Heiko Kasseckert
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Siegt im dritten Wahlgang: Heiko Kasseckert.

Main-Kinzig-Kreis: Paukenschlag in der CDU-Fraktion

Kasseckert besiegt Reul im Kampf um den Vorsitz

  • Yvonne Backhaus-Arnold
    vonYvonne Backhaus-Arnold
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  • Thorsten Becker
    Thorsten Becker
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Bei der konstituierenden Sitzung nach der Kommunalwahl gibt es in der CDU-Kreistagsfraktion einen Paukenschlag. Es kommt zum spannenden Machtkampf zwischen den beiden Landtagsabgeordneten Heiko Kasseckert (Langenselbold) und Michael Reul (Bruchköbel), dem bisherigen Fraktionschef. Erst der dritte Wahlgang bringt am späten Donnerstagabend die Entscheidung: Kasseckert gewinnt mit zwölf gegen zehn Stimmen und löst damit Reul ab.

Main-Kinzig-Kreis - Rund zweieinhalb Stunden dauert die Sitzung, zu der 22 der 23 neu gewählten CDU-Abgeordneten in den Barbarossasaal des Landratsamts kommen. Dort, wo sonst der Kreistag zusammenkommt, ist genügend Platz, um sich unter den geltenden Abstandsregeln zu treffen. Dass Reul sich erneut zur Wahl für den Fraktionsvorsitz stellt, ist schon seit der Kommunalwahl am 14. März bekannt und keine Überraschung. Der 54-Jährige führt die Fraktion seit 2011.

Kasseckert kündigt Gegenkandidatur kurz zuvor an

Doch bereits vor der Sitzung am Gründonnerstag laufen hinter den Kulissen plötzlich die Drähte heiß. Denn es gibt doch einen Gegenkandidaten aus den eigenen Reihen, denn die Fraktion scheint schon lange in zwei verschiedene Lager gespalten zu sein. Nur wenige Tage vor der Sitzung wird fraktionsintern bekannt: Kasseckert will seinen Landtagskollegen herausfordern. Dieses Duell ist nicht neu. Bereits vor zehn Jahren bewerben sich beide um den Fraktionsvorsitz. Reul schart am Ende die Mehrheit der Fraktion hinter sich. Beide ziehen 2014 in den Hessischen Landtag ein.

„Viele wünschen sich einen neuen Impuls“

Ein Jahrzehnt später wird das Duell wiederholt. Der damals Unterlegene fühlt sich auf den Schild gehoben und erklärt seine Kandidatur so: „Auch aus der Fraktion wurde der vielfache Wunsch nach einem Neuanfang an mich herangetragen. Viele wünschen sich einen neuen Impuls.“ Letztlich habe ihn sein persönliches Wahlergebnis bei der Kreistagswahl darin bestärkt, „mehr Verantwortung in der Fraktion zu übernehmen“.

Aber erst steht die Abstimmung an. Hinter verschlossenen Türen dreht sich an diesem Abend alles nur um diese Personalie. Die Atmosphäre sei gut gewesen, es habe keinerlei gegenseitige Angriffe gegeben, berichten mehrere Sitzungsteilnehmer. Sie bestätigen damit Kasseckert. „Der Entscheidung ging eine faire Diskussion voraus“, sagt er auf Anfrage der Redaktion.

Zweimal Patt, erst dann fällt die Entscheidung

Der erste Wahlgang bringt ein Patt. Beide Kandidaten bekommen elf Stimmen. Auch der zweite Wahlgang bringt das gleiche Ergebnis. Erst kurz vor 22 Uhr fällt die Entscheidung, Offenbar ist es Kasseckert gelungen, ein Fraktionsmitglied auf seine Seite zu ziehen.

Kasseckert gibt sich staatsmännisch. Das Ergebnis sei „Ausdruck eines demokratischen Wettbewerbs, wenn zwei Kandidaten antreten“. Am Ende habe sich „der Wunsch nach einer Erneuerung“ durchgesetzt. Und gleichzeitig versucht der frühere Bürgermeister von Langenselbold, Dampf auf der Personaldebatte zu nehmen. „Michael Reul und ich haben zuvor klargestellt, dass wir mit jedem Ergebnis professionell umgehen werden. Deshalb werde ich jetzt mit allen Fraktionsmitgliedern das Gespräch suchen.“

Blick auf die Fortsetzung der Großen Koalition

Entscheidend in der Personaldiskussion ist vor allem die Frage, wie sich der Wechsel an der Spitze der Fraktion im Kreistag auf eine mögliche Fortsetzung der Großen Koalition mit der SPD auswirken könnte. Reul-Befürworter setzen dabei auf Kontinuität, um keine Zerrissenheit zu signalisieren. Die Gruppe um Kasseckert betont dagegen, mit ihrem Kandidaten an der Spitze sei es womöglich besser, in Koalitionsverhandlungen zu gehen. Denn längst ist es kein Geheimnis mehr: Innerhalb der Kreis-SPD gibt es Strömungen, die sich auch eine Koalition mit den Grünen sowie den Freien Wählern vorstellen können.

Kasseckert ist erfahren genug, um die Zeichen zu deuten. Er weiß, was auf dem Spiel steht. Daher informiert er noch am Morgen des Karfreitags als erstes den SPD-Fraktionsvorsitzenden Klaus Schejna (Rodenbach) über den Ausgang der Wahl. Beide kennen sich bestens. Kasseckert nennt es in seiner Stellungnahme ein „freundschaftliches Verhältnis aus unserer gemeinsamen Bürgermeisterzeit“.

Werben um die Kreis-SPD

Befragt nach seinen Plänen macht Kasseckert keinen Hehl daraus, dass es sein Ziel ist, die Große Koalition im Kreistag weiterzuführen. Daher lobt er den großen Koalitionspartner: „In den vergangenen drei Jahren gab es eine gute und stabile Zusammenarbeit zwischen SPD und CDU.“ Angesichts der Herausforderungen halte er eine „stabile und vertrauensvolle Zusammenarbeit für sehr wichtig“ und wirbt für eine Fortsetzung: „Wir sind dazu bereit und sehen auch inhaltlich große Übereinstimmungen.“

Verliert im dritten Wahlgang: Michael Reul

Ob das gelingt? Bislang hat die SPD nur mit CDU und Grünen gesprochen und rückt von ihrer Linie, zunächst mit weiteren Fraktionen zu reden, nicht ab. Vielleicht warten die Sozialdemokraten erst einmal ab, wie es bei der CDU weitergeht. Denn mit der Entscheidung für den neuen Fraktionsvorsitzenden ist die Personaldebatte innerhalb der CDU-Fraktion noch nicht beendet. Weitere Entscheidungen, etwa um die Posten der Stellvertreter oder Geschäftsführung der Fraktion, werden nämlich am späten Abend auf die Zeit nach Ostern vertagt.

Kasseckert zitiert Martin Luther

Kasseckert gibt sich zuversichtlich, scheint bedacht darauf zu sein, die Wogen zu glätten: „Besonders liegt mir aber daran, dass wir nun in der Fraktion zu einem guten Miteinander kommen“, sagt er und bemüht sogar das Zitat von Martin Luther: „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.“ Doch es gibt auch ganz andere Einschätzungen aus der Fraktion mit Blick auf die weiteren Personalentscheidungen. „Dann könnten tatsächlich die Messer gewetzt werden“, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Die Redaktion hat gestern auch bei Michael Reul angefragt, bislang jedoch noch keine Stellungnahme erhalten. (Von Yvonne Backhaus-Arnold und Thorsten Becker)

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