Frisch frisiert: Zumindest hat der Freiburger Fußball-Profi Vincenzo Grifo eine gute Erklärung parat: Seine Freundin ist Friseurin.
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Frisch frisiert: Zumindest hat der Freiburger Fußball-Profi Vincenzo Grifo eine gute Erklärung parat: Seine Freundin ist Friseurin.

Corona und die Folgen

Fußballer bringen das Fass zum Überlaufen: Friseurhandwerk beklagt zunehmende Schwarzarbeit in der Branche

  • Yvonne Backhaus-Arnold
    vonYvonne Backhaus-Arnold
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  • Holger Weber-Stoppacher
    Holger Weber-Stoppacher
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Seit dem 16. Dezember sind alle Friseurgeschäfte in Deutschland geschlossen, jetzt regt sich Unmut in der Branche - auch die Friseure im Main-Kinzig-Kreis schieben Frust.

Region Hanau – Michael Dörr, der Obermeister der heimischen Friseurinnung, ist ein eingefleischter Fußball-Fan und Anhänger des FC Bayern München. Doch in letzter Zeit vergeht ihm bei der Sportschau am Samstagabend gründlich die Laune. Er mag sich die Spiele der Bundesliga im Fernsehen gar nicht mehr ansehen. Der Grund: Die meisten Köpfe der Kicker sehen nicht so aus, als seien sie zum letzten Mal vor dem 16. Dezember geschoren worden, dem Tag an dem deutschlandweit die Friseurgeschäfte wegen des Corona-Lockdowns schließen mussten. Nicht nur Dörr wundert sich über einrasierte Scheitel, auf wenige Millimeter getrimmtes Nacken- und Schläfenhaar, saubere Konturen – kurz: Frisuren, die nur von Profis mit einem professionellen Equipment hergestellt worden sein können. Auch deutschlandweit regt sich der Unmut in der Branche.

Am Freitag hat sich Dörr gemeinsam mit seinen Kollegen vom Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks dazu entschlossen, einen Brandbrief an den Deutschen Fußball-Bund zu formulieren. Das Schreiben ist jetzt bei Fritz Keller, dem Präsidenten des größten Deutschen Sportverbandes, eingegangen. Darin berichten die Friseure, dass Bilder von frischgestylten Fußball-Stars die gesamte Branche unter Druck setzten. „Viele Kunden rufen bei den Betrieben an und wollen unsere Mitarbeiter zur Schwarzarbeit und Regelverstößen überreden, weiß Dörr. Mitarbeiterinnen würden über soziale Netzwerke angeschrieben, ob sie nicht einmal auf einen Kaffee vorbeikommen und dann ganz nebenbei der gesamten Familie die Haare machen könnten, berichtet der Innungsobermeister.

„Schwarzarbeit kommt für uns nicht in Frage!“

Eine Erfahrung, die die Hanauer Friseurin Anja Geyer bestätigen kann. Gemeinsam mit Anette Marti Pedrol betreibt sie den Friseur- und Kosmetiksalon „K2 Körperkult“ an der Bruchköbeler Landstraße in Hanau. Seit dem Lockdown Mitte Dezember fragen bei Geyer ab und an Kunden nach, ob sie auch schwarz frisiere. Geyer und Marti Pedrol lehnen das konsequent ab. „Wir wollen uns ja nicht infizieren“, sagt Geyer im Gespräch mit unserer Zeitung.

Dass nicht alle so standhaft bleiben wie die beiden Friseurinnen von „K2 Körperkult“ und trotz einem vorübergehenden Berufsverbot zur Schere greifen, zeigt für Dörr allein ein Blick in die Hanauer Innenstadt: „Ich staune über die vielen gut frisierten Menschen, die mir auf der Straße begegnen“, sagt der Obermeister. „Ich vermute, dass sich viele Kollegen und Mitarbeiter mit Schwarzarbeit durch die Krise retten, obwohl hohe Bußgelder verhängt werden. Oder aber die Menschen haben tatsächlich innerhalb der letzten zwei Wochen per Youtube Haare schneiden gelernt“, argwöhnt Dörr mit einem sarkastischen Unterton.

Michael Dörr

Die Lust am Scherzen ist dem Unternehmer bei dem Thema allerdings vergangen. Mit der Schließung der Friseursalons habe die Politik der Schattenwirtschaft Vorschub geleistet und einem wirkungsvollen Schutz der Kunden unterlaufen. Viele Betriebe hätten nach dem ersten Lockdown viel Geld in Hygienemaßnahmen investiert, um die Kunden optimal zu schützen. „Soweit bekannt ist, gibt es seit April fünf bekannte Fälle, dass sich ein Kunde in einem Salon in Deutschland angesteckt hat. Und das bei 100 000 täglichen Behandlungen“, sagt der Obermeister und fordert: „Prüft gerne die Einhaltung der Verordnungen, aber lasst uns wieder arbeiten.“

Die Situation der heimischen Betriebe sei äußerst prekär, so die Einschätzung des Unternehmers, der in seinen vier Friseursalons in Hanau und Nidderau 42 Mitarbeiter beschäftigt. Bislang sei von der von der Bundesregierung versprochenen Dezember- und Januar-Hilfe nichts zu sehen. Zudem seien die Regelungen so bürokratisch und kompliziert, dass selbst die Steuerberater sich scheuten, Anträge zu versenden, um keine Fehler für ihre Mandanten zu machen, die dann später unter Umständen Rückzahlungen der Hilfen leisten müssten. Seit einige Missbrauchsfälle bekannt geworden waren, müssen die Anträge jedoch von Steuerberatern gestellten werden.

Für viele Friseure geht es um die Existenz

Die Reserven seien in vielen Unternehmen aufgebraucht. Nachdem die Geschäfte bereits vor Ostern schließen mussten, sei auch die umsatzstarke Vorweihnachtszeit weggebrochen. Und auch die Einnahmen in den Sommermonaten seien nicht so gewesen, dass man von einer Normalität habe sprechen können, bilanziert der Unternehmer. „Im Gegenteil. Durch die zunehmende Angst und die immer präsenter werdende Pandemie haben viele Kunden die Spanne zwischen den Friseurbesuchen vergrößert und somit ihre Besuche in den Salons reduziert.“ Für viele Unternehmer stehe jetzt die Existenz auf dem Spiel.

Ankündigungen, wie die von Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass der Lockdown bis Ostern verlängert werden könnte, lösen Unruhe aus. „Da bekommen wir schon Angst“, sagt auch Anja Geyer. (Von Holger Weber und Yvonne Backhaus-Arnold)

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