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St.-Vinzenz-Krankenhaus Hanau: Wegen Corona bleiben derzeit auch viele Patienten weg.

Kliniken befürchten Einnahmeverluste: Hunderte Operationen mussten wegen Corona verschoben werden und Patienten blieben weg

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Die Covid-19-Pandemie wird auch an den Krankenhäusern im Main-Kinzig-Kreis nicht spurlos vorbeigehen. Das zeigt eine Umfrage unserer Zeitung unter dem Klinikum Hanau, dem St.-Vinzenz-Krankenhaus sowie den Main-Kinzig-Kliniken mit ihren Standorten in Gelnhausen und Schlüchtern.

Wie überall in der Republik galt es auch hier, Krankenhausbetten und Intensivplätze für die Behandlung von Covid-19-Patienten vorzuhalten. Diese Betten fehlen für die normale Versorgung. Viele Hundert planbare Operationen sind seit Mitte März ganz abgesagt oder verschoben worden. Aber auch Behandlungen in sogenannten „konservativen“ Abteilungen, wie zum Beispiel der Inneren Medizin und der Geriatrie, sind betroffen. Dadurch fehlen Einnahmen, während viele Kosten weiterlaufen. 

Finanzielle Verluste gibt es zudem durch den Rückgang bei ambulanten medizinischen Leistungen einzelner Krankenhäuser. Niemand kann sagen, wie sich die Situation weiter entwickeln wird. Zwar können die Häuser jetzt – wenn auch nur in kleinen Schritten – zum Normalbetrieb übergehen, doch auch das nur unter dem Vorbehalt, dass das Tempo der Covid-19-Neuinfektionen stabil bleibt. Steigen die Ansteckungszahlen hingegen über einen für die Versorgung kritischen Wert, dann kann es durchaus sein, dass die Kliniken ganz oder teilweise in den Krisenmodus zurückschalten müssen. 

Auch Main-Kinzig-Kliniken geht es nicht besser

Weil Platz für Covid-19-Patienten frei gehalten werden musste, standen allein dem Klinikum Hanau seit dem 15. März 140 Betten aus der Normalversorgung und 20 von 30 Intensiv- und Überwachungsbetten nicht für die ‧reguläre Patientenversorgung zur Verfügung. Im kleine‧- ren katholischen St.-Vinzenz-Krankenhaus wurden seit Mitte März zwischen 40 und 50 Prozent der Betten auf den „Normalstationen“ nicht belegt, wie die Klinikleitung dem HANAUER ANZEIGER mitteilte. 

Main-Kinzig-Klinik Gelnhausen: Die Operationsausfälle hier und an den übrigen Kliniken im Kreis betreffen fast alle Abteilungen.

Und auch den Main-Kinzig-Kliniken mit ihren Standorten Gelnhausen und Schlüchtern geht es nicht besser. Die beiden kreiseigenen Klinikstandorte Gelnhausen und Schlüchtern zählten zwischen dem 19. März und 13. Mai genau 61 bestätigte stationäre Patienten unter allen Covid-19-Fällen, von denen 18 auf der Intensivstation behandelt werden mussten. Auch gab es zahlreiche Corona-Verdachtsfälle. 

Klinik-Chefs wollen erst einmal keine Prognose

Die Ärzte im städtischen Klinikum Hanau haben in diesem Zeitraum insgesamt 470 Covid-19-Patienten gesehen, davon befanden sich 70 in stationärer und/oder intensivmedizinischer Behandlung. Im St.-Vinzenz-Krankenhaus wurden seit Mitte März 105 Verdachts- und bestätigte Infektionsfälle auf der „normalen“ Covid-19-Station und neun weitere Patienten auf der Intensivstation gezählt. Weil die für die „Pandemie“ reservierten Plätze teuer sind, gibt es nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) für jedes frei gehaltene Bett pro Tag eine Pauschale von 560 Euro. Ob das reicht, um die Verluste auszugleichen? 

Die Klinik-Chefs im Landkreis wollen wegen der weiter unsicheren Pandemie-Entwicklung allesamt erst einmal zuwarten und jetzt noch keine Prognose abgeben. Doch die DKG in Berlin macht zumindest für die Verluste bei den Intensivbetten schon jetzt wenig Hoffnung, dass die staatlichen Ausgleichszahlungen reichen, wie der HANAUER ANZEIGER auf Nachfrage erfuhr: „Erkennbar ist, dass die Freihaltepauschale von 560 Euro für die bundesweit große Zahl der nicht belegten Intensivbetten unzureichend ist“, so deren Pressesprecher auf Nachfrage. Der tatsächliche Bedarf sei bei der Konzipierung des Rettungsschirms nicht abzusehen gewesen, heißt es. Deswegen müsse eine „deutliche Erhöhung“ dieser Freihalte-Pauschale her. Immerhin hat das Land ‧Hessen inzwischen ein schrittweises Wiederhochfahren des Normalbetriebs erlaubt. 

Kaminsky: Glücklicherweise hat das Klinikum das zurückliegende Wirtschaftsjahr positiv abgeschlossen

Dieter Bartsch, Geschäftsführer der Main-Kinzig-Kliniken, teilte dazu auf Anfrage mit: „Wir haben behutsam damit begonnen, den schrittweisen Übergang in eine neue 'Normalität' umzusetzen.“ Die Zahl der Operationen soll in einem ersten Schritt um 25 Prozent gesteigert werden. Ende Juni werde man dann weitersehen. Sein Kollege Volkmar Bölke vom Klinikum Hanau mahnt: „Planbare Eingriffe sind aktuell zwar wieder möglich. Trotzdem müssen wir die Situation täglich neu bewerten und können nicht sagen, wann wir wieder zu einem tatsächlichen Normalbetrieb zurückkehren können.“ Unter der Voraussetzung, dass es bei der jetzigen Entwicklung der Covid-19-Pandemie im Kreis bleibt, will das St.-Vinzenz-Krankenhaus bis zum Monatsende seine Operationssäle schrittweise für den Normalbetrieb öffnen, „allerdings unter Einschränkung – beispielsweise bei Eingriffen mit dem Risiko einer anschließenden Behandlung auf der Intensivstation“, wie Geschäftsführer Michael Sammet hinzufügt. 

Klinikum Hanau: Wegen freigehaltener Corona-Betten verlieren die Kliniken voraussichtlich Geld.

Sein Haus sieht sich zudem nach wie vor in der Verantwortung, gegebenenfalls auch kurzfristig Covid-19-Intensiv-Patienten aus dem Klinikum Hanau aufzunehmen, wenn die Situation dort es erfordert. Die nun wegen der Pandemie wieder unsichere finanzielle Situation der Kliniken bereitet auch dem Aufsichtsrat des Klinikums Hanau Kopfzerbrechen. Dessen Vorsitzender Claus Kaminsky sagte unserer Zeitung auf Nachfrage: „Glücklicherweise hat das Klinikum das zurückliegende Wirtschaftsjahr positiv abgeschlossen, sodass wir für dieses Jahr ein Plus von 1,4 Millionen Euro einplanen konnten. Dieses Geld wird dringend für die weitere Modernisierung der Infrastruktur unserer Klinik benötigt.“ 

Kaminsky fordert eine gesamtgesellschaftliche Diskussion

Doch darin liege auch eine große Unsicherheit, so der Hanauer Oberbürgermeister. Man wisse nicht, ob das Geld aus dem Rettungsschirm für frei gehaltene Betten tatsächlich ausreicht. Kaminsky: „Läuft es ungünstig, dann schwächt das für die Zukunft unser Potenzial für die dringend anstehenden weiteren Modernisierungen. Das will niemand.“ Klar sei aber auch: „Nach der Pandemie müssen wir schnellstens eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über den Stellenwert der Daseinsvorsorge unserer Krankenhäuser, aber auch Pflegeheime und ähnlichen Einrichtungen führen.“

Warum den Kliniken Einnahmen wegbrechen 

Ausgefallene planbare Operationen: Beispielsweise wurden vor Corona in den Main-Kinzig-Kliniken Gelnhausen und Schlüchtern pro Woche etwa 12 Patienten an Knie, Hüfte oder Schulter operiert. In sechs Wochen sind (seit dem 15. März) somit etwa 80 Operationen allein in der prothetischen Versorgung von Patienten ausgefallen. Nicht stattgefunden haben wegen der Covid-19-Pandemie auch Gallen- oder Leistenbruch-Operationen, Schrittmacherkontrollen, gynäkologische und urologische Eingriffe, Zysten-, Gebärmutterhals- oder Blasen-Operationen. Im ‧Klinikum Hanau mussten seit Mitte März zwischen 600 und 700 geplante Operationen verschoben werden. Deutliche OP-Ausfälle gab es auch im St.-Vinzenz-Krankenhaus. Patienten bleiben weg: Das St.-Vinzenz-Krankenhaus berichtet, dass zu den abgesagten Operationen auch „eine nicht bekannte Anzahl von Patienten“ kommt, die wegen der staatlichen Anordnungen weggeblieben sind oder sich mit behandlungspflichtigen gesundheitlichen Störungen erst gar nicht an die Klinik gewandt haben. Dieses Problem gibt es überall. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft teilte unserer Zeitung mit, dass es ‧bislang bundesweit in vielen Krankenhäusern einen Patientenrückgang „von 30 Prozent und mehr“ gegeben habe.litt

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