Was geschah im Juni 2014 wirklich auf der Main River Ranch in Dörnigheim? Nach zwei Freisprüchen für die beiden Angeklagten könnte der Prozess um das getötete Ehepaar Klock neu aufgerollt werden. Archivfoto: Kalle

Hanau

Klock-Prozess könnte zum dritten Mal neu aufgerollt werden

Hanau/Maintal/Karlsruhe. War es Notwehr oder doch ein Doppelmord auf der „Main River Ranch“? Fünfeinhalb Jahre nach dem grausamen Geschehen auf dem heruntergekommen Pferdehof in Dörnigheim ist diese Frage immer noch nicht endgültig beantwortet.

Von Thorsten Becker

Der spektakuläre Fall Klock, über den das Landgericht Hanau bereits zweimal mit Freisprüchen für die beiden Angeklagten geurteilt hatte, wird nun zum zweiten Mal vom Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe unter die Lupe genommen.

Urteile sorgten für Aufsehen

Der zuständige 2. Strafsenat des BGH hat eine Hauptverhandlung über die Revision der Staatsanwaltschaft Hanau und der Nebenklage anberaumt, wie eine Gerichtssprecherin auf Anfrage bestätigte. Der Termin ist auf Mittwoch, 11. März, festgelegt.

Bereits die beiden Urteile im August 2015 sowie im März 2018 haben für großes Aufsehen gesorgt und dürften in die Hanauer Rechtsgeschichte eingehen. Dass die Generalbundesanwaltschaft und jetzt auch die Karlsruher Richter sich ein zweites Mal mit der Revision beschäftigen, ist ebenfalls ein sehr seltener Fall.

Leichen nach Monaten unter Misthaufen gefunden

Im Mittelpunkt steht das Geschehen am 6. Juni 2014 am Dörnigheimer Mainufer – für das es jedoch keinerlei Zeugen gibt. Denn Harry und Sieglinde Klock, die Besitzer des Anwesens, blieben lange verschwunden. Die Polizei fahndete monatelang öffentlich nach dem Ehepaar.

Erst dann gerieten Klaus-Dieter B. und sein Sohn Claus Pierre ins Visier der Ermittler. Beide hatten das Gelände von dem Ehepaar gepachtet. Eine Kündigung stand ins Haus, die Stadt Maintal wollte das Gelände räumen. Die offenbar nicht besonders gründliche Suche nach dem Paar endet, als sich Klaus-Dieter B. schließlich über einen Anwalt meldet und vernommen wird. Er führt die Beamten zum Fundort der beiden Leichen: Sie liegen rund vier Monate auf dem Ranch-Gelände – unter einem Misthaufen.

Angeklagte plädieren auf Notwehr

Dann folgt der Prozess, der im März 2015 vor der 1. Schwurgerichtskammer beginnt. Beide Angeklagte geben die Tötung des Ehepaars Klock zu, liefern aber ihre Version des Geschehens: Sie seien mit Messer und Axt angegriffen worden und hätten sich verteidigt.

Harry Klock wurde erstochen, seine Frau erschossen. Hintergründe sind, dass beide Parteien chronisch klamm sind, sich gegenseitig misstrauen. Am Ende stehen sich Anklage, Nebenklage und Verteidigung gegenüber, fordern die Verurteilung wegen Mordes auf der einen, Freispruch auf der anderen Seite.

Nach 19 Verhandlungstagen sorgt das Urteil für Tumulte der Opfer-Angehörigen im Schwurgerichtssaal: Vater und Sohn werden von den Vorwürfen freigesprochen. „Im Zweifel für die Angeklagten“ lautet die Begründung. Da es keine Zeugen für die Bluttat gebe, sei die Version der Notwehr und Nothilfe nicht auszuschließen, so der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück in der Begründung.

Staatsanwaltschaft legt Revision ein

Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze will diesen Freispruch nicht akzeptieren. Er sieht Fehler im Urteil, Indizien nicht richtig bewertet und legt Revision ein. Ebenso die Nebenklage. Der Bundesgerichtshof kassiert das Urteil, der Fall muss zum zweiten Mal vor dem Hanauer Landgericht verhandelt werden.

Diesmal ist es die 2. Große Strafkammer, die den Fall von November 2017 bis in den März 2018 verhandelt. Das Ergebnis ist das gleiche: Freispruch für beide Angeklagte. Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel kommt zu dem Schluss, dass das Ehepaar Klock die Pacht von 450 Euro eintreiben wollte und stellt fest: „Es liegt nahe, dass die Gewalt von Harry Klock ausging.“

Nur eines ist anders: Klaus-Dieter B. wird diesmal wegen illegalen Waffenbesitzes zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt, die durch die Untersuchungshaft längst verbüßt ist.

Fehler in der Beweisführung?

Abermals legen Staatsanwaltschaft und Nebenklage Revision ein. Oberstaatsanwalt Heinze sieht erneut Lücken und Fehler in der Beweisführung. Von den Anwälten der Nebenklage wird zudem ein Kuriosum bemängelt: Einer der beisitzenden Richter, der zwischenzeitlich die Strafkammern gewechselt hatte, ist an beiden Verhandlungen und beiden Freisprüchen beteiligt gewesen.

Dass die Karlsruher Richter nun zum zweiten Mal eine Hauptverhandlung angesetzt haben, nennt Oberstaatsanwalt Heinze „ein Novum“. In der neueren Hanauer Justizgeschichte gebe es keinen vergleichbaren Fall.

Staatsanwaltschaft will neuen Prozess

Wie geht es weiter? Verwirft der BGH die Revision, sind die Freisprüche endgültig und unanfechtbar. Wird das Urteil erneut aufgehoben und an das Landgericht Hanau zurückverwiesen, dann könnte der Fall Klock nur noch von der 5. Großen Strafkammer unter dem neuen Vizepräsidenten Dr. Mirko Schulte verhandelt werden. Oder aber: Ein anderes Landgericht müsste sich dem Fall annehmen, einen komplett neuen Prozess führen und alle bisherigen Zeugen erneut vernehmen.

Das ist das Ziel von Oberstaatsanwalt Heinze: „Wir sind der Auffassung, dass der Fall an ein anderes Landgericht in einem anderen Gerichtsbezirk verwiesen werden sollte.“ So steht es in der Revisionsschrift, die nun von der Generalbundesanwaltschaft vertreten wird.

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