Wie bei einem großen Puzzle müssen die Mitarbeiter Gast um Gast zusammenfügen. Wer hat an der Familienfeier teilgenommen? Wer saß wo?
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Wie bei einem großen Puzzle müssen die Mitarbeiter Gast um Gast zusammenfügen. Wer hat an der Familienfeier teilgenommen? Wer saß wo?

Über die Schulter geschaut

Corona auf der Spur: So läuft die Nachverfolgung der Kontaktpersonen im Gesundheitsamt

  • Yvonne Backhaus-Arnold
    vonYvonne Backhaus-Arnold
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Jeden Tag gibt es neue Corona-Zahlen, die das Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreises vermeldet. Aber wie werden die Kontaktpersonen ermittelt, und wer macht das eigentlich? Wir haben dem Amt in Gelnhausen einen Besuch abgestattet.

Gelnhausen – Melanie Brosch setzt sich die Kopfhörer auf, aktiviert die Nummer auf ihrem Computer. Es klingelt. Am anderen Ende der Leitung wird abgehoben. „Guten Tag. Hier ist das Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreises.“ Hunderte Male hat die junge Frau aus Flörsbach diesen Satz in den vergangenen Wochen gesagt. Sie gehört seit Mitte August zum KPNV-Team des Main-Kinzig-Kreises. KPNV steht für Kontaktpersonen-Nachverfolgung.

Melanie Brosch hat eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten gemacht, Familie gegründet, parallel ihren Fachwirt im Gesundheitswesen draufgesattelt. In den vergangenen drei Jahren hat sie in einer Bereitschaftspraxis gearbeitet, seit Mitte August ist sie im Gesundheitsamt angestellt.

Es ist Vormittag, fast alle Arbeitsplätze in dem großen Büro am Ende des Ganges sind besetzt. Einige Kollegen geben Ergebnisse an Getestete weiter, andere telefonieren Listen ab. Wo die Excel-Tabelle rot anzeigt, wurde die Person noch nicht erreicht. Auf der anderen Seite des Raumes, in dessen Mitte ein Tisch mit Schokolade und Keksen steht, sind mehrere Kolleginnen für die Dokumentation zuständig, Befunde zuordnen, häusliche Quarantäne anordnen. Brosch und ihre Kollegen sprechen die sogenannte Absonderung mündlich am Telefon aus, im Anschluss muss sie dann schriftlich zugestellt werden. Wer der Kategorie 1 zugeteilt ist, darf das Haus nur zum Abstrich verlassen oder wenn er dringende medizinische Hilfe benötigt.

Allein am Tag unseres Besuchs gibt es bereits elf neue Fälle zwischen Maintal und Schlüchtern. Tendenz steigend. Fast alle Gesundheitsämter in Hessen haben ihr Personal verstärkt, mussten es verstärken. Auch der Main-Kinzig-Kreis. Alleine der Bereich Hygiene, der Kernbereich der täglichen Pandemie-Bewältigung, ist seit März von rund 20 auf über 80 Personen aufgestockt worden, zunächst über Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus anderen Verwaltungsbereichen.

Gesundheitsamt Main-Kinzig-Kreis: 16 neue Mitarbeiter schon da, vier weitere sollen kommen

Sukzessive wurden 16 neue Mitarbeiter eingestellt, vier weitere Neueinstellungen stehen kurz bevor. Teils sind auch Kräfte aus anderen Ämtern nach wie vor im Gesundheitsamt im Einsatz, abgeordnet beziehungsweise fest. Derzeit arbeiten hier rund 110 Personen im Bereich der Kontaktpersonen-Nachverfolgung und Information rund um Corona.

Das Personal wird kurz- und mittelfristig weiter erhöht, die Planungen dazu seien, heißt es auf Nachfrage, schon sehr konkret. Im Zeitraum von März bis Mai waren zeitweise rund 250 Menschen rund um die Pandemie-Bewältigung im Einsatz. Natürlich gäbe es, so der Kreis auf Nachfrage, für eine Extremsituation wie im Frühjahr auch die Möglichkeit, wieder verstärkt auf internes Personal aus anderen Abteilungen und Ämtern zurückzugreifen.

So werden die Nachverfolgungstelefonate im Gesundheitsamt Main-Kinzig-Kreis geführt

Zurück zu Melanie Brosch: Seit Dienstbeginn telefoniert sie eine Fußball-Mannschaft und deren unmittelbares Umfeld ab. Sieben Spieler hat sie schon erreicht, einen noch nicht. Insgesamt 26 Personen stehen auf der Liste. Ein Spieler war positiv getestet worden, jetzt gilt es, alle anderen zu kontaktieren. Sie sind zu Hause, warten schon auf den Anruf des Gesundheitsamtes. Wen Brosch in die Kategorie 1 einteilt, hat die Pflicht, am Tag darauf zum Abstrich zu erscheinen.

Langsam und freundlich, aber bestimmt führt Brosch durch jedes Gespräch. Name. Geburtsdatum. „Wann sind Sie zum Training gekommen?“ „Können Sie mir erzählen, was danach passiert ist?“ „Ach, Sie haben an dem Tag gar nicht mittrainiert, sondern waren nur laufen und danach beim Masseur . . . .“

Immer ganz Ohr: Melanie Brosch arbeitet seit Mitte August im Gesundheitsamt. Aktuell gehört sie zu dem Team, das Kontaktpersonen von Infizierten abtelefoniert – Liste um Liste, immer aufmerksam, immer verständnisvoll.

Das Gespräch dauert acht Minuten. „Nach allem, was Sie mir erzählt haben, hatten Sie keinen direkten Kontakt zu Ihrem positiv getesteten Mitspieler. Demzufolge stufe ich Sie in die Kategorie 2 ein.“ Für den Mann am anderen Ende der Leitung bedeutet dies, dass er unter Beobachtung steht, eine Woche lang auf Symptome achten soll. Trockener Husten. Fieber. Der Verlust von Geruchs- und Geschmacksinn. Gliederschmerzen. Kopfschmerzen. „Wenn Sie Symptome haben, kontaktieren Sie mich bitte sofort“, sagt Brosch.

Die Ängste der vom Gesundheitsamt Main-Kinzig-Kreis kontaktierten Personen sind unterschiedlich

Manche, sagt Brosch, haben Sorge wegen ihres Berufs, manche einfach nur Angst um ihre Gesundheit, andere beides. Da ist Verständnis gefragt. Eine ruhige Art. Und dennoch Bestimmtheit. Nicht verquatschen. Nicht zu lange aufhalten mit einem Telefonat, denn es müssen noch viele weitere geführt werden. Die Corona-Zahlen sind wieder gestiegen in den vergangenen Tagen. Fußballmannschaften und Schulklassen stehen im Fokus, Familien nach privaten Feiern.

An einem Flipchart neben Broschs Schreibtisch steht das Datum einer Feier, darunter unzählige Namen. X Personen gehören hier zur Kategorie 1, müssen zu Hause bleiben, sich testen lassen. „Schwierig ist es manchmal mit den Schulen“, sagt Brosch, und ihre Kollegen aus der Koordination im Büro nebenan bestätigen dies, „aber wir sind auf korrekte Angaben auf den Klassenlisten angewiesen, sonst können wir hier nicht arbeiten.“

Montag bis Freitag, 7 bis 17 Uhr, sitzen die Mitarbeiter des KPNV-Teams an den Telefonen. Wenn es viel zu tun gibt, kann es auch mal 19 Uhr werden. Das Programm, mit dem hier gearbeitet wird, heißt Surv-Net. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat es entwickelt, die Gesundheitsämter bundesweit setzen es ein. Die Einteilung in Kategorie 1 oder Kategorie 2 erfolgt ebenfalls aufgrund der Richtlinien des RKI. Wer sich beispielsweise 30 Minuten lang ohne Belüftung mit einem positiv Getesteten in einem Raum aufgehalten habe, müsse laut Richtlinien des RKI in die Kategorie 1 eingestuft werden.

Gesundheitsamt hat nur Zugriff auf die Daten aus dem Main-Kinzig-Kreis

„Wir haben aber nur Zugriff auf die Daten aus unserem Bereich“, erklärt Brosch, dann klickt sie auf den nächsten Namen aus der Fußballmannschaft, den sie abtelefonieren muss. „Guten Tag. Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreises. Mein Name ist Melanie Brosch.“ Der Mann am anderen Ende der Leitung ist zu Hause, auch er hat schon auf den Anruf gewartet. Und auch ihn stuft Brosch am Ende in die Kategorie 2 ein. Er hat nicht mit dem Infizierten gespielt, war vor ihm in der Umkleidekabine und hat nach ihm geduscht. „Achten Sie auf Symptome“, sagt Brosch noch und verabschiedet sich.

Brosch macht sich bei jedem Gespräch handschriftliche Notizen, fügt danach alles im Rechner zusammen. Es ist wie ein Puzzlespiel. Stück für Stück, Teil für Teil setzt sie das Bild zusammen. Wann sind Sie ins Training gekommen? Wer war schon da? Wie ist das auf dem Spielfeld abgelaufen? Hatten Sie Kontakt auf dem Platz, in der Umkleide? „Die meisten Menschen sind bisher verständnisvoll gewesen“, sagt die Mitarbeiterin des Gesundheitsamts. Die unangenehmen Telefonate mit uneinsichtigen Bürgern könne sie – Gott sei Dank – an einer Hand abzählen.

Dann ist Mittagspause. Einige Kolleginnen warten schon auf Melanie Brosch. Sie setzt den Kopfhörer ab, stellt ihre Telefnonnummer auf einen Kollegen um. Kurz essen, dann geht’s weiter . . .

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