Die Karten sind neu gemischt: Nach der Kreistagswahl ist nun die Fortsetzung der Großen Koalition oder eine neue Mehrheit unter SPD-Führung denkbar.
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Die Karten sind neu gemischt: Nach der Kreistagswahl ist nun die Fortsetzung der Großen Koalition oder eine neue Mehrheit unter SPD-Führung denkbar.

Kreistagswahl Main-Kinzig 2021

SPD stärkste Fraktion - Grüne legen zu - Ein prominenter Kandidat auf der Überholspur

  • Christine Semmler
    vonChristine Semmler
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  • Thorsten Becker
    Thorsten Becker
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Wird die bisherige Große Koalition Im Kreistag fortgesetzt, oder gibt es eine neue politische Konstellation? Denkbar wären nun Bündnisse von SPD, Grünen, wahlweise mit FDP oder den Freien Wählern. Fest steht bislang nur: Die Sozialdemokraten haben Redebedarf.

Main-Kinzig-Kreis - Nach stundenlangem Warten sind aus Wächtersbach die letzten Ergebnisse eingetrudelt. Nun steht das vorläufige amtliche Endergebnis fest: Die SPD bleibt im Kreistag die stärkste Partei mit 30,8 Prozent der Stimmen und verliert damit knapp drei Prozent. Die Grünen gehen aus der Wahl als Sieger hervor und klettern 7,3 Prozentpunkte in der Wählergunst nach oben. Das bedeutet: 15,6 Prozent und eine Verdoppelung der Sitze von sieben auf 14. Klarer Verlierer der Wahl ist eindeutig die AfD, die 5,4 Prozent verliert und nur noch auf 9,2 Prozent (8 Sitze) kommt.

Claus Kaminsky

Von Wählern hochkatapultiert: Hanaus OB steigt in der Wählergunst von Platz 86 auf 11

Für die größte Überraschung sorgt der wiedergewählte Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky, der auf dem letzten Platz der SPD-Liste angetreten ist und von den Wählern auf Platz 11 hochkatapultiert wird. Doch Kaminsky hat dem HA gegenüber erklärt, dass er das Kreistagsmandat ablehnen werde. „Ich habe mit meiner Kandidatur die Verbundenheit zur Main-Kinzig-SPD dokumentiert und symbolisch kandidiert“, sagt der Rathauschef, der sich „überrascht“ von seinem Abschneiden zeigt und „positive Zustimmung außerhalb von Hanau“ als möglichen Grund dafür sieht. „Mein Arbeitsplatz ist in Hanau“, fügte er zur Begründung an, warum er das Mandat jedoch ablehnen werden.

SPD: Mit allen demokratischen Parteien reden

SPD-Fraktionsvorsitzender Klaus Schejna (SPD) bezeichnet den Wahlausgang trotz leichter Verluste als „tolles Ergebnis und Teamleistung“. Erfreulich sei, der auf eine Stelle vor dem Komma geschrumpfte Anteil der AfD-Wähler. Da die SPD ihre Position verteidigt habe, sieht er auch einen „klaren Regierungsauftrag“. Die bisherige Koalition mit der CDU bescheinigt er „gute Arbeit“. Allerdings betont Schejna: „Es gibt keinen Automatismus. Wir werden selbstverständlich mit unserem Koalitionspartner, aber auch mit allen anderen demokratischen Parteien sprechen.“ So stehe in den kommenden Tagen die Vereinbarung von Gesprächsterminen im Mittelpunkt. Offenbar sollen die Gespräche alle per Videokonferenz geführt werden. Schejna schloss zwar nicht aus, dass es bereits bis zur konstituierenden Sitzung des Kreistags eine Entscheidung gebe, nannte dieses Ziel jedoch „sportlich“, denn „in der Corona-Zeit ist das nicht so einfach“.

CDU: Große Koalition fortsetzen

Die Kreis-CDU hat kleine Einbußen (0,9 Prozent) zu verzeichnen und schickt mit 23 Abgeordneten einen Vertreter weniger in den Kreistag. „Wir hatten die Befürchtung, dass wir mehr verlieren, weil die Entwicklungen in der Bundes-CDU es uns derzeit nicht leicht machen“, sagt Vorsitzender Michael Reul. Von daher sei man mit dem Ergebnis zufrieden. Der Koalitionspartnerin SPD, die aus der Wahl als stärkste Fraktion hervorgeht, gratuliere er: „Wir haben zweieinhalb Jahre vertrauensvoll zusammengearbeitet. Ich denke dass jetzt Kontinuität wichtig ist. Wir sollten eine Fortsetzung der Zusammenarbeit anstreben.“ Das gute Abschneiden von Grünen und Freien Wählern habe ihn überrascht. „Es zeigt dass die Wähler alte Parteibindungen aufgeben und auf aktuelle Geschehnisse reagieren. Es wird für uns schwieriger, das einzuschätzen“, sagt er.

Grüne sind die Wahlsieger: Zahl der Mandate verdoppelt

„Unsere Stimmung ist prächtig, wir sind die wahren Gewinner dieser Wahl“, freut sich Reiner Bousonville, Fraktionsvorsitzender der Grünen. 14 Sitze im Kreistag, das ist sogar noch einer mehr als beim letzten „Wahl-Boom“ der Grünen im Jahr 2011. Klarer Vorteil in der Wahl sei der große Anteil junger Menschen auf der Liste und ein kompetenter Wahlkampf gewesen. „Außerdem sind sind wir unseren Themen treu geblieben. Ökologie und Naturschutz gewinnen immer mehr an Bedeutung, und die Wähler sehen in uns den verlässlichsten Partner.“ Was die Regierungsverhältnisse angeht, eröffneten sich jetzt neue Perspektiven, denn auch die Koalition aus SPD, Grünen und FW wäre mehrheitsfähig. „Jetzt stellt sich die Frage: Will man im bekannten Fahrwasser weiter machen oder nicht. Ich hoffe die SPD ist mutig“, so Bousonville.

Freie Wähler holen zwei weitere Sitze

„Sehr erfreulich“ findet Freie-Wähler-Vorsitzender Heinz Breitenbach das Ergebnis. Zwei zusätzliche Sitze bedeuteten für die FW, die zuvor mit vier Sitzen im Kreistag vertreten war, schließlich 50 Prozent Gewinn. Als Gründe für das gute Abschneiden nennt Breitenbach einerseits eine verbesserte Aufstellung der Wählergemeinschaften in den Kommunen des Kreises, andererseits hätten FW-Themen wie das Radwegekonzept oder die Senkung der Kreisumlage sicher Wählerstimmen gebracht. „Wir warten jetzt, ob wir zu Gesprächen eingeladen werden“, so Breitenbach. In seinen Augen hat die Koalition aus SPD, Grünen und FW in der vorletzten Wahlperiode sehr gut zusammengearbeitet. „Zu dieser Variante würden wir grundsätzlich nicht nein sagen.“ FDP-Spitzenkandidat und Kreistags-Neuling Daniel Protzmann ist mit dem Ergebnis sowie dem kleinen Zuwachs zufrieden und zeigt sich gesprächsbereit. „Der Ball liegt nun bei der SPD.“

Satirepartei: „Mit dem ersten Antritt ein Mandat gewonnen“

Für eine Überraschung hat die Satiregruppe DIE PARTEI gesorgt, die mit 1,23 Prozent künftig über einen Kreistagssitz verfügt. Diesen wird die 23-jährige Silja Voigt aus Gelnhausen einnehmen, die sich am Mittwoch in ihrer Arbeitspause „positiv überrascht“ zeigt. Seit der ersten Trendmeldung am Sonntag war der Stimmenanteil von 0,9 Prozent stetig gestiegen. „Wir sind glücklich mit dem ersten Antritt eine Mandat errungen zu haben . . . jetzt muss ich erstmal zurück ins Büro und weiter meinen Job machen“, ließ sie wissen.

Die konstituierende Sitzung des Kreistags ist bereits festgesetzt worden auf Freitag, 23. April, um 9 Uhr in der Kultur- und Sporthalle in Gelnhausen. (Von Christine Semmler Und Thorsten Becker)

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