Mit viel Aufwand war das Haus Frankfurter Straße 2b, direkt neben dem Bad Orber Rathaus gelegen, einst von der Stadt renoviert worden. Nun rächt sich mangelnde Pflege: Das Dach ist undicht. Viele Wohnungen stehen leer. Foto: Graber

BadOrb

Nebenkosten nicht weitergeleitet? Bittner-Mieter müssen frieren

Bad Orb. Schimmel an den Wänden, es tropft ins Wohnzimmer und am Donnerstag soll die Heizung abgestellt werden: Immobilienunternehmer Ulrich Bittner soll in einem Bad Orber Mietshaus zwar die Nebenkosten kassiert, diese aber nicht weiter gegeben haben. Deshalb müssen die vorwiegend älteren Mieter ab Donnerstag frieren.

Von Dieter A. Graber

Das Bittner-Imperium geht in die Knie! Offenbar ist der Faustkampf-Impressario nicht mehr willens oder in der Lage, seine Verbindlichkeiten bei den Energielieferanten zu begleichen. Allein die Gasversorgung Main-Kinzig GmbH fordert, wie es heißt, einen „hohen fünfstelligen Betrag“ von ihm, Geld, das er zwar bei seinen Mietern über die Umlagen kassiert, aber offenbar nicht weitergeleitet hat.Juristen nennen dies „Untreue“. Betroffen ist nun auch ein Haus in Bad Orb. Besonders schlimm: Hier wohnen vorwiegend ältere Menschen, einige seit Jahrzehnten schon; eine Mieterin ist schwerbehindert und auf den Rollstuhl angewiesen. Am Donnerstag soll auch hier die Heizung abgedreht werden.

Country und ChansonsRoman Misof ist viel rumgekommen. Busfahrer war er. Ein paar Hunderttausend Kilometer wird er schon geschrubbt haben auf dem Bock. Seine kleine Wohnung unterm Dach hat er gemütlich eingerichtet: Bücher, seine Schallplattensammlung – Country und Chansons –, Bilder seiner Lieblingssängerin Edith Piaf an den Wänden, eine Landkarte mit den Zielen seiner Touren; Erinnerungen an ein Leben unterwegs. Jetzt wird er noch einmal aufbrechen müssen: „Ich suche mir eine neues Zuhause“, sagt er. „Hier kann man bald nicht mehr wohnen.“ Herr Misof ist 71.Schimmel zieht sich an der Wohnzimmerdecke entlang. Bei Regen und Tauwetter tropft es aufs Sofa. Herr Misof hat zwei Eimer darunter gestellt. 390 Euro kalt zahlt er, dazu 130 Euro Nebenkosten, in denen auch Hausreinigung und TV-Kabel enthalten sind.Fernsehanschluss wurde abgeklemmtGleichwohl müssen die Mieter das Treppenhaus und die Flure selbst putzen; eine Reinemachefrau lässt sich nur selten blicken, der Fernsehanschluss wurde abgeklemmt, und der Aufzug … Ach ja, der Aufzug! Rumpelnd setzt er sich in Bewegung, ächzend und seufzend wie ein alter Gaul, der bei jedem Schritt überlegt, ob er tot umfallen soll.Das TÜV-Siegel ist von 2013. Ulrich Bittner hat zwar die Umlagen eingestrichen, aber … – Sie ahnen es, das alte Spiel. Die „Tatorte“ sind verschieden – Erlensee, Großkrotzenburg, Bad Orb –, die Masche ist dieselbe. Es ist das Prinzip Bittner.Gebäude steht zur Hälfte leerDie Frankfurter Straße 2b ist ein nettes, zurückgesetztes dreistöckiges Wohnhaus mit kleinen Balkonen. An einem davon hängt schlapp ein Transparent wie Trauerbeflaggung auf Halbmast: Wohnungen zu vermieten. Das Gebäude steht zur Hälfte leer. „In den 60ern war es mal ein Altenheim“, erinnert sich Robert Ritter von der Orber Stadtverwaltung.„Später haben wir es komplett saniert und Wohnungen für sozial schwächere Bürger daraus gemacht.“ Deshalb die geringen Mieten. Vor neun Jahren, als sich die hoch verschuldete Kurstadt von ihrem Eigenbetrieb Wohnungen trennen musste, verleibte es sich die Rendinvest AG des 2014 verstorbenen Karl Bittner in ihr Immobilienportfolio ein.Unternehmen verschwundenDas Unternehmen mit Sitz im schweizerischen Zug ist aber inzwischen spurlos verschwunden; es gibt keine Adresse mehr, Briefe gehen zurück. Insider vermuten, dies hänge mit einem offenbar lange nicht mehr bedienten Millionenkredit zusammen, den Bittner Senior 2007 bei der Dexia Banque Internationale aufgenommen und für den er die Einnahmen aus den Rendinvest-Häusern verpfändet hatte.Vor dem Abtauchen der Rendinvest aber hatte sich Alleingesellschafter Ulrich Bittner noch schnell selbst eine Inkassovollmacht ausgestellt, mit der er nun als „Generalmieter“ die „Miet- und Nebenkosten u. a.“ abzuschöpfen versucht. Aber Pflichten übernehmen für die Liegenschaften, nein, das will er nicht … Deshalb kann er auch, wie in einer Stellungnahme dieser Zeitung gegenüber, behaupten: „Ich habe mit der Gasversorgung Main-Kinzig GmbH keinen und/oder keine Verträge.“Mit Pinsel und Farbe gegen Schimmel Häuser sterben langsam. Und leise. Das Sterben des Hauses Frankfurter Straße 2b begann im dritten Stock, wo Herr Misof inzwischen mutterseelenallein den Kampf gegen Niederschlag und Sporenbefall führen muss. Die anderen Wohnungen hier oben sind bereits leer. Entmietet. Mit einer Kaltmiete von 7,50 Euro pro Quadratmeter ist da ja auch kein großes Geschäft zu machen.Inzwischen ist der Schimmel schon bei Frau Scharich (80) in der Etage darunter aufgetaucht; die resolute Rentnerin hat ihn erst mal mit Pinsel und Farbe zurückgeschlagen – aber für wie lange? Und wenn jetzt auch noch die Heizung ausfällt?Angst vorm Aufzug Unter ihr lebt Petra Bartsch. Sie ist querschnittgelähmt. Sie sitzt im Rollstuhl. Sie hat Angst. „In den Keller komme ich gar nicht mehr, weil ich mich nicht in den Aufzug getraue“, sagt sie. Einmal tat das klapprige Ding keinen Mucks mehr, gerade, als sie im Keller drunten ihre Wäsche zum Trocknen aufgehängt hatte, und sie musste auf allen Vieren die Treppe zu ihrer Wohnung hochkriechen. Ein Zettel mit einer „Notfallnummer“ klebt in der Kabine.Es ist Bittners Büroanschluss in Bruchköbel. Auf Anfrage erklärte er unserer Zeitung: „Der Aufzug läuft ordnungsgemäß und wird regelmäßig gewartet.“ Zumindest das ist unwahr. Aber er sagt ja auch: „Jede Woche wird durch die Hausmeister und die Putzfrau die Liegenschaft innen und außen ordentlich gepflegt, gereinigt oder jetzt der Winterdienst erledigt.“Nicht vor Gericht erschienenSchon einmal hat die Hausgemeinschaft die Sache in die Hand nehmen und mit der Gasversorgung Main-Kinzig GmbH über ein Treuhandkonto, das der Wächtersbacher Rechtsanwalt Jan Heinz führte, selbst abrechnen müssen. Prompt kündigte Ulrich Bittner seinerzeit Frau Bartsch wegen angeblicher Mietschulden.Zur Gerichtsverhandlung ist er dann aber nicht erschienen. Er kommt überhaupt selten zu Prozessen, in denen er Kläger ist. Der Erlenseer Rechtsanwalt Gustav Ruth vermutet, dass er mit seinen Klagen missliebige Mieter lediglich einzuschüchtern versuche. Seit 2014 wurde übrigens keine Nebenkostenabrechnung mehr vorgelegt.Kleiner Trost?Im Wappen von Bad Orb ist der Heilige Martin zu sehen, Schutzpatron der Armen. Einem nackten Bettler gab er bei klirrender Kälte einst die Hälfte seines Mantels. Die Bewohner des Hauses Frankfurter Straße 2b werden zu ihm beten müssen, wenn sie nicht frieren wollen in den nächsten Wochen. Es gibt trotzdem einen kleinen Trost für sie: Kürzlich drehte die Main-Kinzig GmbH auch Bittners Immobilie Im Niederried 6 in Bruchköbel, wo er sein Büro hat, das Gas ab.Er dementiert das: „Die Heizung läuft im gesamten Gebäude. Ich habe aus eigener Tasche, obwohl ich keinen Vertrag mit der Main-Kinzig-Gas GmbH habe, den vollständigen Betrag von 7.550,66 Euro für die Liegenschaft in zwei Teilbeträgen am 5. und 9. Januar 2017 bezahlt.“ Und auch in Bad Orb werde die Heizung weiterhin laufen, versichert er. Aber beten ist doch besser, als auf Bittners Wort zu vertrauen . . .

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