In Hessen sind die Fahrschulen auch im Lockdown geöffnet. Der Fahrlehrerverband hat dafür ein Hygienekonzept ausgearbeitet.
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In Hessen sind die Fahrschulen auch im Lockdown geöffnet. Der Fahrlehrerverband hat dafür ein Hygienekonzept ausgearbeitet.

Corona-Pandemie

Eng auf eng im Fahrschulauto: Ausbildung auch im Lockdown möglich – Fahrlehrer übt Kritik

  • Kerstin Biehl
    vonKerstin Biehl
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Die Sprühflasche mit dem Desinfektionsmittel fährt in den Autos von Sascha Wegener immer mit. Nach jeder Fahrt hat er im vergangenen Jahr danach gegriffen. Hat Lenkrad und Schalthebel gereinigt. Hat dazu sämtliche Fenster herunter gelassen, alle Türen geöffnet, um durchzulüften. Wegener ist Fahrschullehrer. Er leitet eine Fahrschule in Gelnhausen. Und bildet – trotz Corona, trotz zweiten Lockdowns – weiterhin Fahrschüler aus.

Region Hanau –„Es ist für mich nicht nachzuvollziehen, warum Fahrschulen weiterhin offenbleiben. Warum wir Fahrschullehrer uns der Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus aussetzen müssen. Und vor allem, warum es keine bundesweit einheitliche Regelung gibt“, sagt der 41-Jährige. Auch bei seinen Kollegen sei das Unverständnis über diese Entscheidung groß.

Bis zu 30 Leute zeitgleich dürfte er im Theorieunterricht derzeit auf die Fahrprüfung vorbereiten. In den vergangenen Wochen sei der Unterricht durchschnittlich von neun bis 15 Fahrschülern besucht worden. Aber auch im Praxisunterricht sitzt Wegener eng auf eng mit den Fahrschülern in einem geschlossenen Auto – Abstand halten Fehlanzeige. „Die Maske wird im Fahrschulauto lediglich empfohlen, Pflicht ist sie nicht“, sagt der Fahrlehrer. Er behält sie trotzdem kontinuierlich an. Um sich und seine Familie zu schützen.

„Natürlich können wir auf freiwilliger Basis unsere Fahrschulen schließen und in Eigeninitiative einen Lockdown durchführen. Jedoch fehlt mir und meinen Kollegen hierfür das Verständnis, da es nun doch keine bundesweiten einheitlichen Regeln gibt und uns dadurch natürlich auch enorme finanzielle Einbußen erwarten würden“, so Wegener.

„Es stößt bei mir auf Unverständnis und Ärger“

Einerseits freue er sich, weiter Schüler ausbilden zu dürfen, andererseits sage ihm der gesunde Menschenverstand, dass dies in dieser Lage falsch ist. „Einige Berufsgruppen werden geschützt und für diesen Schutz werden Steuergelder in hohem Ausmaß verwendet – warum wir nicht?“, fragt sich der Gründauer.

„Es stößt bei mir auf Unverständnis und Ärger, warum wir in unserem Beruf, unsere Fahrschüler und damit auch die Gesamtbevölkerung in diesem Fall nicht ausreichend geschützt werden.“ Seine Schüler seien gespalten, was die Corona-Lage angehe. „Da gibt es viele, die die Situation sehr ernst nehmen, die durchaus Bedenken haben. Aber leider gibt es auch solche, die selbst mit einer Erkältung ins Fahrschulauto einsteigen wollen.“ Diese bekommen von Wegener eine klare Absage und werden durchaus auch mal direkt wieder zu Hause abgeliefert.

Generell sei der Run auf Fahrschulen aber ungebrochen, weiß Wegener auch von Kollegen anderer Fahrschulen. „Die meisten jungen Leute wollen einfach so schnell wie möglich ihren Führerschein machen. Und Prüfungen finden ja ebenfalls nach wie vor statt.“

Land Hessen sollte Fahrschulen schließen

In den meisten Bundesländern ist das nicht so. Wegeners Wunsch: „So sollte es bei uns in Hessen auch sein. Das würde uns Fahrlehrer schützen.“ Zudem gebe es auch im Fahrschulbereich Personalengpässe, was oft den Betreuungsproblemen auf Grund von Schul- und Kindergartenschließungen geschuldet sei.

„Mir wäre am meisten geholfen, wenn die Regierung auch in Hessen die Fahrschulen schließen würde und Kurzarbeitergeld gezahlt würde.“ Denn Wegener hat drei angestellte Fahrlehrer und eine Büroangestellte. Fahrlehrer ist er seit 2004. 2018 hat er seine heutige Fahrschule mit vier Fahrschulautos übernommen.

Infektionsrisiko sei bei Fahrschulen gering

„Man muss respektvoll mit diesem Virus umgehen“, sagt er. Auch der Landesverband der Hessischen Fahrlehrer sieht das so. Und hat deshalb im November ein aktualisiertes Hygienekonzept an das Sozialministerium geschickt. Frank Dreier, Vorsitzender des Landesverbands der Hessischen Fahrlehrer, erläutert: „Darin sind, über die Vorgaben der Kontakt- und Betriebsbeschränkungsverordnung deutlich hinausgehende Empfehlungen, aufgeführt. Jedem Mitglied und allen anderen Fahrschulen steht dieses Hygienekonzept zur Verfügung.“ Seitens des Sozialministeriums habe es keine Einwände gegen dieses Konzept gegeben. Dreier: „Wir gehen davon aus, dass sich das Infektionsrisiko für Fahrschüler und Fahrlehrer bei Einhaltung der beschriebenen Hygienemaßnahmen auf niedrigem Niveau befindet.“

Fahrlehrer Sascha Wegener desinfiziert nach jedem Fahrschüler das Cockpit seines Fahrschulautos.

Das Konzept sehe für den Theorieunterricht vor, dass für Regionen, in denen eine Sieben-Tages-Inzidenz von mehr als 200 pro 100 000 Einwohnern vorliegt, ein Mindestabstand von 1,5 Metern in alle Richtungen plus Mund-Nasen-Bedeckung Verpflichtung ist. Zudem ist darin regelmäßiges Stoßlüften vorgeschrieben.

Fahrschüler und Eltern sind noch nicht an Verband herangetreten

„Darüber hinaus beschreiben wir in dem Hygiene-Konzept, dass darauf zu achten ist, dass auch vor den Unterrichtsräumen ein Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten wird“, erläutert Dreier. Aus pädagogischer Sicht sehe er einen Online-Theorieunterricht kritisch. Aber: „In dieser zweiten Welle der Corona Pandemie, die uns alle in dieser Wucht überrascht hat, lässt sich das Infektionsrisiko durch Online-Angebote ohne Zweifel noch weiter senken.“

Fahrschüler oder deren Eltern seien bis dato noch nicht mit Bedenken an den Landesverband herangetreten. „Wenn mir gegenüber solche Bedenken geäußert würden, würde ich selbstverständlich mein Verständnis äußern und die Bewerber beruhigen, dass eine Unterbrechung der Ausbildung, bis sich das Infektionsgeschehen so weit reduziert hat, dass der Bewerber keine Bedenken mehr hat, in aller Regel keine negativen Auswirkungen auf den Erwerb der Fahrerlaubnis hat.“

Einige Fahrschulen befürchten einen Wettbewerbsnachteil

Die Haltung der Fahrlehrer gegenüber der aktuellen Regelung in Hessen sei laut Telefonaten und E-Mails, die den Landesverband erreichten, geteilt. „Es gibt den Teil der Fahrlehrer, die froh sind, dass ihre Betriebe nicht vom Lockdown betroffen sind und eigenverantwortlich entscheiden können, in welchem Umfang sie ihr Ausbildungsangebot aufrecht erhalten. Der andere Teil hätte sich den Lockdown gewünscht, der durch die Staatshilfen aus wirtschaftlicher Sicht in seinen Auswirkungen abgemildert werde. „Da wir als Landesverband weder ein Mandat für den einen noch für den anderen Teil haben, sondern ganz im Gegenteil, beide Seiten gut verstehen können, werden wir die Entscheidung der Landesregierung nicht bewerten“, sagt Dreier. „Der Schutz der Gesundheit der Fahrlehrer muss für jeden Arbeitgeber Priorität haben. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Fahrschulunternehmer dieser Verantwortung nachkommen und gemeinsam mit ihren Mitarbeitern tragfähige Lösungen finden.“

Allerdings gebe es einige Fahrschulen in Hessen, die Sorge haben, dass sie einen Wettbewerbsnachteil erlangen, wenn sie jetzt für drei oder vier Wochen ihre Fahrschule schließen, da sie das Infektionsrisiko momentan für zu groß erachten. „Ich bin der Meinung, dass die Sorge unbegründet ist. Fahrschüler suchen sich in der Regel ganz bewusst eine bestimmte Fahrschule aus. Und wenn man die vierwöchige Schließung begründet, bin ich mir sehr sicher, dass die zukünftigen Kunden größtes Verständnis dafür haben und sich für diese Fahrschule weiterhin entscheiden werden. Aus vielen Gesprächen in den letzten Tagen habe ich ohnehin entnommen, dass viele Fahrschulbetriebe in den nächsten zwei bis vier Wochen ihre Betriebe schließen, so wie sie es um die Weihnachtszeit schon immer getan haben.

Wegener ging in den „Privatlockdown“

Bereits am Donnerstag vergangener Woche hat Fahrlehrer Sascha Wegener seine Fahrschule zu gemacht. „Wir sind in den Privatlockdown gegangen.“ Über Weihnachten wollte er die Fahrschule ohnehin schließen. Jetzt wird er die Schließzeit bis 11. Januar verlängern. „Wie es dann weiter geht, ich weiß es nicht. Stand heute mache ich dann wieder auf. Ich muss, trotz aller Bedenken, schließlich auch an den finanziellen Aspekt denken.“ (Von Kerstin Biehl)

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