Im Fokus: Seit CDU, SPD und FDP einen NPD-Mann zum Ortsvorsteher gemacht haben, spricht ganz Deutschland über die Waldsiedlung. Foto: Yvonne Backhaus-Arnold

Altenstadt

NPD-Ortsvorsteher in Altenstadt: Die Ruhe nach dem Sturm

Altenstadt. Ein Dienstag kurz vor 9. Es ist neblig, kalt und grau an diesem Morgen. Nur ein Radfahrer ist unterwegs Richtung Waldsiedlung. Seit Donnerstagabend ist das Dorf, das eigentlich zu Altenstadt gehört und an der Grenze zwischen Wetterau- und Main-Kinzig-Kreis liegt, weltweit in den Schlagzeilen.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Das Votum für Stefan Jagsch von der rechtsextremen NPD fiel am Donnerstagabend einstimmig unter den anwesenden Mitgliedern des Ortsbeirates aus, in dem neben dem NPD-Mann drei Vertreter von CDU, drei von SPD und zwei von FDP sitzen. Ihre Argumente: Es gab keinen anderen Kandidaten. Und: Die Parteizugehörigkeit habe keine Rolle gespielt. Die Aussage eines CDU-Vertreters, dass Jagsch mit dem Computer umgehen und Mails schreiben könne, brachte ihm bundesweit Häme und Unverständnis ein.

Der vorherige Ortsvorsteher Klaus Dietrich von der FDP war im Juni mit der Begründung zurückgetreten, dass das Gremium Ortsbeirat politisch wirkungslos sei und keinerlei Entscheidungsbefugnis habe. Im Protokoll heißt es dazu: „Der Grund der Funktionsniederlegung ist die politische Wirkungslosigkeit des Gremiums Ortsbeirat, da hier keinerlei Entscheidungsbefugnis besteht, und durch viele Beispiele belegt, die Unterstützung des Gemeindevorstandes oder gar der Gemeindevertretung nicht gegeben ist.“

Unmittelbar an der A45

Bis 2006 rangierte die NPD in Altenstadt im Ein-Prozent-Bereich. 2016 änderte sich das. Zur Kommunalwahl – die AfD trat in Altenstadt nicht an – holte die NPD zehn Prozent, in der Waldsiedlung, wo die komplette Fraktion um Jagsch wohnt, waren es 14,4 Prozent. Die Folge: vier Sitze im Gemeindeparlament, aber lediglich ein Mandat in einem der Ortsbeiräte der Gemeinde.

Zurück in die Waldsiedlung: Die Straßen hier heißen Finkenweg, Am Eichwald und Distelstraße. 1936 bauten die Nazis bei Altenstadt einen Fliegerhorst. Mit ihm entstand auch die Waldsiedlung unmittelbar an der A45. Der Bahnanschluss machte die großen Gewerbeansiedlungen im Gebiet nebenan erst möglich. Heute sind hier neben kleinen Handwerksbetrieben und Dienstleistern auch größere Unternehmen, etwa Papier-Hygieneservice oder Haustechnik, angesiedelt.

Keine Lust auf Gespräche

Das Wohngebiet hat viele Einfamilienhäuser. Und ein paar Doppelhaushälften. Die Gärten sind groß. In manchen steht ein Trampolin. Ein Mädchen wartet an der Haltestelle, wo bis 16 Uhr zweimal pro Stunde Busse Richtung Altenstadt fahren.

Eine Frau ist mit ihrem Hund unterwegs. Lächelt. Viele haben keine Lust mehr auf Gespräche mit der Presse, schauen weg, wollen in Ruhe gelassen werden. Im Kindergarten neben dem Dorfgemeinschaftshaus, vor dem das deutschlandweit publizierte Bild des NPD-Mannes aufgenommen wurde, ist gerade Draußen-Spielzeit. Am Gartenzaun plauschen zwei Rentner.

Das sagt die evangelische Kirchengemeinde

„Ich hätte nicht gedacht, dass es die Waldsiedlung mal ins 'Heute Journal' schafft“, sagt die Mitarbeiterin der evangelischen Kirchengemeinde. 40 Jahre jung ist die Gemeinde erst. Die kleine Kirche hinter dem Gemeindehaus ist vor 31 Jahren gebaut worden. „Es ist keine gewachsene Gemeinde“, sagt die Frau im Gespräch mit unserer Zeitung, und es klingt ein bisschen nach einer Erklärung, warum die Waldsiedlung eben so ist, wie sie ist. Die Pfarrstelle ist seit Februar unbesetzt, wird von zwei anderen Pfarrern „mitversorgt“.

Die politischen Entwicklungen der vergangenen Tage sind kein Thema in der Gemeinde. Dass sich deswegen jemand ins Büro verirrt oder das Gespräch gesucht hätte? Die Frau schüttelt den Kopf.

An der Rosenstraße am Ortsausgang rechts befindet sich der einzige Lebensmittelladen des 2600-Einwohner-Ortes. Die Back- und Teestube gibt es schon genauso lange wie die evangelische Gemeinde. Heute werden Brot und Brötchen zwar nur noch geliefert, dafür gibt es aber Frischkäse, Aufschnitt und Nutella, Brausestäbchen, Zeitschriften, eine Post und eine Lotto-Annahmestelle.

"Immer nett und grüßt freundlich"

„Gut, dass ich am Montag nicht da war“, sagt ein Mitarbeiter. „Da muss die Hölle los gewesen sein. Sogar am Sonntag war ein Übertragungswagen hier, um die Menschen zu interviewen.“ Die Wahl des NPD-Mannes ist „das“ Thema in dem kleinen Lädchen. „Der Jagsch kommt auch hierher, um seine Post zu machen. Der ist immer nett und grüßt freundlich. Gehört halt der NPD an. Na und?“

Ein anderer sagt, dass die Wahl des NPD-Mannes zwangsläufig gewesen sei. Der Alte habe hingeworfen, keiner wollte es machen. Und überhaupt fühlten sich die Leute hier veräppelt von der Politik. „Die mischen sich jetzt doch nur ein, weil es gegen sie geht.“

Zitate dieser Art gab es viele in den vergangenen Tagen. Die Deutsche Presse-Agentur beispielsweise zitierte einen 67-Jährigen, der lieber anonym bleiben wollte, mit den Worten: Er habe für die rechtsextreme NPD nichts übrig, finde es aber gut, dass es nun große Aufmerksamkeit für den Ortsteil gebe und „alle reagieren“.

Presseanfragen aus der ganzen Welt

Stefan Jagsch soll so schnell wie möglich abgewählt werden. Laut Hessischer Gemeindeordnung ist das mit einer Zweidrittelmehrheit möglich. Sieben der neun Ortsbeiratsmitglieder haben einen entsprechenden Antrag unterzeichnet. Die Abwahl müsste von Jagsch selbst auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung gesetzt werden. Der NPD-Mann hat seinerseits Juristen in Marsch gesetzt, um das Vorgehen prüfen zu lassen.

Bürgermeister Norbert Syguda rechnet damit, dass die Sitzung in 14 Tagen stattfinden wird. Er will alles zu 120 Prozent richtig machen, die Formalien einhalten, um nicht erneut in die Schlagzeilen zu geraten. Mehr als 2000 E-Mails haben den Sozialdemokraten seit Freitagmorgen erreicht, darunter Presseanfragen aus der ganzen Welt. Am Montag klingelte Sygudas Telefon nahezu ununterbrochen.

Bürgermeister immer noch sprachlos

Was er gelernt hat aus den vergangenen Tagen? „Dass das Unmögliche möglich ist und Dinge eintreten können, die man für mehr als unwahrscheinlich gehalten hat.“ Das Votum vom Donnerstagabend sei für ihn undenkbar gewesen und mache ihn immer noch sprachlos.

Der Nebel hat sich immer noch nicht gelichtet. Und auch wenn es scheinbar ruhig ist an diesem grauen Dienstagvormittag – die Waldsiedlung bleibt vorerst im Fokus der Öffentlichkeit. Und das ist gut so.

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