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Nach Zeugenaussage: Neue Fragen im Klock-Prozess

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Tatortbegehung mit den Angeklagten im ersten Klock-Prozess. Archivfoto: Kalle
Tatortbegehung mit den Angeklagten im ersten Klock-Prozess. Archivfoto: Kalle

Hanau/Maintal. Andrea Sch., die vielleicht wichtigste Zeugin im Prozess um den Tod des Ehepaars Klock auf der Main River Ranch bei Dörnigheim erweitert ihre Aussage. Aber war sie zum Zeitpunkt des Geschehens gar nicht vor Ort?

Von Dieter A. Graber

Frau Sch. sagt, sie habe nicht geschlafen. Definitiv nicht. Frau Sch. ist die vielleicht wichtigste Zeugin im Klock-Prozess. Eine Ohrenzeugin. Nun hat sie sich erneut an ihr Erlebnis vom 6. Juni 2014 erinnert, als sie dämmernd („Nicht schlafend!“, wie sie betont) auf einem Gartenmöbel hinter den Ställen ruhte. „Es hat zweimal geknallt. Einmal dumpf, dann hell. Wie Schüsse. Aber das kommt öfter vor, wegen der Jäger. Und da es anschließend absolut ruhig blieb, schenkte ich dem keine weitere Beachtung.“

Der Aussage von Andrea Sch., 54 Jahre, kommt im Prozess gegen Klaus-Dieter B. und seinen Sohn Claus Pierre besondere Bedeutung zu. Galten doch die beiden Detonationen, die vom etwa 100 Meter entfernten Reiterhof herüber schallten auf das benachbarte Gelände der IG Pferdeglück, irgendwann nach 12.30 Uhr an jenem Frühsommertag vor Pfingsten, als möglicherweise jene beiden Schüsse, mit denen Sieglinde Klock getötet worden war. Frau Sch. beteuerte stets und tut dies auch jetzt wieder, kein Hundegebell vernommen zu haben. Auch kein Geschrei.

Bisher unerwähntes DetailUnd die Stimme von Frau Klock sei doch, nun, „extrem“ gewesen. Zumindest sehr laut. Nicht zu überhören halt. Mithin könne das Geschehen nicht so abgelaufen sein, wie es die beiden Angeklagten schilderten, schlussfolgern die Nebenkläger – nämlich als ein minutenlanger Kampf auf Leben und Tod.

Doch diesmal fügt Zeugin Sch. ihrer Aussage ein Detail hinzu, das sie bisher nicht erwähnt hatte: „Später fuhr ich dann nach Hanau, um meine Tochter abzuholen.“ Die habe sie deshalb angerufen. Irgendwann zwischen 12.30 und 13 Uhr, sagt sie und fügt entschuldigend hinzu: „Ich habe keine Uhr und auch ein schlechtes Zeitgefühl.“ Richterin Susanne Wetzel macht die Probe aufs Exempel: Wie spät es jetzt wohl sei? „Vielleicht elf“, schätzt die Zeugin. Fast eine Punktlandung: Die große Gerichtsuhr hinter ihr zeigt zwei Minuten vor elf.

Weitere FragenIhre jetzige Aussage aber wirft weitere Fragen auf: Sie behauptet, ihr Mobiltelefon üblicherweise im Auto liegen zu lassen. Doch wie konnte ihre Tochter sie dann erreichen? Sie habe das Handy, erklärt die Zeugen auf Vorhalt, ausnahmsweise doch bei sich getragen. Im Bikini auf der Liege dösend?

Und die Geräuschkulisse, der von der nahen L3268 herüber wehende Verkehrslärm, das Dröhnen der Flugzeuge am Himmel, das Rattern der Züge am gegenüberliegenden Ufer? „Das hört man doch gar nicht mehr“, sagt sie. Und auch: „Die Hunde haben immer gebellt, wenn Spaziergänger oder Radfahrer vorbei kamen . . .“

Wann starben die Klocks?Als sie auf dem Weg nach Hanau das große Tor der Main River Ranch passierte, sei ihr nichts aufgefallen. Keine tobenden Vierbeiner, kein Tumult, nichts. Um 13.30 Uhr wiederum traf Karla R. auf dem Gelände der IG Pferdeglück ein. Frau Sch. war zu diesem Zeitpunkt schon nach Hanau unterwegs. Haben die beiden Knallgeräusche etwa gar nichts mit dem Geschehen auf der Main River Ranch zu tun? Starben die Klocks zu einer anderen Zeit?

Andrea Sch. hatte Nicole R., der Tochter von Harry und Sieglinde Klock, am 7. September ihre akustischen Eindrücke vom Vortag berichtet. Die junge Frau war aufgewühlt gewesen. Sie hatte Blutspuren und einen großen, mit frischem Sand abgedeckten nassen Fleck vor dem Wohngebäude entdeckt, aber ihre Eltern nicht mehr erreichen können.

Wichtige ZeuginUnverzüglich avancierte Andrea Sch. daraufhin zur wichtigsten Zeugin in der „Vermisstensache Klock“. Bei der Polizei gab sie an, Sieglinde Klock gegen 11 Uhr noch gesehen zu haben. „Sie ging am Mainufer mit ihren kleinen Hunden spazieren“, erinnert sie sich nun im Zeugenstand. „Sie war etwa 50 Meter entfernt, aber ich erkannte sie deutlich.“

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