und ethisch sehr bedenklich.“Preisbindung gerät ins WankenFakt ist: Die Preisbindung gerät durch das Urteil in Brüssel ins Wanken. Und macht auch den Apotheken im Main-Kinzig-Kreis zu schaffen. Aber ob der Verbraucher tatsächlich günstiger Medikamente kaufen kann, ist fraglich. Erste Eingaben zu diesem Urteil soll es bereits gegeben haben.Mit dem Thema Preisbindung beim Versand verschreibungspflichtiger Arzneimittel wird sich voraussichtlich auch der Gesundheitsausschuss des Bundestages Anfang November auseinandersetzen, wie die SPD-Bundestagsabgeordnete Bettina Müller auf Nachfrage unserer Partnerzeitung „Gelnhäuser Tageblatt“ mitteilt.Wer haftetBei all der Diskussion, stellt sich die Frage, wer haftet eigentlich bei einem Onlineversand, wenn es zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommt? „Zunächst hält der Arzt, der das Rezept ausstellt, seinen Kopf dafür hin. Vorausgesetzt, er ist über alle Medikamente, die der Patient nimmt, auch informiert. Wir Apotheker überprüfen, ob das alles passt“, meint Mira Sellheim.„Das geht natürlich vor Ort immer besser, weil man meistens die Kunden auch kennt. Fällt mir also etwas auf, weise ich sofort den Kunden darauf hin und rufe im Zweifelsfall, bei irgendwelchen Unklarheiten, auch den behandelnden Arzt an. Beim Versandhandel wird das schon schwieriger. Zwar schicken die auch Hinweise mit, aber ob das jeder so wahrnimmt, ist fraglich.“ Jeder Apotheker müsse die Verordnungen genauestens prüfen, auch die Mitarbeiter der Apotheken.

Auch interessant