Aus Angst vor Repressalien lange geschwiegen: Erst als eine Frau sich gegen die sexuellen Belästigungen wehrte, kam es zu der Anzeige gegen den angeblichen „Marktleiter“. Symbolfoto: Piaxabay

Main-Kinzig-Kreis

Kolleginnen belästigt: 29-Jähriger muss Schadensersatz zahlen

Gelnhausen/Gründau. In einem Supermarkt in Lieblos hat ein Mitarbeiter im Jahr 2016 monatelang mehrere Kolleginnen sexuell belästigt. Eine Frau wollte er sogar zum Geschlechtsverkehr in der Mitarbeitertoilette zwingen.

Von Andreas ZiegertAngeklagt war der 29-Jährige aus Limeshain (Wetteraukreis) vor dem Amtsgericht Gelnhausen wegen sexueller Nötigung in fünf Fällen sowie Beleidigung in einem Fall. Verurteilt wurde er vom Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Petra Ockert jedoch nicht: Das Verfahren wurde gegen Geldzahlungen des Angeklagten an die drei ehemaligen Kolleginnen vorläufig eingestellt.

Die meist gestellten Fragen in dem mehrstündigen Prozess: Warum haben die Frauen bei den Taten nicht um Hilfe gerufen? Warum haben sie die sexuellen Übergriffe nicht schon früher angezeigt?

„Wir hatten Angst, er hat uns eingeschüchtert“, schilderte eine 34-Jährige die Situation der Supermarkt-Mitarbeiterinnen. Der Angeklagte habe sich teils als stellvertretender Marktleiter ausgegeben, was er aber allen Anschein nach nicht war.

Angeklagter hätte Opfer vergewaltigen wollen

Dennoch zitierte er die Frauen immer wieder ins Büro des Marktes, wo es zu den meisten Übergriffen kam. Danach drohte er ihnen mit dem Arbeitsplatzverlust oder privaten Repressalien.

Eine 31-jährige, inzwischen ehemalige Mitarbeiterin des Supermarkts in Lieblos, berichtete von zwei Fällen: Am 10. Juni 2016 zog er sie auf einen Bürostuhl, umklammerte ihren Körper mit einem Arm und griff mit dem anderen unter ihr T-Shirt und ihren BH. Am 29. Juli 2016 wollte er sie in der Herrentoilette des Marktes vergewaltigen.

Als das nicht klappte, forderte er die 31-Jährige auf, ihn zu befriedigen. In beiden Fällen musste er seine Vorhaben abbrechen, weil andere Mitarbeiter in die Räumlichkeiten kamen.Die Aussage der 31-Jährige erhielt allerdings einen Dämpfer, da sie zugab, dass sie sich vom Angeklagten einmal ein Stück ihres Heimweges mit seinem Auto fahren ließ.

Drei Mitarbeiterinnen erstatteten Anzeige

Als nächstes wurde eine 21-jährige Studentin aus Gelnhausen als Zeugin gehört, damals als Aushilfe in dem Markt tätig. Sie berichtete von unerwarteten Berührungen des Angeklagten an ihrem Gesäß, außerdem sah sie sich der Frage des Angeklagten gegenüber, ob sie damit einverstanden wäre, „wenn er auf meinen Arsch haut“. Sie verneinte und beendete dort ihre Tätigkeit wenig später. Von Anzüglichkeiten bereits seit Dezember 2015 berichte die 34-jährige Mitarbeiterin: Ihr griff der Angeklagte in den Intimbereich. Ende Juli 2016 war dann eine 30-Jährige aus Hanau das Opfer: Zunächst fragte er auch sie, ob er ihr aufs Gesäß hauen dürfe, bot ihr schließlich erst 50 und dann 100 Euro für Geschlechtsverkehr an.

Die 30-Jährige offenbarte sich ihren Kolleginnen, drei Supermarkt-Mitarbeiterinnen erstatten anschließend Anzeige, von mindestens noch einem weiteren Opfer war im Prozess die Rede.

„Da wusste ich, ich bin nicht mehr allein“, schilderte die 34-Jährige ihre Gedanken, als sie von den Übergriffen auf ihre Kolleginnen erfuhr.

Angeklagter entschuldigt sich

Der Angeklagte machte in der Verhandlung zunächst von seinem Schweigerecht Gebrauch, nachdem sich die Prozessbeteiligten in einem nicht öffentlichen Rechtsgespräch auf die Einstellung des Verfahrens geeinigt hatten, sagte er zumindest einen Satz: „Die ganze Sache tut mir sehr leid.“

Dass der Angeklagte nicht verurteilt wurde, hat er einer alten Rechtsprechung zu verdanken, die zu den Tatzeiten noch gültig war. Demnach fehlten dem Gericht genügend Merkmale der Gewalt, um ihn wegen sexueller Nötigung zu verurteilen.

Daher blieben „nur“ sechs Fälle der Beleidigung. Der neue Straftatbestand der sexuellen Belästigung wurde erst Ende 2016 und somit nach den Taten ins Strafgesetzbuch aufgenommen.

Verfahren gegen Entschädigungszahlungen eingestellt

Die Einstellung des Verfahrens wurde mit Geldzahlungen an die Opfer verbunden: Die 31-Jährige erhält 1750 Euro, die 34-Jährige 750 Euro und die 30-Jährige 500 Euro.

Der Angeklagte hat nun sechs Monate Zeit, diese Beträge zu zahlen – dann wird das Verfahren gegen ihn auf Staatskosten eingestellt. Die Kosten für zwei Anwälte und eine Anwältin der drei Frauen muss der Angeklagte jedoch übernehmen, urteilte das Schöffengericht.

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