Maulkorb: Corina Wink besänftigt Yoshi, der durchaus die Zähne zeigen kann.
+
Maulkorb: Corina Wink besänftigt Yoshi, der durchaus die Zähne zeigen kann.

Tiere

Hessischer Tierschutzpreis für Arbeit mit schwierigen Hunden an Tierheim in Gelnhausen verliehen

  • vonAndrea Euler
    schließen

Das Tierheim der Barbarossastadt ist mit dem Hessischen Tierschutzpreis ausgezeichnet worden. Es wurde „für besondere Anstrengungen beim Schutz für Hunde“ geehrt, da es die „Resozialisierung“ von Hunden in den Mittelpunkt stellt. „Der Begriff Resozialisierung kommt in diesem Zusammenhang nicht von uns“, sagt dazu Corina Wink vom Gelnhäuser Tierheim.

Gelnhausen – „Es ist unser Steckenpferd, dass wir uns nicht von problematischen Hunden haben abschrecken lassen. Im Gegenteil: Da haben wir eine gewisse Affinität zu, die sich im Laufe der vergangenen Jahre noch verstärkt hat. Und das hat sich herumgesprochen.“

Das Tierheim, am Stadtrand gelegen, macht auf den ersten Blick einen unscheinbaren Eindruck: flache Gebäude, gelegentliches Hundebellen und am Metallzaun das Schild „Bitte nicht in den Zwinger fassen -– Verletzungsgefahr“.

Es sind etliche Menschen vor Ort: Mitarbeiter, Besucher, Menschen, die mit den Hunden auf den nahe gelegenen Wiesen spazieren gehen. Und dann gibt es die Tiere – darunter „circa zwanzig intensiv gearbeitete Hunde“, um die sich die zehn Trainer und „Intensivleute“ kümmern.

Hunde reagieren oft auf falsche Handhabe

„Es sind häufig Hunde, die ihren Halter gebissen haben. Oft sind es Tiere, die sich langfristig in ihrer Familie durchgesetzt haben, die kein Nein akzeptiert haben oder auch keines gehört haben“, berichtet Wink.

Es seien Hunde, die „mit Unverständnis und Unkunde behandelt wurden, solche, die mit falschen Erwartungen angeschafft wurden.“ Oft sei es eine Kaskade, die zu beobachten sei: Erst lasse sich beispielsweise der Hund nicht bürsten, dann knurre er beim Füttern – und irgendwann „knallt es dann so richtig“.

„Wir haben hier keine Angst vor Aggressionen. Wenn wir merken, dass der Hund ein Problem hat, dann gehen wir dieses Thema an und nicht drumherum“, erklärt die Fachfrau, die sowohl auf zwei Hundetrainer-Ausbildungen für Hundeerziehung und Lerntheorie als auch auf zahlreiche Praktika und Seminare in ihrem Wissensfundus zurückgreifen kann.

Beim Tierheim Gelnhausen will man die Auslöser der Aggressionen erkunden

„Unser Ziel ist es, herauszufinden, was die Auslöser für die Aggressionen sind.“ Wichtig sei, sich mit dem Tier vertraut zu machen, wenn möglich ein Freundschaftsband zwischen Hund und Betreuer zu knüpfen.

Die grundlegenden Maßnahmen, die ergriffen werden, sind vielfältig: Da wird ein Maulkorbtraining absolviert, das „gesicherte Anleinen“ geübt.

Große Auswahl: Zahlreiche Hundeleinen sind im Tierheim Gelnhausen griffbereit.

„Solche Hunde, da kann man nicht rein und sagen: So Bubilein, jetzt gehen wir mal raus.“ Stattdessen werde ein ritualisiertes Vorgehen antrainiert, um die Tiere aus ihrem Zwinger herausholen zu können, ohne das man als Trainer verletzt werden kann. Der Hund bekomme beigebracht, sich ans Gitter zu lehnen.

Die Leine im Halsband-Karabiner wird von außen in den Zwinger eingeführt, und das Ziel ist es, dass der Hund nahe an die Stange geht und schließlich den Kopf durch die Schlinge steckt. Mit positiver Verstärkung, Marker-Training und Futterbelohnung werde gearbeitet, „und wenn er an den Maulkorb gewöhnt ist, hat man die halbe Miete. Aber erst mal muss man an ihn herankommen.“

Prozess des Trainings im Tierheim Gelnhausen dauert unterschiedlich lange

Je nachdem, wie viel Zeit investiert werden könne, dauere es zwischen wenigen Tagen und rund zwei Wochen, bis diese Schwelle überschritten sei. Dann gehe es darum, die Hunde „raus aus dem Zwinger und rein in die Gruppe“ zu bringen, damit sie Sozialkontakte bekämen und beschäftigt seien. Dann kommen die nächsten Schritte. „Das kann ganz banal die Leinenführigkeit sein, das Maulkorbtraining. Bis dahin ist unter Umständen schon viel mit den Hunden passiert: Sie mussten erleben, dass sich jemand über sie drüber beugt. Sie anfasst. Sich in den Weg stellt.“ Manche Hunde haben Probleme mit Berührung, mit dem Raumeinnehmen. „Das geht dann Schrittchen für Schrittchen. Ein riesiges Thema ist die Frustrationstoleranz.“

Beispielsweise bei Wolfshundmischling Wölfchen. Er wurde im Tierheim abgegeben, ohne dass die ehemaligen Besitzer das Ausmaß seiner Aggression und die vorherigen „Beißvorfälle“ angegeben hätten. Die Folge: ein schwer verletzter Betreuer, ein abgebissener Finger sowie zerbissene Hände und Arme.

„Da hätte man auch sagen können: Das wird nichts mehr. Wir sagen dagegen: Was ist der Grund? Das müssen wir herausfinden.“ Oder die „hochaggressive“ Labradorhündin, die die Tierheimmitarbeiter nur mit der Fangstange aus dem Auto herausbringen konnten – und die nie wieder Anzeichen von Aggression zeigte, obwohl sie zuvor ihrem Frauchen die Hände zerbissen hatte. „Man kann nicht in die Hunde reingucken“, sagt die 44-Jährige, die auch privat „problematische Hunde“ als Mitbewohner hat. Und es gibt auch Hunde wie den zehnjährigen Jack-Russell-Terrier Pascha, der jeden Tag aufstehe und zu verstehen gäbe: „Ich will das nicht, hast du das nicht verstanden?“

Preisgeld für das Tierheim Gelnhausen soll für Tierarztkosten aufgewendet werden

„Sicher, der ist austherapiert. Aber es geht ihm hier gut. Und solange er sich nicht selbst schadet, geben wir ihn nicht auf. Verhaltensbedingte Euthanasie hatten wir hier seit Jahren nicht. Man tötet ja nicht seine eigene Arbeit. Und man kann es ja auch so sehen: Jeder Hund, der einen an die Grenzen bringt, bringt einen auch ein Stück weiter.“

Es gehe um Gefühl, um das Vertrautwerden, um Offenheit und Austausch, um Deeskalation, aber zugleich auch um Sicherheit, Nicht-Gebissen-Werden, Vorsicht und Aufmerksamkeit.

„Wer keine Angst hat, ist leichtsinnig. Und das ist unvernünftig“, so die erfahrene Hundetrainerin, die das Preisgeld bei den anfallenden Tierarztkosten gut untergebracht weiß.

Das könnte Sie auch interessieren