Für das Opfer kann jeder Gang in die Schule zur Tortur werden. Foto: Anne Garti/ www.Pixelio.de

Linsengericht

Mobbing: Wenn die Schule zum Horror wird

Linsengericht. Laut Studien ist jedes siebte Kind vom Mobbing betroffen. Doch wie verhalten sich Opfer, Eltern und Lehrer in solchen Situationen am besten? Das weiß Experte Jörg Fröhlich.

Von Christine Semmler

Wenn das Kind von seinen Mitschülern gemobbt wird, ist das ein Alptraum für die ganze Familie. Warum die Opfer ihre Eltern oft gar nicht einweihen und wie Pädagogen Mobbing in den Griff bekommen können, weiß Jörg Fröhlich von der Sicherheitstrainings-Schule Conva. Er hält Ende Mai einen Vortrag zum Thema in der Hasela-Grundschule in Linsengericht. 

„Mobbing unterscheidet sich von alltäglichen Konfliktsituationen“, erklärt Jörg Fröhlich im Gespräch mit unserer Zeitung. Er war einst Polizeihauptkommissar und hat vor zwölf Jahren die Brühler Sicherheits-Schule Conva gegründet, gemeinsam mit den Psychologen René Wittek und Britta Scheswig. Fröhlich ist in der Region kein Unbekannter: Vor allem die Kathinka-Platzhoff-Stiftung bucht ihn und seine Kollegen regelmäßig für Sicherheitstrainings. Gruppe greift ihr Opfer systematisch und wiederholt anIm Schulalltag, so Fröhlich, sei es normal, wenn Kinder sich ab und zu streiten, hänseln oder unfair verhalten. Hier hat ein Eingreifen nicht immer Sinn. „Schüler müssen lernen, mit diesen Konflikten umzugehen und sie aus sich selbst heraus zu lösen“, sagt Fröhlich. Von Mobbing (abgeleitet vom englischen „to mob“, was so viel heißt, wie angreifen oder bedrängen) spricht man in der Regel, wenn sich die Aggression einer Gruppe gegen einen Einzelnen richtet. Die Gruppe greift ihr Opfer systematisch und wiederholt an – physisch oder psychisch.Ein Haupt-Aggressor Mobbing kann schon in der Grundschule losgehen. „In der Regel gibt es in der Gruppe einen Haupt-Aggressor und zahlreiche Mitläufer“, sagt Fröhlich. Sehr selten gibt es Fälle, in denen sich ein Kind gegen ein anderes wendet oder eine große Gruppe gegen eine kleine Gruppe. „Es ist sehr schwer, Mobbing festzustellen“, erläutert Fröhlich. Denn wenn Schüler einen anderen nicht mitspielen lassen, ihn schubsen oder die Nase über ihn rümpfen, dann geschieht das nicht unter den Augen der Lehrer. „Es sind unzählige Kleinigkeiten, die erst in Summe so verheerend sind“, sagt Fröhlich."Kleinigkeiten" ergeben das Große Ganze  Mobbing, das systematische Ausgrenzen aus der Gruppe, ist traumatisch für jedes betroffene Kind. Ganz neue Dimensionen eröffnet überdies das Cyber-Mobbing, die systematische Demütigung über soziale Plattformen im Internet.  Manchmal dauert es Monate, manchmal sogar Jahre, bis Eltern mitbekommen, was ihr Kind durchleidet. Wie kann das sein? Das Fatale am Mobbing ist, dass erst die vielen „Kleinigkeiten“ in Summe das Große Ganze ergeben. Wenn ein Opfer seinen Eltern an einem Tag erzählt, „Paul hat mich geschubst“, an einem anderen „Peter hat mich geärgert“, erkennen Eltern darin zunächst unbedeutende Vorfälle.Kinder leiden schweigendDiese Einschätzung („Das ist doch nicht so schlimm“ / „Stell dich nicht so an“) geben sie ans Kind weiter. „Das Kind sagt dann irgendwann nichts mehr“, sagt Fröhlich. „Es schämt sich vor seinen Eltern, dass es nicht mit diesen 'Kleinigkeiten' fertig wird.“ Das Kind erkennt seine Opferrolle irgendwann als gegeben an und leidet schweigend. Mobbing-Opfer kann jeder werden, ausschlaggebend ist immer die Gruppenkonstellation. Beispiel: In einer leistungssstarken Lerngruppe kann das Opfer der „Loser“ sein, in einer lernschwachen Gruppe der „Streber“.Wie können Eltern erkennen, ob ihr Kind gemobbt wird? Als grundlegendes Kriterium nennt Fröhlich das aktive Zuhören. Wichtig ist auch das Signal, dass das Kind nicht alleine mit dem Problem ist: „Wir schaffen das gemeinsam.“  "Mobbing Brille"Fröhlich empfiehlt, alle Vorgänge, von denen das Kind berichtet, durch eine Art „Mobbing Brille“ anzuschauen. Ist es immer die gleiche Gruppe, die mein Kind ärgert? Passiert das regelmäßig? Steckt System dahinter?  „Ich empfehle Eltern, gemeinsam mit dem Kind ein Mobbing-Tagebuch zu führen“, erklärt der Experte. „Für jeden Vorfall wird eine Aktennotiz angelegt, mit Datum und Uhrzeit.“

Gibt es nach einigen Monaten nur drei bis vier Notizen, dann gibt es keinen Handlungsbedarf. Gibt es zwei bis drei pro Woche, dann schon. „Je früher man Mobbing erkennt, desto besser lässt sich etwas dagegen unternehmen“, erklärt der Sicherheits-Trainer. Verdacht belegenMit dem Tagebuch haben Eltern und Kind „etwas in der Hand“. Sie können ihren Verdacht an der Schule belegen und haben notfalls auch Belege, mit denen sie sich an die Schulaufsichtsbehörde oder an einen Juristen wenden können. Weil sich Mobbing hauptsächlich auf Pausenhöfen und in Klassenräumen abspielt, kann nach Aussage Fröhlichs nur die Schule etwas dagegen tun. „Ein Schüler kommt da nicht alleine heraus. Und Eltern können die Maßnahmen lediglich begleiten und kontrollieren.“ Die Schule muss per Gesetz ihrer Fürsorgepflicht nachkommen. Die können Eltern im schlimmsten Fall auch einklagen, denn bei Mobbing handelt es sich um eine Straftat.Breite Palette an LösungsansätzenNicht alle Schulen erkennen Mobbing als Problem, das auch sie treffen kann. Bezeichnend ist, dass die Buchungen des Conva-Vortrags fast immer aus Elternkreisen kommen und so gut wie nie von den Schulen selbst.Dabei gibt es heute eine breite Palette an Lösungsansätzen für Schulen. Sie reichen vom sanften „No Blame Approach“ bis zur harten „Farsta“-Methode. Beim No Blame Approach sollen gezielte Gruppen-Gespräche ohne Schuldzuweisungden Frieden in die Gruppe zurück bringen, bei Farsta werden Täter gezielt heraus gegriffen und von mehreren Erwachsenen „in die Mangel“ genommen. Für Fröhlich liegt der e richtige Lösungansatz irgendwo dazwischen. Lehrer müssen sich fortbildenFakt ist, dass sich Lehrer fortbilden müssen, um die gewünschte Methode zu erlernen. „Denn im Studium wird dieses Wissen leider nicht vermittelt.“ Das kostet die Schule Geld, Zeit und Ressourcen. Vor allem, wenn sich gleich eine ganze Gruppe von Lehrern im Umgang mit Mobbing schulen lässt. Eine Schule kann auch gute Voraussetzungen schaffen, dass Mobbing erst gar nicht in der Gemeinschaft gedeihen kann. „Das fängt bei einer Schulvereinbarung an“, sagt Fröhlich. Das ist eine Erklärung mit verschiedenen Kernpunkten, die von Schülern, Eltern und Lehrern unterschrieben wird. Im Unterricht sollte sich die Gruppe einmal in der Woche über ihr Befinden austauschen.Jedes siebte Kind betroffen Alle Schulen müssen sich nach Ansicht Fröhlichs mit Mobbing auseinander setzen. Denn es kann immer und überall vorkommen. Und es ist häufiger als mancher wahr haben will: Nach den Studien, auf die sich Fröhlich bezieht, ist jedes siebte Kind in Deutschland vom Mobbing betroffen.

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